Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 8 (15.4.1868)
- Date
- 1868-04-15
- Page
- Seite 63 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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63 Feldherr eine durchaus schmähliche Rolle, so hoch er auch als Schriftsteller stehen mag. Josephus war ein Römling, der es mit dem Feinde hielt und von diesem darum auch mit solcher Auszeichnung behandelt wurde. Schon zur Milderung seiner eigenen Schuld mußte er darum der Sache eine solche Wendung zu geben suchen, als ob nur eine überirdische Fügung, nicht die Grausamkeit Roms das größte Nationalunglück der Juden herbeigeführt hätte. Auch als Schützling der Flavier konnte er nicht unparteiisch schreiben, sondern durfte die Thatsachen nur so darstellen, wie es im Interesse der herrschenden Dynastie lag. Und dieser lag allerdings daran, ihre unpolitische und nach den damaligen Begriffen höchst gottlose Grausamkeit vor den Augen der Welt zu bemänteln und die gepriesene Milde und Frömmigkeit des Titus ohne Makel leuchten zu lassen. Das Werk des Josephus mußte erst die kaiserliche Censur Passiren, ehe es aus Befehl des Kaisers (Josephi vita 65) veröffentlicht wurde, und kann uns darum nicht für durchaus zuverlässig gelten. — Wie steht es nun aber mit der Glaubwürdigkeit des Severus? B. weist mit vieler Gelehrsamkeit und großer Geistesschärfe nach, daß ein uns verloren gegangener Theil der Historien des Tacitus*) die Quelle sei, aus welcher Severus seinen Bericht fast wörtlich entlehnt habe. — Tacitus verfaßte sein Geschichtswerk erst nach dem Sturze der Flavier unter der Regierung des Kaisers Trajan. er hatte also keinen Grund, die historische Wahrheit zu Gunsten des flavischen Hauses zu fälschen. — Wie kam aber Tacitus selbst zu seiner von Josephus abweichenden Angabe? — B. verlegt die Quelle des Tacitus bis in den Krcegsrath selbst, den Titus vor den Mauern Jerusalems gehalten. Einer der sechs Mitglieder des Kriegsrathes, der Procurator von Judäa, M. Antonius Julianus, welchen Josephus (Bell. VI. 4, 3) für die Zerstörung des Tempels stimmen läßt, hatte ein von den Juden handelndes Buch geschrieben, dessen von mehreren Schriftstellern Erwähnung gethan wird. — Daß Tacitus die Schrift eines so hoch gestellten römischen Augenzeugen unbeachtet gelassen, wäre ebenso befremdlich, wie es erklärlich ist, daß er die Josephischen Schriften mit Rücksicht aus das Verhältnis des Verfassers zu den Machthabern als Quelle für seine Historien verschmähte. - So gewagt uns auch die Bernayssche Combination klingen mag, so hat sie doch die größte Wahrscheinlichkeit für sich, und wir dürfen gewiß der Severischen Darstellung mehr wie der Josephischen glauben, da ja auch die Schilderungen der jüdischen Augenzeugen mehr mit der erstern als mit der letztem übereinstimmen. Die Rabbinen nennen, wie bekannt, Titus einen und keineswegs : amor et deliciae humani generis. Graetz (Bd. III. 403, Anm. 1) polemisirt zwar gegen die Ansicht Bernays. Er kann nicht glauben, daß Titus, um die christliche Religion auszurotten, die Zerstörung des Tempels beschlossen und anbefohlen habe, „da ihm die winzige Christengemeinde kaum dem Namen nach bekannt war". Severus spricht aber doch ausdrücklich auch von dem „Judenglauben," dessen Ausrottung Titus mit der Verbrennung des Heiligthums bezweckte, übrigens kann auch zu jenen Zeiten die Christengemeinde nicht mehr so winzig gewesen sein, da sie doch schon Nero einer Verfolgung für würdig gehalten hat. — Titus hatte vielmehr die Gefahr geahnt, die dem Weltreiche durch das Ehristenthum drohe,. und gefürchtet, die Tempelstadt, die von den über ganz Italien und die meisten Provinzen verbreiteten Juden und Christen als religiöser Mittelpunkt verehrt wurde, werde ein Heerd unaufhörlichen Aufruhrs bilden. Darum mußten Jerusalem und sein Gottesbau trotz der veränderten militärischen Verhältnisse, trotz der hergebrachten