Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 8 (15.4.1868)
- Date
- 1868-04-15
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Hilfen, dem aber ein feineres Gehör zu wünschen wäre. Er hatte schon einmal den Auftrag seines Meisters nicht recht verstanden, und anstatt der zum Tode bestimmten Person eine unschuldige Namensschwester geholt (Chagiga 4). Mirjam, die Friseurin war vom Würgengel berufen, der Geselle bringt Mirjam die Kinderpflegerin. Die ganze Mythe mag zu Ehren der Verstorbenen verfaßt worden sein. Sie konnte nur durch einen Jrrthum der Welt entrissen werden, sie. deren Wirken hienieden so schön und nützlich; eine andere dem Luxus und dem Putze dienende Mirjam hätte eher den Schauplatz des Lebens verlassen sollen — das war kein solcher Verlust für die Menschheit. Das Reich der Geister ist sehr bevölkert, sie erfüllen die ganze Welt, sie umschweben jeden Menschen, und böse, wie sie sind, suchen sie ihm zu schaden. Jeder Mensch hat deren 1000 zur Linken und 10,000 zur Rechten, sie stiften gar viel Unheil. Der böse Geist trägt die Schuld, wenn Mancher sich bei den Sabbathpredigten bedrängt und beengt fühlt, der böse Geist ist die Ursache, wenn die Gelehrten in Lumpen gehüllt sind, wenn ihre Kleider abreißen. Gegen diese Geister wird ein unausführbares Mittel angegeben (Berachoth 6), was wohl andeuten mag, daß man sich gegen böse Geister gar nicht schützen könne; doch fehlt es auch an Bannsprüchen und Zauberformeln zu deren Vertreibung nicht (Aboda Sara 12). — Ihr vorzüglicher Aufenthalt ist in Ruinen von Gebäuden (Berachoth 3). Wo sie Hausen, richten sie Zerstörungen an. Eine eigene Species der bösen Geister sind die Dämone (ONV), sie werden geboren und sterben wie die Menschen, es gibt daher männliche und weibliche Dämone. Sie haben auch sonst menschliche Bedürfnisse, sind jedoch mit Flügeln begabt, womit sie die Welt durchschweben, und sehen in die Zukunft (Chagiga 25). Ihr König ist Asmodai, der hat seine Wohnung in der Höhle eines Berges. Täglich verläßt er sie, um die Welt zu durchschweben, und die Gesetze des Himmels und der Erde zu studiren; bevor er sich zu dieser weiten Reise anschickt, füllt er seine Wohnung mit Wasser, verdeckt die Oesfnung mit einem Steine und schließt sie mit seinem Siegel. Bei seiner Rückkehr entsiegelt er die Höhle, und trinkt das Wasser. Das ist die gewöhnliche Tagesordnung; sie wurde aber gestört, als der weise König Salomo, der nach orientalischen Sagen Macht und Herrschaft über die Dämonen hatte, und sie mit seinem Ringe beschwören konnte (vergleiche Josephus: Antiquit. VIII. 2), den Asmodai durch seinen Minister Benajeh in Ketten legen, und an seinen Hof bringen ließ, um von ihm zu erfahren, wo sich der Stein Schamir befände, den Salomo zum Baue des Tempels nothwendig brauchte. Das war kein leichtes Werk. — Der Dämonenfürst kann nur im Schlafe besiegt werden, und Asmodai flieht den Schlaf. — die Bösen haben keinen Schlaf; darum trinkt er auch nichts Anderes als Wasser. Dem Benajah gelingt es jedoch, die Höhle zu bohren, das Wasser herausfließen zu lassen, Wein hineinzuschütten, und das Loch gut zu verstopfen. Asmodai kehrt von seiner Wanderung zurück, findet die Höhle mit Wein gefüllt, will anfangs nicht trinken, kann aber später dem Durste nicht widerstehen, trinkt den Wein, schläft ein, wird von Benajah in Ketten gelegt und zu Salomo geführt. Auf dem Wege dahin zeigt er sich als einen ungestümen, schlauen, neckischen Geist. Er ist nicht ohne einen Anflug von Gutmüthigkeit. allein diese entspringt mehr aus Verachtung gegen die Menschen als aus Liebe zu ihnen, er verlacht die Thorheiten der kurzsichtigen Sterblichen; denn er sieht weiter als sie, er weint, wenn sie lachen, und lacht, wenn sie weinen; dabei ist er sehr witzig, gelehrt, schriftkundig und bibelfest, er rechtfertigt alle seine Streiche mit Stellen aus der heiligen Schrift — (the devil can eite scripture for his purpose, sagt Shakespeare), er ist auch Meister aller Fakultäten, und versteht sich trefflich auf die Heilkunde; kurz, er ist ein wahrer Mephistopheles, dem blos der Pferdefuß fehlt. Um