Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 10 (15.5.1868)
- Date
- 1868-05-15
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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75 Tochter vor den Verfolgungen seiner Glaubensgenossen schützt, ist durch die Machinationen Ben Jochai's ruinirt, in wenig Tagen zum Bettler geworden, dessen Haus und Habe ihm, seinem früheren Schwiegersöhne, verfällt. Auch llriels Brüder, Handelsleute, sind von der Gemeinde geächtet, um ihr Leben zu fristen, müssen sie auswandern, mit der alten blinden Mutter. Die Familie, die Liebe, tritt hier vor den Freiheitsstreiter, und fleht: Widerrufe! Das Bewußtsein der Wahrheit, das ungebeugte Recht einer in den Tiefen des freien ungefesselten Gedankens begründeten Ueberzeugung drängt ihn von diesem Schritte zurück. Da naht ihm seine blinde Mutter, es nahen seine Brüder, die von der Last des Fluches, die sich auf die Familie gewälzt hat, niedergedrückt mit der Greisin auswandern wollen; seine Geliebte wirft sich in die Wagschals, und die andere, in welcher sein Entschluß liegt, flattert empor. — Und wie der Mutter blindes Auge, der Geliebten strömende Thräne ihn anfleht und er das Elend sieht, das seine Freiheitsbestrebungen über die Theuersten verhängt, da kann er nicht widerstehen, er stürzt in die Synagoge, um zu widerrufen. Die Scene im vierten Acte, Uriel's Verhör vor dem jüdischen Inquisitions-Tribunale, ist das Schönste im Drama. Ben Akiba, der hundertjährige Altglaube, mit seinem weißen Haare, halb fromme Einfalt, halb talmudischen Tiefsinn auf den Lippen, ist eine wahrhaft erschütternde Gestalt. Von Schmerz zu Schmerz wird Acosta gehetzt, bis der Synagogenvorhang sich lüftet und er vor allem Volke die Irrlehren seines Buches abschwören und verfluchen soll. Er hat sich den von der Synagoge über ihn verhängten Bußen unterworfen; schon ist er bereit, an heiliger Stätte den Widerruf laut zu erklären — da meldet ihm sein Bruder Rüben, daß ihre Mutter starb — nun bleibt ihm nur noch Judith, um derentwillen er widerrufen will. Er liest den Widerruf ab, so weit seine Kraft reicht, doch während er sich auf die Schwelle des Gotteshauses hinwirft, daß die Gläubigen und Frommen alle über ihn hinwegschreiten, dringt Ben Jochai ein, verkündet, daß Judith, um ihren Vater vor dem Sturze zu retten, ihm wiederholt ihr Jawort gegeben hat, und schickt sich an, der Erste über den zur Buße hingestreckten Nebenbuhler hinwegzuschreiten. Alle Fibern seiner Natur reißen in Uriel, in wilder Leidenschaft, daß er um zweier Leichen willen seine Ueberzeugung geopfert, widerruft er seinen Widerruf und ladet doppelten Fluch auf sich. Bei der Hochzeitsfeier Judith's, die um ihren Vater vom Bettlerbrod zu retten, sich als Eheweib dem Repräsentanten des hartherzigen Mannes dem Ben Jochai, verkauft hat, irrt Uriel mit seinem Neffen, dem Knaben Baruch Spinoza, in Vanderstraatens Garten umher; Uriel und Judith fühlen, daß sie nicht mehr leben können mit ihren der Lüge verkauften Seelen; sie vergiftet sich mit dem Brautkranz im Haare und Acosta folgt ihr -urch einen Pistolenschuß im selbstgewählten Tode nach! Die gesammte Kritik einigte sich, als das Stück im December 1846 zum ersten Male an der königlichen Hofbühne in Dresden gegeben wurde, daß Gutzkow einen schönen menschheitlichen Stoff ernster und fester gepackt als es sonst der Fall gewesen war (vergl. die Grenzboten 1846.) — Er hatte da einen Helden aufgegriffen, in dessen Leben sich symbolisch der Kampf der Zeit abspiegeln sollte. Die freie Forschung gegenüber der Orthodoxie; die Familie, die Liebe im Kampfe mit dem ewigen Freiheitsgedanken der Zeiten, das lst ein Zwiespalt, der durch alle Jahrhunderte geht, und heute noch seine tragischen Opfer fordert. Das wahrhaft Dramatische des Stoffes hat bei Gutzkow reiche, poetische Bluthen getrieben; keine Floskeln, keine Tiraden rufen das verstumnende Gefühl des Gemachten, Absichtlichen hervor; man fühlt es Gutzkows Versen an, daß sie aus einer von der ganzen Bedeutung des Stoffes tiefinnerlich durchdrungenen Brust hervorgequollen sind. Das Consessionelle ist nach fernen verschiedenen Richtungen außerordentlich treffend in den einzelnen Charakteren hingestellt. Während der Rabbi de Santos den starren Glaubenszwang, Acosta