Mannheim
Compact Memory

Das Abendland · 1868-05-15 · 10 (15.5.1868) · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
10 (15.5.1868)
Date
1868-05-15
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9050333-9094778-9051195--0875-9051197
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

74 Als der Orden dies erfahren, führte er darob Klage bei dem König, und erwirkte auch folgenden UrtheilSspruch: sämmtliche Juden nämlich, welche dem Beschneidungsacte anwohnten, sollten lebendig verbrannt, die übrigen hingegen aus dem Lande verjagt werden. — Ist ja dies besonders ein charakteristisches Geschick Israels in den trüben düstern Zeiten des Mittelalters gewesen mpn bü TIK W d. h. daß die Gesammtheit Israels stets für das Vergehen des Einzelnen zur Verantwortung gezogen wurde. — Zu gleicher Zeit, als jene verhängnißvolle Verfolgung der Juden in Frankreich stattfand, soll nach R. Salom. ihidem p. 215 zu Bodon auf den: öffentlichen Markte eine brennende Fakel aufgesteckt worden sein, und Herolde verkündeten in den Straßen, daß jene Juden, die dieser grausamen Verfolgung entgehen und zum Christenthum übertreten wollen, selbes bewerkstelligen müssen, so lange überhaupt noch die Fackel brenne, sollte sie aber einmal erloschen sein, wäre es zu spät und müßten alle lebendig verbrannt werden. Es lebte aber zu Bodon ein Jude, den der Gouverneur dieser Stadt besonders begünstigte. Als ihm nun der Gouverneur großartige und glänzende Versprechungen machte, falls er vom Judenthum sich lossage und die christliche Religion annehmen würde, jener aber trotz allen Versprechungen in seinem angestammten Glauben fest und unerschütterlich ausharrte, drohte ihm der Gouverneur ebenfalls mit dem schrecklichen Feuertode. — Der Jude antwortete hierauf: Es ist möglich, wenn ich zu dem schrecklichen Feuer hintreten würde und der Flammen daselbst ansichtig werde, daß sich da aus Furcht mein Glaubenssinn ändern möchte. Der Gouverneur ließ hierauf am Wirkte der Stadt ein großes Feuer anzünden und als er in Begleitung des Juden dem Feuer sich nahte, soll der Jude ihn erfaßt und ins Feuer geschleudert haben; hierauf stürzte er sich ebenfalls hinein, wo sie dann beide des Feuertodes starben. — Trotzdem die Juden aus Frankreich verjagt wurden, gab es doch noch viele im Lande, welche Schein-Christen „Anusim" waren, und größtentheils, um vor allen Gefahren geschützt zu sein, in den geistlichen Stand traten. So unter Mehreren der berühmte jüdische Arzt Jsak Orobius, welcher aus Spanien nach Toulose wanderte, und da seiner umfangreichen Kenntnisse halber zuerst einige Jahre hindurch die Professorstelle zu Toulose bekleidete, später aber, nachdem er sich mehr auf medicinische Studien warf, es in seiner Kunst dahin brachte, daß er königlicher Leibarzt geworden (Vgl. Basnag. hist, de juifs. s. 2112). Daß ferner der äußerst berühmte Gelehrte Johann Bodinus ebenfalls heimlich Jude gewesen, ist aus seinen Schriften, besonders aus seinem „Heptaplomeres“ leicht ersichtlich, indem er in dieser Schrift die Beweisgründe der Juden aufs Eifrigste vertheidigt. (Vgl. Capell. p. 51.) Im Mai des Jahres 1615 befahl Ludwig XIII. daß sämmtliche Juden, welche unter der Maske des Christenthums sich im Lande aushielt.n, innerhalb eines Monats das Land zu räumen haben, obschon der damals bei Hofe im großem Ansehen stehende portugiesische jüdische Leibarzt Philosaeus Aelianus de Montaldo sich eifrigst für sie verwendete. Der dramatische und der historische Ariel Äcosta. von Leopold Wolf in Prag. „Der Saducäer von Amsterdam", eine im 11. Bande von Gutzkow's gesammelten Werken abgedruckte Novelle bot demselben reichbegabten Dichter den Stoff zu seinem bekannten Trauerspiele, „Uriel Acosta", und der Umstand, daß Gutzkow das schon einmal in erzählender Form behandelte Thema nun wieder als Tragödie dramatisirte, zeigt, daß die Persönlichkeit des Titelhelden ihn besonders interessirt und ihm geeignet geschienen haben mag, mit diesem Stücke einen Griff nicht nur in das von wechselnden Trieben und Meinungen getriebene