Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 8 (15.4.1868)
- Date
- 1868-04-15
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9050333-9094778-9051177--0858-9051180- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 59 — liche Herrschaft aus, der Vicar führte sie em; — Christus sagte: er sei kein weltlicher Richter, sein Stellvertreter maßt sich an, den Kaiser zu richten; Christus unterwarf sich dem Stellvertreter des Kaisers, der Stellvertreter von Christus stellt sich über den Kaiser, ja über die ganze Welt; Christus soll am Palmsonntag aus einem Esel geritten sein — sein Stellvertreter ist mit einer pompösen Cavalcade nicht zufrieden, wenn ihm nicht der rechte Steigbügel vom Kaisergehalten wird." Cs scheint also im Mittelalter der Clerus sich mrt ganz anderen Sachen abgegeben zu haben, als mit der Lösung der Arbeiterfrage, nicht einmal in jenem Sinne, den das Judenthum schon im Alterthume aus freien Stücken sich , zu eigen gemacht hatte! Also wäre die Lösung dieses Problems j etwa dem Clerus der Neuzeit aufbewahrt! Erfüllt die ka-! tholische Kirche heute die ihr vom Bischof Ketteler zugewie-? sene Cnlturmission für den Arbeiterstand? Blicken wir um! uns. Bon welchem Parteistandpunkt man unsere Zeit auch I ansehen mag, ein Charakterzug tritt durchwegs so scharf herj vor, daß man sagen darf: es fei der Charakter der Zeit, i Es ist die Schroffheit der Gegensätze zwischen dem, was sein soll und dem was ist, zwischen dem Rechtsbewnßtsein, das alle Classen der Bevölkerung erfüllt, und der Rechtslosigkeit, die ihnen von mancher Seite, namentlich in religiöser Beziehung aufgebürdet wird, zwischen dem Freiheitsdrang, der sie beseelt, und der Unfreiheit, die sie insbesondere in kirchlichen Dingen belastet. An jedem Punkte des Volks - und Völkerlebens tritt dieser Gegensatz hervor, an so vielen, daß wir die Sache nicht erschöpfen können, ohne zu ermüden; — der Verkehr der Geister hat alle Schranken überwunden, und Gesellen in der Werkstatt der Menschheit sind die Völker, aber diese Geistesblüthe verwelkt als dogmatische Satzung, als ceremonielles Gepränge. Oder hat Pater Greuter das Ideal des christlichen Arbeiterprincipes aufzufinden gewußt? Hätten seine Ausführungen den geschichtlichen Thatsachen und den Forderungen des gesunden Menschenverstandes weniger ins Gesicht geschlagen, wäre der Widerspruch zwischen dem, was die Clerisei für das Wohl des Volkes thatsächlich leistet und dem was Pater Greuter, ihr jüngster Herold, ihm verspricht, nicht' gar zu kraß, die demagogischen Capriolen weniger plump gewesen, wer weiß, ob nicht wenigstens ein Theil der Arbeiter auf die ausgestellte Leimruthe gegangen wäre? Vor diesem Unglück hat uns Pater Greuter, dessen wirthschastliche Glaubenssätze nur noch dem Feuilleton und dem Witzblatte dankbaren Stoff liefern werden, sorgsam bewahrt, und dieser relativ außerordentlich günstige Erfolg gibt uns noch die Hoffnung, daß unsere Arbeiter seiner Zeit auch völlig zur Einsicht und zur Erkeuntniß zuuüchst darüber kommeu werden, auf welcher Seite sie ihre wahren Freunde zu suchen haben, und wo dann eigentlich die radicale Hilfe für die socialen Uebelstünde, unter denen einzelne Classen vorzugsweise zu leiden haben, zu finden sei? Es wird auch ihnen, daran zweifeln wir keinen Augenblick, einst klar werden, daß nur der wirthschastliche Fortschritt, d. h. der entschiedene, rücksichtslose Fortschritt, die Befreiung von jedem Privilegium, habe es Namen und Charakter, welche es wolle, der eben deshalb identisch ist mit politischem und allgemeinem Culturfortschritt, uns helfen kann! Kein einzelnes gewaltsames oder künstliches Mittel, keine Wohlthaten einzelner Classen, gegen andere, wie sie Bischof Ketteler den armen Arbeitern mit Berufung ans die christliche Liebe nachweist und anpreist. Es ist nicht wahr, wenn Bischof Ketteler sagt: „daß fast alle Armen der Welt dem arbeitsunfähig gewordenen Arbeiterstande angehören, und die unermeßlichen Mittel der Armenpflege, die in allen Theilen