aber auch in diesem Punkte das Gleichniß nicht hinkend zu machen, bricht er auf der Reise zu König Salomo ein Bein.! Dieser böse Geist war es, der den weisen Sohn Davids vom Throne stürzte (Gitin 68). Obgleich der Mosaismus gegen jede Art von Aberglauben, gegen Zauberei. Zeichendeutung und ähnliche aus dem Reiche des Uebernatürlichen genommenen Täuschungen eifert, hat doch der Talmud durch die Berührung der Israeliten mit den Babyloniern und andern Völkern des AlterthumS viele derartige Elemente ausgenommen, und dadurch den reinen Mosaismus getrübt. Namentlich kamen viele astrologische Ansichten zur Geltung. Hören wir. wie der Talmud das Horoskop stellt. Wer am Sonntag geboren ist, wird ein Befehlshaber. Die Sonne ist Herrin der Himmelssterne, sie übertrifft alles an Glanz. — Der am Montag geboren, wird jähzornig.— Der Mond umhüllt sich plötzlich mit Wolken. — Der am Dienstag zur Welt kömmt, wird reich, und, wenn es ein Mann ist, ein Freund von Weibern. Wessen Geburt am Mittwoch stattfindet, wird ein schöner verständiger Mann, der am Donnerstag Geborne, wird ein Wohlthäter, wer am Freitage das Licht der Welt erblickt, wird ein frommer Mann, wer am Samstag geboren wird, stirbt wieder am L-amstag. Derartige Behauptungen werden meistens von der Erfahrung widerlegt, zuweilen jedoch von der Gunst des Zufalls bestätigt, was zu jeder Zeit schuld war, daß der Aberglaube nicht ganz aussterben konnte. Ein Talmudlehrer behauptet: nicht der Tag, die Stunde gebe den Ausschlag. Wer im Zeichen der Sonne geboren ist, wird schön — wie die Sonne — ißt und trinkt von dem Seinigen. — Die Sonne hat ihr eigenes Licht — seine Geheimnisse werden bekannt. — Nichts bleibt geheim unter der Sonne — es gelingt ihm das Stehlen nicht. — Die Sonne muß das mittelst der Dünste geschöpfte Wasser, beim Regen, der Erde wiedergeben. — Wer im Zeichen der Venus geboren ist, wird reich, und wenn es ein Mann ist, Freund des weiblichen Geschlechts. — Die Venus;ft ein glänzender und feuriger Stern. — Wer im Zeichen des Merkur zur Welt kömmt, wird klug und einsichtsvoll.— Merkur ist im Talmud Sekretär der Sonne, bei den Griechen der Bote der Götter. — Der im Zeichen des Mondes Geborne, wird ein Dulder. — Der Mond nimmt ab, demüthigt und verkleinert sich — er baut und reißt ein und baut abermals. — Der Mond ist bald klein, bald groß, scheint also unentschlossen — ißt und trinkt, was ihm nicht gehört. — Der Mond hat kein eigenes Licht, — seine Geheimnisse bleiben verborgen. — Ein Theil des Mondes ist immer verdeckt, — ihm gelingt der Diebstahl.—Der Mond begünstigt die Diebe, indem er sich schnell hinter die Wolken verbirgt. — Wessen Geburt in das Zeichen des Jupiters füllt, wird ein Freund der Gerechtigkeit. — Gerechtigkeit, die richtige Ableitung des Wortes dürfte auf Zodia- , kus führen, dem allgemeinen Namen des Thierkreises, welcher hier für den einzelnen Planeten genommen wird.— Wer im Zeichen des Saturn zur Welt kömmt, dem mißlingen seine Entwürfe, und man kann sich nicht auf ihn verlassen. — Saturn ist sehr weit von der Erde entfernt. — Der im Zeichen des Mars Geborne, wird ein Blutvergießer, er wird nämlich Wundarzt, Metzg.w oder Beschneider — BTKB der Blutige. — Trotz dieser Anführungen, die der Talmud tbeils als eine Spielerei des Geistes ansieht, theils als unter den Astrologen verbreitete Ideen nacherzählt, wird der Einfluß der Gestirne aus die Bestimmung des Menschen als nichtig erklärt, und es ist dem Israeliten verboten, daran zu glauben (Sabbath 150) odev in dergleichen Angelegenheiten die Sterndeuter zu befragen (Pesachim 113). Viele abergläubische Ansichten werden als heidnisch, als Amoräersitte verpönt, so der Glaube, daß es Armuth bringe, wenn man Brosamen auf der Erde liegen lasse, daß man Gäste zu erwarten habe, wenn das Licht Funken sprüht, u. a. m. (Tosista Sabbath 7). Daß die Zahl der Becher, die man trinkt, und die Stücke, die man ißt, keine gerade sei, * mag auch einen astrologischen Grund haben, und es wird mit! Recht hinzugefügt: Es sei besser, derartige Regeln gar nicht I zu beachten (Pesachim 109). Weniger Nachtheil hat es, wenn