Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 8 (15.4.1868)
- Date
- 1868-04-15
- Page
- Seite 61 (sequence 5)
- Language
- German
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61 ber Reisende, der eine fremde Stadt betritt, und zuerst Mädchen begegnet, diesen Umstand als ein gutes Zeichen betrachtet; das war auch für den Diener Abrahams wie für Jacob und Saul ein günstiges Omen (Jalkut Genes. 124). Ans Zauberei ist in der Bibel Todesstrafe gesetzt, zu ihr wird auch die Chiromantie, überhaupt jedes Blendwerk gezählt (Sanhedrin 68). sie wird vorzüglich bei Weibern gefunden. Der hebräische Name für Zauberer — *)t»2Ö — wird im Talmud von ps'^2 212 abgeleitet: sie leugnen die oberste Macht, sie leugnen die Wirkungen der Gottheit, sie geben die seltenen physikalischen Erscheinungen, die ihnen bekannt sind, als von ihnen bewirkte Wunder aus. Die richtige Ableitung scheint jedoch vom arabischen Caschef, welches entdecken, erklären, eröffnen bedeutet. Die sogenannte Taschenspielerei war schon zur Zeit des Talmud bekannt und auch gestattet. Der Culturstand eines Volkes läßt sich aus seinen Ansichten vom künftigen Leben ermessen. Der Talmud spricht sich darüber wie folgt aus: Im künftigen Leben wird weder gegessen noch getrunken, es werden weder Kinder gezeugt, noch Geschäfte getrieben; dort ist weder Neid, noch Haß, noch Zorn. Die Frommen sitzen mit Kronen aus den Häuptern und genießen den Glanz des Allerhöchsten. Der Lohn für die Erfüllung der göttlichen Gebote ist erst im Jenseits zu erwarten (Kiduschin 39). Das Jenseits ist für den sittlichen Menschen die Ergänzung des Erdenlebens, jede Religion hat diesen Glauben; doch wird das Jenseits von der Phantasie nach dem Bildungsgrad der Völker und den mannigfachen Verhältnissen, die aus ihr intellectuelles Leben wirken, verschiedenartig ausgeschmückt. Der Talmud hat in Beziehung des künftigen Lebens einige Aeußerungen, die wahrscheinlich fremden Boden entsprossen sind. Der Leviathan, ein ungeheuer großer Fisch, wird im Paradiese von den Frommen verspeist, aus seiner Haut wird ein Zelt für die seligen aufgespannt (BabaBethra 75.) Auch ein großer Ochs wird dort den Frommen als Speise zugerichtet — (*12n "1121 dürfte kaum der wilde Ochs sein, der unter diesem Namen öfters im Talmud vorkömmt sKilaim 9. 6.j. Ich halte das Wort für eine Corruption, es ist darunter der Ochs des Anbar Aubraochs zu verstehen, den die Araber so hoch schützen — Herbelot Art: Anbar —) Alle Israeliten werden des künftigen Lebens theilhaftig, nur jene sind ausgeschlossen, welche die Auferstehung oder die göttliche Offenbarung leugnen. Mehrere Talmudstellen machen auf die griechische Mythe von der Ueberfahrt der Todten durch den Charon Anspielung (Aboda Sara 10, Jalkut Deutronom. 2, Moed Keton zu Ende). Die Auferstehung bildet ein Hauptdogma des Judenthums, für welches der Talmud um so eifriger Beweisstellen aus der heiligen Schrift sucht, als viele behaupteten, die Auferstehung komme in der Bibel nicht vor. (Berachot 15, wo unter rmfi wie an vielen andern Stellen die ganze heilige Schrift verstanden wird.) Man sucht diesen Glauben, so viel als möglich .urch Vernunstgründe zu erhärten, weil t>ie Sekte der Saduzäer nicht nur die Auferstehung wie die Existenz eines künftigen Lebens überhaupt leugnete, sondern auch mit den Pharisäern darüber Dispute führte und sie wegen dieses Glaubens verspottete. Das wären Narren, meinten die Saduzäer, die sich dieses Leben verbittern und im künftigen keine Entschädigung finden. (Aboth des Rabbi Nathan Cap. 5.) Ihr Thoren, sprach einst ein Saduzäer zu dem witzigen, durch einen Höcker verunstalteten Gebiha ben Peßißa, ihr wollt behaupten, die Todten leben wieder aus! Müssen doch alle Lebenden sterben, wie sollten nun gar die Verstorbenen wieder zum Leben erwachen? Ihr Thoren, entgeguete der geistvolle Gebiha, ihr wollt behaupten, die Todten werden nicht wieder lebendig! Wenn Wesen, die nie gelebt haben, lebendig werden, warum sollten jene nicht wieder zum Leben erwachen können, die schon einmal gelebt haben? (Sanhedrin 91). Die nähern Umstände dieses wundervollen Ereignisses