der Welt angesammelt sind, eben so wie die zahllosen Krankenhäuser, Armenhäuser, Anstalten für alte und gebrechliche Leute angeregt und gegründet sind im Namen der christlichen Liebe und durch den Geist des Christenthums. Von diesen christlichen Capitalien und christlichen Anstalten zehrt auch jetzt noch unser Jahrhundert, wenn es auch den Ursprung derselben vielfach vergessen.Die wahr e FürsorgefürdenarbeitsunfähigenArbeiterwird immer von der Kirche und von Jenen ausgehen, die in der Kirche den Geist der wahren Nächstenliebe empfangen haben!" — Im Namen des Judenthums nicht nur, sondern auch im Rainen der Humanität, im Namen der allgemeinen, kein Ansehen der Person und keinen Unterschied der Confession kennenden Menschenliebe, von der Moses schon sagte ksX lege ich feierlichst Protest ein gegen dieses ausschließlich christkatholische Nächstenliebe-Privilegium! Herr Bischof Ketteler hat da für seine Religionsgenossenschast vindicirt, was allen gemeinschaftlich ist, so wie Licht und Luft; nie und nimmer aber können wir (s stillschweigend hinnehmen, daß das Christenthum das rOTIffl D1Ü3 '“[V'lb einzig und allein in Urpacht genommen haben will. Das Prioritätsrecht auch dieses Humanitätspriucips kann wohl der jüdischen Religion Niemand streitig machen, aber trotzdem überhebt es sich nicht, und schließt die anderen Religionen von der Mittheilhaberschaft aus! — Diejenigen übrigens, die sich auf ihr gutes Herz und auf die von ihnen erwiesenen Wohlthaten an Hilfsbedürftige so viel zu Gute thun, mögen einem edlen Antriebe genügt haben, und persönlichen Dank verdienen; wirklichen Nutzen haben sie in den seltensten Fällen gebracht, einem öffentlichen Interesse fast nie gedient. Unter allen gereichten Almosen ist mindestens die Hälfte nutzlos fortgeworfen, und von der andern Hälfte der größte Theil mit dem der Absicht gerade entgegengesetzten Erfolge verwendet worden, Almosen macht selten Arbeitslustige und Arbeitsfähige, und das ist das allein Vernünftige, was man bei jeder Humanitätsbestrebung im Auge haben mußte. — Die Sache ist allerdings nicht leicht, aber die sociale Frage des Arbeiterstandes löst man überhaupt auch nicht leicht, weder mit Redensarten, noch mit ein paar hingeworsenen Almosen. Seit lange geht der Entwicklungsdrang der Völker, der Athemzug der Geschichte auf eine immer steigende Abschaffung der Privilegien, aus der Fortbildung der freiheitlichen Culturidee. Tief ist das Gefühl der vorhandenen großen Mißstäude in unseren arbeitenden Classen, und die ernsten und nachhaltigen Bestrebungen, die von denselben gemacht werden, um sich trotz ihrer ungünstigen Lage zu höherer Bildung und Gesittung emporzuheben, können nicht genug anerkannt werden. Daher sind überall wo man ihnen die Hände bot, die besten Früchte daraus erwachsen und die Bahnen zu weiterem Fortschritt geöffnet. Beherzigen wir es doch! Nicht durch Epclusivität, nicht durch Einseitigkeit der Bestrebungen auf nationalem oder confessionellem Gebiete kann diese so wichtige sociale Frage gelöst werden. Nicht das christliche Dogma, nicht der Katholicismus werden im Stande sein Herren des Terrains zu bleiben. Das glorreichste Werk der Geschichte zu vollenden, den Nrbeiterstand zu einem neuen Mittelstand, znm Bürgerstande der Zukunft zu heben, das ist das Problem, vor dem wir stehen, und woran wir alle ohne Unterschied des Religionsbekenntnißes mitzuarbeiten berufen sind. Wird diese Idee verwirklicht, so wird über die ganze Menschheit eine Blüthe der Sittlichkeit herbeigeführt, wie sie in der Geschichte noch nicht dagewesen ist, dann wird der Arbeiterstand, den die Bauleute bisher verachtet, zum Eckpfeiler geworden sein für die ganze Gesellschaft und das biblische im *0 Arbeiter waren unsere Voreltern, Arbeiter sind wir Alle, wird das Fundamentalgesetz, der ganzen Menschheit sein! Jenseits der Grenze. Eine talmudische Studie vom Redacteur. (Schluß.) Der Würgengel kann sein über alle Welttheile verbreitetes Geschäft nicht allein bestreiten, er hat auch seinen Ge-