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Das Abendland · 1868-05-01 · 9 (1.5.1868) · p. Seite 67

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
9 (1.5.1868)
Date
1868-05-01
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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67 Juden und Mexikaner, v. Von Dr. B. Placzek. Der Botaniker, der den Gattungscharakter einer Pflanze erkennen und bestimmen will, schaut prüfend in die Blüthe, die sie treibt. In ihrem Kelch liest er an den Blumenblättchen und Fäden die Natur und das Wesen der Pflanze. Und will man die organische Natur, das innerste Wesen! eines Staates erforschen, so betrachte man die Blüthe, die er an der Spitze ansetzt. — Der Hofstaat, der sich um den | Thron wie die Blüthenkrone um den Fruchtkern entfaltet.! Richten auch wir darum noch den Blick auf das Hofleben i in Mexiko, um das Culturbild jenes alten Reiches zu verj vollständigen und so den sicheren Hintergrund für die eigenti lichen vergleichenden Betrachtungen zu gewinnen. Die verj schwenderische Pracht, mit der Montezuma II. sich umgab, i übertraf den üppigen Luxus eines Salomo — dessen Con- : tersei Manche in jenem mexikanischen Könige wiedererkennen wollten — eines Sardanagal, eines Heliogalabus. Es war die schwellende „gefüllte Blüthe", deren eitler Prunk den Fruchtkern verzehrte. Der blendende Farbenglanz, die endlosen Schwelgereien eines orientalischen Hofes, paarten sich dort mit dem beschwerlichen Ceremoniell eines abendländischen, von dem ein geistvoller Historiker sagt: „Es ist vielen Völi kern eigen, ein kindisches Vergnügen an einem blendenden! Gepränge zu finden, Schein für Sein zu nehmen, eitlen Glanz! für Macht zu halten, den Thron selbst mit einem einfältii gen, unerträglichen Hofzwang, der Nachäffung wirklicher Ma-! jestät, zu umgeben." Cortez, an die spanische Etiquette gewöhnt, gerieth über den combinirten Apparat des mexikanischen Hoslebens in kein geringes Erstaunen.* *) Eine Legion von Schranzen, die zum Haushalte des Hofes gehörten und denen ein großer Stadttheil angewiesen war, tummelten sich in dem herrlich geschmückten königlichen Palaste, der unter der Aufsicht eines Majordomus, Huicalpixqui, stand, umher; ihre von Gold und Edelsteinen und jener wunderbaren mexikanischen „Federmosaik" strotzenden Gewänder wetteiferten mit der glänzendsten Pracht der Räume. Im bunten Gewühle drängten sich und wechselten mit einander ab Künstler, Tänzerinen, Akrobaten, Zwerge, lobsingende Schmeichler — um mit Livius zu sprechen: Oesiäeratae llumi jaeentium aäu1ation68 — aber auch Hofnarren, denen der Mexikaner zum Lobe nachsagte: „Man kann von ihnen mehr als von weisen Männern lernen." Die Gourmandise erreichte unter Montezuma II. den Culminationspunkt der Schwelgerei. Auf der Tafel des Königs waren täglich Gerichte, zu denen Flüsse, Seen und Wälder ihre köstlichen Bewohner, der Boden seine besten Erzeugnisse hergeben, an denen eine entwickelte Kochkunst ihre Kräfte erschöpfen mußte. Für jedes Gericht gab es eine eigene Wärmevorrichtung. Fische wurden aufgetragen, die noch Tags zuvor im mexikanischen Meerbusen sich umhergetummelt, und Früchte, die erst in der terra caliente gepflückt wurden. Eigene Eilboten waren dazu bestimmt, die Speisen für die königliche Tafel in größter Schnelligkeit herbeizuschasfen. Jeder Winkel seines Reiches mußte pflichtschuldigst den Tribut zu seinem Mahle zollen — ein sinnreiches Mittel für seine speisende Majestät, um specielle Statistik seines Landes zu treiben. Auch das Menschenfleisch fand einen etwas direkteren Weg zu seinem allerhöchsten Magen, als ihn „Hamlet" zum Magen des Bettlers vorzeichnet.