Scheu vor allem Göttlichen in Trümmer sinken. Läßt ja auch Josephus die Minorität des Kriegsrathes ihr Votum mit den Worten begründen: „man werde von allen Orten her sich um den Tempel schaaren;" diese Meinung konnte also *) Tacitus' Historien enthielten bekanntlich die Geschichte der römischen Kaiser von Galba bis zum Tode des Domitian und waren schon im 4. Jahrh. nebst den Annalen zu einem Corpus von 30 Büchern vereinigt, von denen uns leider nur noch wenige Bruchstücke erhalten sind. — ' zu Titus Zeiten nicht so ganz unbekannt gewesen sein. Nicht durch einen unglücklichen Zufall also, sondern mit Vorbedacht und laut Befehl des „Lieblings der Menschheit" wurde der Gottestempel zu Jerusalem verbrannt. Ueber Sprache im Allgemeinen und hebr. Sprache insbesondere, von Dr. H. Weinert. (Schluß.) Eine ähnliche Thätigkeit des Sprechens zeigt auch die Benennung “Ql für Wort in seiner Verwandschaft mit HlQl Biene. Wie dieses emsige Thierchen aus all' den Blüthen, die es trifft, den Saft saugt, und ihn in sich selbst zum Honig verarbeitet, den sie dann in ihrem Stocke aufspeichert, so saugt gleichsam die Sprachkrast durch die begrenzenden Worte aus jedem Dinge der Außenwelt eine Wahrnehmung und verarbeitet sie im Geiste zu einer Vorstellung, die sie dann im Schatze des Gedächtnißes niederlegt. 1“Q1 ist imHebr. weiblich und “Dl männlich, diese Verschiedenheit charakteresirt auch ihre Wirkungskreise. Die Biene ist wie ein emsiges weibliches Wesen, unermüdlich sorgsam für ihr Haus bemüht, aber nur im Umkreise des Hauses sammelnd und mehrend den Gewinn, 1Q1 das Wort aber ist der Mann, dem die weite Welt gehört, der sie so weit sein Auge und Gedanke reicht zu seinem geistigen Eigenthume zu machen weiß. Endlich in der Bezeichnung 122? für die Sprache überhaupt liegt der festbestimmte Begriff und die eigentliche Wirksamkeit einer jeden Sprache, denn ,122? heißt nicht immer Lippe, sondern auch Ufer, Grenze, Rand, und was das Ufer ist für den Strom und das Meer, das ist die Sprache für die Fluth der menschlichen Empfindung und für die tiefe See seiner Gedanken. Unsere Gefühle und Vorstellungen würden in's Ziellose und in die unbegrenzteste Weite schweifen und schwanken, gewährte ihnen die Sprache nicht einen körperlichen Halt, und wiese sie ihnen nicht bestimmte Grenzmarken in dem Worte an. Weil also die hebr. Sprache jene sittlich-reine, wahrheitsgetreue Auffassung der Weltverhättnisse, der Vorstellungen, Begriffe und Ideen gibt, weil sie durch ihre Vorzüge ermöglicht, von ihren Beziehungen auf ihre innerste Natur zu schließen und weil sie durch eine desinirende, aus allen gleichlautenden Worten sich ergänzende Ausmalung jede Vorstellung im wahren Lichte zeigt, so können wir wohl von ihr die Gesetze für die Weltverhältnisse ableiten, und besser finden wir wohl diese nirgends verzeichnet als in den Urkunden unserer heiligen Religion, deren erste beseligenden Strahlen sich in die hebr. Sprache ergossen und in unverfälschter Klarheit hat sie dieselbe bis auf unsere Zeiten getragen, wie sie ihr Licht dürch die Ewigkeit tragen wird. Wollen wir nun die Lebenslust der Religion einathmen, so müssen wir in jene Sprachgefilde wandern, in denen immer frisch und erquickend ihr Hauch weht. Eine Emendation. Im Talmud - Traktat Kiduschin 31—2 finden wir die Stelle epO 11ÖTÖ “QQK ttnm ohne jede weitere Angabe. Tora Or verzeichnet jedoch in den Randglossen Psalm 79. In welchem Einklänge steht aber Ps. 79 mit der vorangehenden Erklärung? Den Eommentatoren Raschi und Tosafot ist diese Schwierigkeit wohl nicht entgangen, allein sie greifen zn Erklärungen, die kaum befriedigen dürften. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung wollte Abimi nicht Ps. 79, sondern Ps. 78 erklären, worin die Verse 5 und 6 mit der srühern Talmudstelle allerdings in Connepion gebracht werden können. Es wird nämlich erzählt: Abimi, obgleich er 5 Söhne hatte,