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Das Abendland · 1868-04-15 · 8 (15.4.1868) · p. Seite 62

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
8 (15.4.1868)
Date
1868-04-15
Page
Seite 62 (sequence 6)
Language
German
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62 bist an dein Lebensziel gelangt, du wirst sterben; btyb wie in S'Hp fÜQl mit „bald" zu übersetzen ist wegen des Vorgesetzten b kaum zulässig. Naschi, welcher die Stelle unerklärt läßt, scheint an sie bei der Erklärung der unmittelbar vorangehenden Stelle zu denken, und das Wort von?b'W abzuleiten: Du kömmst in unsern Kreis.) Schon in der biblischen Zeit wurden große Ereignisse durch Träume verkündet, und göttliche Männer verstanden sich auf die Deutung derselben. In Traumerscheiuungen offenbarte sich Gott oft seinen Propheten, überhaupt spielt der Traum in der Bibel eine bedeutende Rolle. Schon darum legt ihm auch der Talmud eine gewisse Wichtigkeit bei. Es war sogar ein Fasttag gegen böse Träume angeordnet, welcher selbst am Sabbath, wo sonst das Fasten verboten ist, gehalten werden durfte. Es spiegeln sich im Talmud die Ansichten seiner Zeit ab, welche ausgenommen und zuweilen in ein nationales Gewand gekleidet wurden. Indessen ist der Talmud nicht das Werk eines Mannes und einer Zeitepoche, die entgegengesetztesten Meinungen über einen Gegenstand finden darin ihre Vertretung. Daß manche Träume eine höhere Bedeutung haben, daß manche als eine höhere Eingebung, als eine Art göttlicher Verkündigung der Zukunft zu betrachten seien, war ein allgemein verbreiteter Glaube, dessen sich nur wenige entschlagen mochten oder konnten. Insofern beschäftigte man sich viel mit Deutung der Träume. Es gab Viele, welche das Traumdeuten zu ihrem Berufe machten, und diese Leute genossen, je nachdem der Zufall ihre Deutungen begünstigte, mehr oder weniger das Zutrauen des gemeinen Volkes. Selbst anerkannte Gelehrte hielten es nicht unter ihrer Würde, jene Menschen, die sich in ihrer Einfalt wegen Träumen bei ihnen Raths erholten, zu beruhigen. Der Talmud hat viele Deutungen von Träumen, die hinreichenden Stoff zu einem Traumbüchlein liefern könnten. Faßt man diese Deutungen näher ins Auge so erscheinen sie mehr als ein launiges Spiel des Witzes, wie eine ernstgemeinte Behauptung; sie beziehen sich entweder auf Wortähnlichkeiten, oder werden auf geistreiche Weise mit Bibelstellen in Verbindung gebracht, oder es sind Remiuiscenzen aus dem Leben berühmter von der Nation verehrter Gelehrten. Es fehlt im Talmud durchaus nicht an rationellen Ansichten über die Träume. Ein böser Traum, heißt es, ist besser als ein guter und natürlich, weil bei ersterem das Erwachen angenehmer ist. Wenn die Behauptung aufgestellt wird, die Träume bewahrheiten sich nach der Deutung, die man ihnen beliebig gibt, so liegt darin die verhüllte Andeutung, daß es Jedem freistehe, von den Träumen zu halten, was ihm eben beliebe. Man wußte auch, daß die Träume phantastische Reproductionen jener Ideen sind, die uns am Tage beschäftigen. Jemehr demnach ein Mensch am Tage denkt, desto häufiger wird er des Nachts träumen. Plinius erzählt von den Alanen, sie stünden auf einer so niedrigen Stufe der Cultur, daß sie nie Träume hätten. Der Talmud spricht in folgender Behauptung eine ähnliche Ueberzcugung aus, er sagt: Wer sieben Nächte nacheinander nicht träumt, sei ein böser Mensch (Berachoth 14). Er hat so unrecht nicht, denn mit Stumpfsinn und Unbildsamkeit ist meistens auch moralische Gebrechlichkeit verbunden. Wir schließen diesen Aufsatz mit einer sinnigen Sage des Talmud, die nicht blos ihres lehrreichen Inhalts wegen Beachtung verdient, sondern auch bei richtiger Auffassung nicht wenig zur Beleuchtung des von uns behandelten Gegenstandes beiträgt. Wir meinen die Choni Hamaagel-Sage. Choni Hamaagel, ein Gelehrter von so scharfem Geiste, daß sein klarer Vortrag in der Akademie jeden Zweifel hebt, jeder Controverse die Spitze abbricht, sucht nur überall Wahrheit, und jeder Ausdruck der Schrift, der nicht die objective Berechtigung in Vernunft und Erfahrung nachweist, wird von seiner Kritik als unwahr, als leeres Geschwätz betrachtet. Er