**) Nach der Mahlzeit ergötzten sich die Herr- _ > *) Er äußert sich hierüber: Ninguno de los Soldanes, ni otro > mngun senor infiel de los que hasta agora se tiene noticia, no creo, que tantus ni tales ceremonias in servicio tengan. Man kann sich übrigens nahezu die rechte Vorstellung von der Ungeheuerlichkeit des mexikanischen Hoflebens machen, wenn man lrest, daß 5 Städte jährlich 16000 Ballen Agavepapier als Schreibematerial zu hieroglyphischen Gebrauch an den König liefern mußten. (Humboldt, Vuss 8. C. 51.) **) Hamlet: Es könnte Einer mit dem Wurme fischen, der von einem scher an den Klängen einer wenn auch barbarischen Musik an den rythmischen Bewegungen verschlungener Tänze, deren künstlichster der sogenannte „Netztanz" war, oder belustigten sich an grotesken 'Maskenaufzügen, an den Produktionen von Clown's, die Manches mit den Prästigiatores, funambuli (Nevpoßa-ai) und Petauristä der alten Römer und Griechen gemein hatten. Dieser ungeheuere Aufwand verzehrte das Mark des Volkes, höhlte das Reich aus, daß es beim ersten Anprall von Außen zusammenbrach. Gibt es eine schneidendere Ironie, eine schärfere Satyre auf die verschwenderische, üppige Lebensweise eines Montezuma, als die Bedeutung seines Namens — „ernster, strenger Mann" — als folgende Ansprache, die der Oberpriester an ihn bei seinem Regierungsantritte hielt?*) „Wer kann zweifeln, daß das aztekische Reich den Scheitelpunkt seiner Größe erreicht hat, da Gott einen Mann über dasselbe gesetzt, dessen Erscheinen schon allein jeden mit Ehrfurcht erfüllt? Freue dich, glückliches Volk, daß du nun einen Herrscher hast, der dir eine feste Stützsäule sein wird, ein Vater in der Noth und mehr noch als ein Bruder in Liebe und Mitgefühl; einen König, dessen hohe Seele alle niedrige Sinnenlust und das verderbliche Brüten der Trägheit verschmähen wird. Und du glorreicher Jüngling, zweifle nicht, daß der Schöpfer, der dir eine so schwere Last auferlegt, der auch die Kraft verleihen wird, sie zu tragen; daß er, dir in vergangenen Zeiten so freigebig war, noch mehr Segen auf dein Haupt ergießen und dich viele ruhmreiche Jahre lang fest auf deinem königlichen Thron erhalten wird." Zustände und Ereignisse straften den Priester Lüge. Wie die mexikanische Vegetation mit ihrem herrlichen Blüthenmantel die Verwüstung, die sie an den Baudenkmälern anrichtet — bekanntlich verwittert das Gestein unter dem auf ihm sich ablagernden Humus, der ans den verwesten Pflanzen sich bildet —■ jedem Auge verhüllt: so verdeckte auch das gleißende Gepränge der mexikanischen Herrscher die innere Zerrüttung des Reiches, die sie verschuldeten. Zur Zeit der spanischen Invasion herrschte das größte Elend unter dem gemeinen Volke, das die Noth zu Lastthieren erniedrigte, und die ausschweifendste Ueppigkeit bei Adel und Königen. „Die aztekische Hauptstadt, das Herz des Reiches, hatte keinen Pulsschlag, kein Gefühl für die Glieder des Staatskörpers. Die Unterthanen wurden deshalb ihren Herrschern entfremdet und viele derselben, besonders die Tlaskalaner, boten willig ihre physische Kraft der Leitung europäischer Klugheit und Kenntniß, um die drückenden Fesseln zu brechen." Nur die Azteken hielten mit ungeschwächter Liebe und Treue an ihrem Königshause und besiegelten sie mit ihrem Herzblute. Diese, als der herrschende Stamm, sonnten sich im Scheine einer Flamme, die sie selbst entzündet und mit ihrem Fette nährten; jene hingegen fühlten nur die quälende Gluth, die ihnen Mark und Bein verzehrte. Die gewaltigen Ereignisse Wersen ihre Schatten voraus**) — die Ahnung der furchtbaren Katastrophe verdüsterte auch die Gemüther der Mexikaner, bevor diese eintrat. Es war das beängstigende Gefühl der schwindenden Lebenskraft, die sich selber aufgibt. — Die Natur der mexikanischen Völker war degenerirt, darum fielen sie. Ein Wort unserer Alten ist hier am rechten Ort: — nüTX!"Qbn p* rfrnn ptf ^an p DK *6« — „Gott stürzt nicht eine Nation, sei denn zuvor ihr Genius untergegangen." Der Genius König gegesien hat und von dem Fische esien, der sich von diesem Wurme genährt hat. König: Was meinst du damit? Hamlet : Nichts als euch zu zeigen, wie ein König eine Reise durch die Gedärme eines Bettlers machen kann. (4. Akt, 3. Scene.) *) Torquemada, Monarchia Ind. lib. 3., cap. 68. **) Bei der Schilderung des Unterganges des altmexikanischen Reiches sprach der größte Historiker Amerikas, Prescott, sein berühmt gewordenes Wort: The mighty eyents that cast their shadows before them in their coming. Then it is that the atmosphere is agitated with the low prophetic murmurs, whit which nature, in the moral as in the physical world, annoiuices the march of the hurrican.“ Hist, ofthe conqu. ofM. II—248. *

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