Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 9 (1.5.1868)
- Date
- 1868-05-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 derter Fachmann seinen Anträgen zur Würdigung höhern Orts voranschickte. Sie lauten wie folgt: a) Theologisches Fachwissen und allgemeine wissenschaftliche Bildung find in unserer Zeit die unerläßlichen Bedingungen für den Rabbinerstand, es sind die eigentlichen Faktoren der geistigen Ausbildung der jüdischen Theologen. In diesem Punkte dürften die Ansichten unter den Juden der westlichen Länder Oesterreichs kaum divergiren. Wenn einzelne Finsterlinge, die für die Bedürfnisse der Zeit ebensowenig Sinn haben als für den allgemeinen Fortschritt der Menschheit, behaupten wollten, daß die beiden bezeichneten Faktoren unverträglich und unvereinbar seien, so wäre diese Behauptung — wenn sie die Unverträglichkeit der Principien beider Faktoren zur Basis hat — eine Absurdität, welche das Judenthum entschieden zurückweisen müßte, — wenn sie dem einem Faktor, dem theologischen Wissen einen solchen Umfang gibt, daß er nothwendiger Weste den andern verdrängen muß — ein Jrrthum, den jede Periode der jüdischen Literaturgeschichte Lügen straft. Es ist unnöthig auf die tüchtigen Rabbiner der Neuzeit hinzuweisen; selbst das finstere Mittelalter, das den Juden von allen Wissensgebieten ausschloß, hat Männer aufzuweisen, die theologisches und externes Wissen vereinigten. b) Wie jede Wissenschaft mit der Zeit fortschreitet, so hat auch das jüdische Studium durch den Einfluß der allgemeinen Cultur eine bedeutende Wandlung erfahren, die als wissenschaftlicher Aufschwung bezeichnet werden darf: In den früheren Jahrhunderten war der Talmud die einzige Nahrung für den jüdischen Geist. Dem Talmud allein ward die ganze Geisteskraft, jede vorhandene Befähigung, jedes strebsame Talent ausschließlich gewidmet. Nicht nur die profanen Wissenschaften blieben ausgeschlossen, selbst das Bibelstudium fand wenig Pflege. Es ist Thatsache, daß viele Rabbinieu des vorigen Jahrhunderts von einer gesunden Bibelexegese keine Ahnung hatten, daß ihnen selbst die hebräische Grammatik eine unbekannte Größe war. Wer die Wechselwirkung der verschiedenen Wissenschaften zu würdigen weiß, muß leicht erkennen, daß selbst das Talmudstudium eine einseitige Richtung annahm, die mehr nach den ungeregelten Sprüngen der lebhaften Phantasie und des angebornen Schafsinns als nach der nüchternen systematischen Behandlung des Textes gravitirte. Das Studium des Talmud ist allerdings an sich ein ziemlich schweres. Schon das Mischidiom, in dem das foliantenreiche Werk geschrieben ist, bietet viele Schwierigkeit, und die darin vorherrschende Methodik und Dialektik verlangen Gewandtheit und Uebung, weßhalb auch diesem Zweige der jüdischen Theologie in der zu errichtenden Lehranstalt für Rabbinen ein entsprechendes Zeitausmaß bestimmt werden sollte. Daß jedoch eine systematische Behandlung leichter zum Ziele führt, und günstigere Resultate fördert als ein unsicheres geistiges Herumtappen auf einem unbekannten Gebiete, wird wohl Jeder einräumen, der eine gründliche Schulbildung einem autodidaktischen Gemische von Kenntnissen vorzieht. c) Die jüdische Theologie ist ein Fakultätsstudium. Als solches verlangt es die allgemeine wissenschaftliche Vorbereitung, die überhaupt an den Universitäten bei der Aufnahme verlangt wird. Die jüdische Jugend, die sich dem Rabbinerstand widmet, soll von dem allgemeinen Studienorganismus nicht ausgeschieden werden. Abgesehen davon, daß sie durch eine solche Sonderstellung dem allgemeinen Bildungsgänge und Bildungsdrange entzogen würde, müßte sie in einem Alter, dem noch die Reife zur Selbstbestimmung über den künftigen Lebensberuf fehlt, zur Wahl eines Standes schreiten, der