und schwankende Menschenherz, sondern auch in die schwerwiegenden Fragen des Kampfes der Vernunft mit der Orthodoxie zu machen und zwar durch seine rein menschliche Auffassung eines Kampfes um die Ueberzeugung in einer Menschenbrust, durch die Conflikte der freigedachten Wahrheit mit den Banden der Familie und den Gefühlen des Herzens. Betrachten wir die nakte Fabel des Stückes, wie sich sie Gutzkow zurechtgelegt hat. Wir sind in Amsterdam in der Mitte des jüdischen Lebens, das dort auf dem Boden einer jungen Republik sich in seinem Gegensätze zu den freisinnigen Strömungen der Zeit nur noch starrer entwickelt hat, und zwar im Hause des Arztes de Sylva, der sich inehr mit Talmud und Thora als mit den Aphorismen des Hippokrates zu beschäftigen scheint. Ben Jochai, ein reicher junger Kaufmann, erst von langjährigen Reisen zurückgekehrt, entdeckt dem alten de Sylva, daß er in seiner Verlobten Judith, der Tochter des reichen Kaufherrn Vanderstraaten, nicht mehr das Mädchen fand, das er zurückgelassen. Uriel Acosta, ein Portugiese jüdischer Abkunft, dessen Eltern sich in Portugal scheinbar zum Christenthume bekannten, die aber in Amsterdam zum Judenthume zurückgekehrt sind, ein feuriger Forscher in Religionssachen, halb Poet, halb Philosoph, der im Judenthume die Wurzeln eines freien Deismus sieht, hat in Amsterdam ein Buch veröffentlicht, in welchem er die Glaubenssatzungen des Judenthums vor den Richterstuhl der Philosophie gezogen hat. Dieser Uriel Acosta ist Lehrer der Judith geworden , und wie er ihre Seele an seine Lehrmeinungen herangezogen, ist auch ihr Herz, noch unbewußt, sein geworden. Haß und Zorn wühlen nun in Jochais Brust gegen Uriel, als dieser hereintretend seinem früheren Lehrer Sylva, dem Onkel Judiths, erklärt, er wolle abreisen, um dem Kampfe seines Herzens, um einer Neigung seiner schönen Schülerin, die schon einem anderen Manne angelobt sei, zu entfliehen. Aber sein Buch hat im Schooße der jüdischen Orthodoxie Greuel erregt, die Männer des starren Dogmas, die jedes Grübeln und Deuten in und von Religionssatzungen strenge verpönen, wollen Sühnung, der Rabbi de Santos übergibt Uriels Buch dem gelehrten Sylva, daß er es prüfe nach dem Talmud und der Thora. Bon dem Augenblicke an, wo sein Buch den Kampf im Judenthume zu wecken scheint, fühlt Acosta, daß seine Flucht aus Amsterdam ihm nur schimpflich werden könne. Er glaubt seine Sache an Ort und Stelle vertreten zu müssen, den Gegnern den Beweis des Muthes nicht entziehen zu können. Alles hängt von seines Lehrers, vom Oheime Judiths, von Sylvas Entscheidung ab. Dieser, ein Geist des edlen und milderen Conservatismus, will den Acosta, in dem er den Denker ehren muß, wiewohl er die Richtung seiner religiösen Anschauung verdammt, durch eine Hinterthür vor den Verfolgungen der herrschenden orthodoxen Synagoge retten und doch wahr sein. „Der Verfasser ist kein Jude" schreibt er als Censorsentscheidung auf das Buch, und weist den Rabbiner auf das Scheinchristenthum seiner Eltern zurück. Aber Uriel will kein Christ heißen, will Jude sein, will mit dem gedrückten Volke Leid und Noth tragen. Vom Schooße des Judenthums aus will er reformiren. Während nun Uriel Acosta auf Vauderstraatens Villa unter dessen Gästen weilt, bringt ihm der Rabbi de Santos den Bann der Synagoge, das Widerhorn ertönt, und der Fluch der Flüche ergeht über den verlornen Abtrünnigen. Alle fliehen ihn nun; so wie aber Alles scheu vor ihm zurückweicht, wird sich Judith ihrer ganzen Liebe zu Uriel bewußt, sie wirft sich ihm ans Herz und will Fluch und Unglück mit ihm theilen Der Vater weicht der Liebe seiner Tochter, ihr Oheim Sylva sucht die Lösung Acostas aus dem Banne und dem Fluche zu vermitteln — er soll widerrufen. Inzwischen hat die Orthodoxie und der durch Ben Jochai repräsentirte Haß alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Alle, die mit dem Verfluchten in Berührung stehen, unglücklich zu machen. Der reiche Vanderstraaten, der den Geliebten seiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.