bleiben uns ein Geheimniß. Wenn es übrigens heißt: Die Frommen werden einst in ihren Kleidern auferstehen (Ketuboth 111), so ist dieß die sinnbildliche Fassung des Gedankens, daß sie einst in dem vollen Schmucke ihrer Tugenden erscheinen werden. Mit dem Tode hört der Mensch nicht auf zu sein. Die Seele von den Banden des Körpers befreit, lebt freier, sie sieht weiter, als sie es durch Vermittlung der Sinne vermochte; sie weiß, was auf Erden vorgeht, sie interessirt sich für das Geschick der ihr im Leben nahe gestandenen Personen, sie hört genau was die Menschen sprechen; daher soll man auch in Gegenwart der Todten, d. h. vor ihrer Beerdigung oder auf dem Friedhofe nichts thun, was so aussehen könnte, als oö man ihrer spotten wollte, sie würden sagen: Die kommen morgen auch zu uns, und heute spotten sie unser! (Berachoth 18.) Zu diesen Beschäftigungen, welche einem Spotte ähnlich sind, gehören die Ausübung einer religiösen Vorschrift, das Studium der Torah und das Gebet, weil sie daran theilnehmen müßten, wenn sie leben würden; die Nichtbetheiligung ist also gleichsam ein Beweis ihrer Ohnmacht. Die Todten führen auch Gespräche und unterhalten sich mit ihren befreundeten Seelen. Der Talmud überliefert uns einige derartige Todtengespräche. Eines derselben wegen seiner Fassung besonders interessant, wollen wir hier in Kürze wiedergeben. — Ein frommer Mann hatte in einem Theuerungsjahre einem Bettler einen Denar geschenkt, und wurde darob von seiner Xantippe so gequält, daß er aus dein Hause laufen, und die Nacht — es war gerade die Neujahrsnacht —■ auf dem Friedhose zubringen mußte. Dort hörte er das Zwiegespräch der Hingeschiedenen Seelen zweier Mädchen. Die eine fordert die andere auf, mit ihr den Flug durch die Lüfte zu nehmen, um im Himmel das Geschick des kommenden Jahres zu erlauschen. Die Freundin kann dieser Einladung nicht Folge leisten, denn sie wurde nicht, wie sichs gebührt, in anständigen Todeskleidern begraben, ihr Anzug ist nicht für weite Ausflüge geeignet, und sie ersucht die andere, nur allein die Luftfahrt zu unternehmen, und ihr das Erfahrene mitzutheilen. Die Todten reiten schnell, bald kömmt diese mit dem Berichte zurück, daß in diesem Jahre die Frühsaat von Hagel zerstört, die Spätsaat hingegen gedeihen werde. Der fromme Mann hatte das wohl gemerkt, und da er zufällig Grundbesitzer war, richtete er seine Maßnahmen darnach ein. Indessen hatte er sich mit seiner Ehehälfte ausgesöhnt, fand aber doch im nächsten Jahre wieder Gelegenheit, die Neujahrsnacht auf dem Friedhofe zuzubringen. Er hörte wieder die Unterredung der beiden Mädchenseeleu wie im vorigen Jahre, nur lautete die vom Himmel gebrachte Nachricht dießmal verkehrt. In diesem Jahre sollte die Frühsaat gedeihen, die Spätsaat hingegen vertrocknen und verbrennen. Auch jetzt weiß sich der fromme Mann darnach einzurichten, und während Alles über Mißjahre klagt, hat er eine reichliche Ernte. — Die Frau, die nicht blos sehr böse, sondern auch wie irgend eine Tochter Eva's neugierig ist, kann das besondere Glück ihres Mannes nicht begreifen und bittet ihn um Aufklärung. Er zögert nicht, ihr den ganzen Hergang haarklein zu erzählen, und bald benützte das zanksüchtige Weib dieses Geheimniß, um der Mutter des schlecht bestatteten Mädchens bei einem mit ihr gehabten Streite über diesen Umstand Vorwürfe zu machen. Es kam wieder die Neujahsnacht, und wieder übernachtete der fromme Mann bei den Todten. Wieder forderte die eine Mädchenseele ihre Gefährtin auf, ihr auf der Wanderung durch die Luftregiouen Gesellschaft zu leisten; doch dießmal entgeguete das arme Kind: Laß' mich in Ruhe, was wir hier in Traulichkeit gesprochen haben, ist bereits bei den Lebenden gehört worden. (Berachoth 18 ) Der bekannte Talmudlehrer Samuel erhält sogar auf sein Anfragen von seinem verstorbenen Vater Bescheid, wo er die von ihm im Leben verwalteten Waiseugelder anfbewahrt habe, und erführt bei dieser Gelegenheit, daß auch er der (Lohn — bald in das Reich der Seligkeit einziehen werde (idick. DTIK «p b$h „Agel" bedeutet im Arabischen das endliche Lebensziel des Menschen, es heißt demnach: Dn