einen festen Willen, eine entschlossene Ausdauer und einen eisernen Fleiß voraussetzt. Es würde also dadurch auf die freie Wahl eines Standes eine aus den gesetzlichen > Bestimmungen hervorgehende Pression geübt, die durchaus die Lust zu dem beschwerlichen rabbinischen Stande nicht vermehren könnte. Tritt nun bei einem oder dem andern Jünglinge, der in der unreifen Jugend für den Rabbinerstand bestimmt wurde, eine Abneigung gegen diesen Berus ein, so wird ihn: auch das Einlenken in die Bahn der allgemeinen Studien und dadurch auch die Wahl eines andern wissenschaftlichen Berufes erschwert. 6) Die jüdisch-theologischen Doktrinen sürd, wie bereits angedeutet wurde und auch im weitern Verfolge dieses Gutachtens klar werden wird, von weitem Umfange, und verlangen mehr Studienjahre als jede andere Fakultät. Das in Breslau bestehende jüdisch-theologische Seminar hat einen siebenjährigen Cursus, und es wäre auch in Oesterreich das gleiche Zeitausmaß für die jüdisch-theologischen Studien zu wünschen. Jedoch sind die Verhältnisse in Oesterreich ganz andere. Die provinziellen Bedürfnisse, die in den einzelnen Ländern hervortreten, die aus den Bedürfnissen und Wünschen der jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Provinzen bereits hervorgegangen, bereits bestehende oder doch projektirte Institute zur Pflege der jüdisch-theologischen Wissenschaft verdienen ihre Beachtung. In Wien und Prag bestehen bereits seit Jahren vorbereitende Lehranstalten für künftige Rabbinen, in Brünn haben bereits die von der hohen Regierung einberufenen Notabeln der mährischen Judenschast die Gründung eines Proseminars für die dem Rabbinerstande sich widmende Jugend beschlossen, und auch das von ihnen gewählte Comitc den Plan zu einer solchen Anstalt entwerfen. Wenn nun schon diese Verhältnisse Berücksichtigung verdienen, so sprechen auch andere den Erfolg und die Bedeutung der theologischen Studien fördernde Momente für die Theilung des jüdisch-theologischen Unterrichts in der Art, daß in den Städten Wien, Prag und Brünn Proseminarien mit dreijährigem Cursus und ein allgemeines für die absolvirten Zöglinge der Proseminarien bestimmtes Reichsseminar mit vierjährigem Cursus errichtet werden. Diese Eintheilung bietet mannigfache Vortheile. Sie entspricht der analogen Gliederung von Gymnasium und Universität, sie benützt die vorhandenen Elemente und materiellen Mittel, um aus ihnen weiter zu bauen, und hat außerdem viele pädagogische Vortheile. Der Vorbereitungsunterricht, der schwierigste Theil einer jeden Wissenschaft, kann eine gedeihlichere Wirkung erzielen, wenn er an eine kleinere Anzahl von Schülern ertheilt wird. Für das Reichsseminar, das tüchtige Theologen heranbilden soll, bedarf es bedeutender Capacitäten, die in hinreichender Anzahl nicht so leicht zu finden, für die Proseminarien hingegen lassen sich leichter tüchtige Lehrer finden, die mit dem gründlichen Wissen ihres Faches eine praktische Lehrmethode verbinden, und in den untern Elasten ist gar häufig die geeignete Lehrmethode wichtiger als das reiche hervorragende Wissen. e) Bei der Gestaltung, die das jüdische Studium in neuerer Zeit nimmt, die man füglich als eine Krisis bezeichnen könnte, wäre es trotz der Wichtigkeit, die der Gründung einer öffentlichen Lehranstalt für Rabbinen beigelegt werden muß, nicht wünschenswerth, daß dieser Lehranstalt das ausschließliche Monopol zur Heranbildung jüdischer Theologen erlange. Es könnte sich Mancher aus anderem Wege die rabbinischen Kenntnisse angeeignet, oder in einem nicht zu den westlichen Ländern gehörenden Kronland Oesterreichs oder auch im Auslande erworben haben. Für solche Fälle wäre die Berufung einer Prüfungscommission .in den Hauptstädten der westlichen Länder zu empfehlen.