nimmt jeden Ausdruck wörtlich. — Der Verstandesmensch ist zu praktisch, in seinem Geiste liegt Alles, nur keine Poesie. Den Satz des Psalmisten: „Als Gott die Gefangenen Zions erlöste, waren wir Träumenden gleich" (Psalm 126, 1), so verständlich allen Gefühlsmerffchen — wer versteht es nicht, daß der von langem Drucke Befreite die Erlösung als einen Traum betrachtet. — Diesen Satz kann der kalte Weise niemals verstehen. Dauerte doch, meiut er, das babylonische Exil 70 Jahre, und ein ganzes Lebensalter lang sollte ein Mensch schlafen, träumen? Mit einer solchen strengen Philosophie taugt er nicht für die Welt, er verläßt seine Heimath, seine Familie, seine Umgebung, fort eilt er in die Einsamkeit. Auf dem Wege sieht er einen Menschen damit beschäftigt, einen Baum anzupflanzen, der erst nach 70 Jahren Früchte trägt. Menschliche Thorheit! ruft Choni aus, wozu diese Plage, du wirst diese Früchte nicht genießen. — Das kümmert mich wenig, erwiedert der schlichte Landmann, ich habe schon solche Früchte genossen, die ebenfalls ihre Zeit brauchten; wie die Vergangenheit für mich arbeitete, so arbeite ich für die Zukunft. — Unbefriedigt setzt Choni seine Wanderung fort, wird endlich müde, setzt sich nieder, verzehrt sein trockenes Brod, schläft ein, und schläft - 70 Jahre. Die Welt geht indessen ihren regelmäßigen Gang, andere Zeiten bringen andere Sitten, Choni wacht auf, aber er erkennt die Welt nicht mehr. Das erste, was er erblickt, ist ein Mann, welcher die ersten Früchte jenes Baumes sammelt, dessen Anpflanzung er mit angesehen. — Der Mann war ein Enkel des Aupflanzers. — Die auferstandcnen Todten würden aber auch von der Welt nicht mehr erkannt werden. Choni kehrt in das Haus seiner Geburt zurück, gibt sich seinen Enkeln, die darin wohnen zu erkennen, die Enkel lachen ihn aus, er eilt in das Lehrhaus, wo man einst seinen Worten lauschte, und zufällig hört er auch seinen Namen mit Ehrfurcht nennen. Hier denkt er, wird man mich nicht verkennen, er stellt sich den Gelehrten vor, allein er wird als ein Wahnwitziger verspottet. Das kann der enttäuschte Mann nicht länger ertragen. Fremd in einer neuen Welt, die er nicht versteht, und von der er nicht verstanden wird, ruft er den Tod, der ihn von seiner Qual befreite. (Taanith 23). Eine erschöpfende Behandlung des Gegenstandes lag nicht in der Absicht unserer vorliegenden Arbeit, wir wollten bloß die Anschauungsweise des Talmud über ein Thema darstellen, das jeden denkenden Menschen, wenigstens einmal im Leben beschäftigt, und wobei oft die Vernunft von der Phantasie, und die Phantasie von der Vernunft sich meistern läßt. Titus und der Tempeldrund. Bon H. Kohn. (Schluß.) Diese Frage glaubt Bernays entgegen allen bisher bestehenden Ansichten zu Gunsten des Letzter» entsa-eiden zu dürfen, und seine Gründe hierfür sind so einleuchtend und überzeugend, daß wir trotz der entgegengesetzten Meinung des berühmten jüdischen Geschichtschreibers Dr. Graetz zu Bernays uns bekennen müssen. — Zuerst beweist er, wie Josephus nicht immer, und besonders in Betreff des Falles von Jerusalem so glaubwürdig sei, wie er bisher allgemein gehalten wurde. Er schildert (Bell. V. 12, 4) den Titus im Lager vor Jerusalem so liebenswürdig und sanft, ja fast sentimental, wie es eben einet „Wonne des Menschengeschlechtes" zukommen muß; dagegen besingt ein damaliger Dichter Valerius Flaccus in seiner Argonautica (1.13) den au der Spitze der Legionen stürmenden Titus, „wie er geschwärzt von Jerusalems Schlachtenstaub — Den Brandpfeil schleudert und wüthet auf jeglicher Zinne." — Da Valerius, ein Günstling und Verehrer der Flavier, diesen sein Gedicht gewidmet hat, darf man wohl mit Sicherheit annehmen, daß er nichts darin ausgenommen, was am Kaiserhofe Anstoß erregt hätte, oder auch nur nicht gern gehört worden wäre. — Außerdem weist B. uoch andere Unrichtigkeiten des Josephus nach, deren Anführung aber hier zu weit führen würde. — Was den Josephus zumeist als parteiischen Geschichtschreiber verdächtigt, ist sein Verhältniß zu den Juden und zu den Fla« viern. Wie Grätz (Bd. III. 365 ff.) zeigt, spielte Jener als

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