das Recht der freien Vernunft repräsentirt, steht zwischen ihnen der Arzt de Sylva, auch er hat einst über Glaubenssachen philosophirt, und wenn ihn auch das Alter auf die feste Basis des Ueberlieferten zurückgezogen hat, so drängt ihn doch ein unabweisbares Bewußtsein von der Berechtigung des freien Denkens auf den Weg des just milieu hin, auf welchem er die an einander gerathenen Extreme zu vermitteln strebt. Am reinsten im Glauben aber steht der Oberrabbi Ben Akiba da, denn er läugnet, daß der Glaube bewiesen werden könne. Wenden wir uns nun von der poetischen zur historischen Gestalt Uriel Acostas, so besitzen wir über sein Leben keine andere Quelle als seine Selbstbiographie, die aber manche Lücken läßt, die lateinisch und deutsch mit einer Einleitung von einem Ungenannten in Leipzig bei Wöllner erschien; außerdem schrieb Dr. Jellinek hauptsächlich gegen Gutzkow's Fiction über „Uriel Acosta's Leben und Lehren" (Zerbst 1847) ein Buch, das im Brockhaus'schen Conversationslexikon und in Stegers Ergänzungsblättern zu allen Conversationslexiken, erwähnt ist, das ich aber leider nicht besitze und nicht benützen konnte. Nach Brockhaus wurde Uriel (Gabriel) Acosta, ein portugiesischer Edelmann, aus einem vormals jüdischen Geschlechte 1587 zu Oporto geboren. Nach Steger, dessen Daten ich in diesem Aufsatze folge, wurde er im Jahre 1594 zu Oporto geboren. Er stammte von einer Familie, die zur Zeit der Judenverfolgungen zum Uebertritt zum Christenthum gezwungen wurde, und sein Vater war ein wirklicher Christ und ein ehrenwerther und redlicher Charakter. Von diesem erhielt er eine anständige aber streng katholische Erziehung und widmete sich dem Rechtsstudium. Im 25. Jahre erlangte er ein kirchliches Benefic. Er beschäftigte sich mit Vorliebe mit dem Lesen des Evangeliums wie mehrerer geistlicher Bücher und studirte die wichtigsten confessionellen Schriften, doch konnte er sich, je mehr er las und studirte, nicht entschließen, seine Sünden nach römischem Gebrauche zu beichten; eine ungezügelte Zweifelsucht bemächtigte sich seiner, das was er über das ewige Leben nach dem Tode als Glaubensprincipien gelernt hatte, stand ihm nicht im Einklänge mit seiner Vernunft; so wurde er nach und nach vom Christenthume abgewendet, und beschäftigte sich mit dem Judenthume, da er sich doch, wie er sagte, zu einer Religion bekennen wollte. Er las die Bücher Mosis und die Propheten, wo er Stellen fand, welche mit dem neuen Testamente allzuscharf im Widerspruch standen. Ohne Zweifel trugen die alten Traditionen der Familie nicht wenig dazu bei, ihn dem Judenthume zuzuführen. In seiner Selbstbiographie erzählt er, wie er, weil man sich in Portugal zum Judenthum nirgendwie bekehren durfte, daran ging, seinen Wohnsitz zu verändern, und den heimischen und vaterländischen Boden zu verlassen. Er verzichtete demnach auf sein kirchliches Amt und verließ ein prächtiges, im besten Theile der Stadt gelegenes Haus, das sein Vater gebaut hatte. So fuhr denn er, seine Mutter und seine Bruder, nicht ohne Gefahr, denn es war den Leuten hebräischer Abkunft nicht gestattet, ohne besondere königliche Genehmigung das Land zu verlassen, von Oporto zu Schiff nach Amsterdam, wo die Juden sich in einem ganz freien Zustande befanden, und sämmtliche männliche Mitglieder der Familie vollzogen sogleich die zur Erfüllung des jüdischen Gesetzes nöthige Beschneidung. Doch kaum war er Jude geworden, so trat wieder der Conflikt seiner kritischen Vernunftideen mit den Satzungen des starren Judenthums als gewaltiger Factor auf seinen Lebenspfad. Acosta hatte vor seinem Uebertritte nur jene Stellen des alten Testaments im Auge gehabt, die seiner schwankenden Religionsüberzeugung am besten zusagten, um die Tradition und um den Talmud aber hatte er sich gar nicht gekümmert. Nun fand er die Sitten und Gebräuche des Judenthums nicht übereinstimmend mit der Lehre Mosis! Er machte es sich nun zur Aufgabe, mit einer freisinnigen Auslegung des Gesetzes aufzutreten. Acosta aber sollte seine Emancipation von den Fesseln der Orthodoxie strenge büßen. Die Rabbinen sagte er in seiner Selbstbiographie, die „an der Secte und den Gesetzen der verabschöuungswürdigen Pharisäer hartnäckig kleben, und zwar nicht ohne Aussicht auf eigenen Vor- *