Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 8 (15.4.1868)
- Date
- 1868-04-15
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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58 dieses Durcheinander der Meinungen tritt nun noch die christliche und namentlich die christkatholische Kirche und vindicirt sich unter Anwaltschaft des Mainzer Bischöfes Wilhelm Etnanuel Freiherrn von Ketteler (in seinem Buche „die Arbeiterfrage und das Christenthum", dritte Auflage» Mainz, Verlag von Franz Kinhheim 1864) das Recht über die Arbeiterfrage öffentlich ein Urtheil abzugeben, da diesrlbe sich mit den matcncllrn Lcdürfniß'en des christlichen Volkes beschäftigt, und in dieser Hinsicht auch eine Frage der christlichen Liebe ist. Unser göttlicher Heiland, sagt der freiherrliche Bischof, hat die christliche Religion mit Allem für immer und unauflöslich verbunden, was jich auf die Milderung des geistigen und leiblichen Elendes der Menschen bezieht; nach dieser Anweisung hat die Kirche überall und zu allen Zeiten gehandelt. Die Uebung der christlichen Liebe in den Werken der christlichen öarmherzigkeit ist stets ein hervorragender Theil des Lebens der christlichen Kirche gewesen. Aus ihr ist die großartige Fürsorge für alle Uoth der Menschen hervorgegangen. 'Jede Frage, die sich mit Abhilfe des Uothstandes bejchäftiqt, ist daher wesentlich eine christliche, eine religiöse, an der die Kirche und alle ihre lebendigen Glieder sich ans das Innigste betheiligen sollen! — Des Herrn von Ketteler katholisch-oberhirtliche Ueberzeugung geht aber noch weiter. Er glaubt nicht nur, daß die Angelegenheit des Arbeiterstaudes eine tief innerliche Seziehnng zu dem Ehristenthnme habe, er glaubt sogar, daß alle Vorschläge, die bisher größentheits, ohne irgend eine Rücksicht auf das Ehristenthum )u nehmen, nur dann und nur insoweit dem Arbeiterstande Hilfe bringen werden, als sie sich immer an das Ehristenthum anschließen. Das Ehristenthum ist der Erlöser des Arbeiterstandes. Das Ehristenthum hat den Arbeiterstand ans dem Zustande der Sklaverei auf seine jetzige Höhe erhoben, ohne dasselbe vermögen alleHumanitätsbestrebungen feiner sogenannten Freunde nicht zu verhüten, daß dieser Stand wieder in die Verhätnijse des alten Heidenthums zurücksinke; denn nur das Ehristenthum kann der Welt und insbesondere auch dem Arbciterstande helfen." Es sei uns gestattet, die Argumentationen des Herrn Bischofs hier etwas eingehender zu beleuchten, und sie auf ihr richtiges Maß zurückzusühren. Man wird heutzutage wohl kaum leugnen können, daß nicht allein dir politischen oder nationalen, sondern daß vorwiegend die socialen Fragen es sind, welche in weit höherem Grade als es der oberflächlichen Betrachtung erscheint, die Kämpfe unserer Zeit ausmachen. Die Strebungen unserer Epoche bleiben nicht mehr bei dem Staate als der bloßen Form stehen, sondern sie wenden sich immer mehr und mehr dessen ewigen Inhalte, der Menschengesellschaft, als dem von der Natur selbst gelegten Grunde alles menschlichen Seins oder Gedeihens zu. In erster Reihe drängen sich unseren Blicken die großen socialen Uebelstände auf, unter deren Druck ein zahlreicher Theil unserer Bevölkerung leidet, und um so ernster ergeht die Mahnung an die günstiger gestellten Klassen, bei Besserung dieser Zustände rückhaltslos und mit ganzer Kraft mitzuwirken, als das Bewußtsein davon immer lebendiger in den'Massen erwacht, und so ist der Kernpunkt unserer socialen Frage die Arbeiterfrage! Fragen wir nun: Ist die christliche Kirche, und insbesondere die katholische Kirche, als deren Vertreter doch Bischof Ketteler spricht, wirklich die Bannerträgerin dieser socialen Frage? Ist sie es und war sie es? Die ganze Geschichte der Menschheit durchzieht wie ein rother Faden diese sociale Frage; werfen wir also einen Blick in die Geschichte, und die Vergangenheit, richtig verstanden, kann uns hier wie immer die Bedeutung der Gegenwart aufschließen, und die Umrisse der Zukunft vorauszeigen. Das Alterthum ist in socialer Beziehung gekennzeichnet durch die Unterscheidung der Menschen in Freie und Sklaven. Schon in den ältesten Zeiten ist die Sklaverei vorhanden und wird die meiste wirthschaftliche Arbeit von Sklavenhänden vollbracht. Die ältesten Staaten hatten fast durchgängig ein theokratisches Gepräge, in ihnen bildete sich das Kastenwesen, und der Sklave galt nur als lebendiges Arbeitswerkzeug. Der Grieche erkannte nur dem freien Griechen, der Römer nur dem römischen Bürger den Vollbesitz der Menschenwürde zu. Doch die Sklaverei, dem Alterthum gemeinsam, wurde kt den Juden durch den heilsamen Einfluß der mosaischen Satzungen gemildert. Im Staate Jehovas hat man alle 7mal 7 Jahre eine neue Grundtheilung vorgenommen, und wurde im Jubeljahre die Freiheit aller Sklaven proclamirt. Bischof Ketteler erkennt diese hohe Bedeutung des Judentums selbst an, indem er sagt: „Nur allein im Judenthume war es anders und schon hierin erkennen wir seine providentielle Stellung. Zwar bestand auch dort dem Namen nach eine gewisse Art der Sklaverei. Doch die jüdische Sklaverei steht einzig in der ganzen alten Welt da, wie auch der Begriff der Juden von der Arbeit. Der Jude arbeitete neben seinem Sklaven, er gewährte ihm die Sabathruhe wte dem eigenen Volke und war verpflichtet, gewisse menschliche Rechte bei demselben an zu erkennen." Sehen wir auf das Mittelalter. Da finden wir ein schonungsloses Ausbeutungssystem privilegirter Stände gegen rechtlose, unterdrückte Klassen, was die krankhaftesten Zustände, die furchtbarsten Verheerungen hervorgebracht hat. Und wer waren die privilegirteu Stände des Mittelalters? Der hohe Adel, und die Geistlichkeit, diese waren in jeder Hinsicht die herrschenden Factoren jener Gesellschaft. Nun können wir doch berechtigter Weise die Frage aufwerfen : Was war der Arbeiterstand im Mittelalter, zur Zeit als die christkatholische Kirche das Gewissen der Völker in die Zwangsschule der römischen Glaubenstyranei steckte, wo jeder Andersgläubige ein Feind der Kirche hieß, und als solcher verfolgt, verflucht, aus der bürgerlichen Gesellschaft gestoßen und wenn er sich zu widerrufen weigerte, ohne Barmherzigkeit „zur Ehre und zum Preise Gottes", ad majorem Dei gloriam, dem Scheiterhaufen überantwortet wurde? Der Arbeiterstand war im Mittelalter eine rechts-, weil besitzlose Masse, für deren geistige nicht nur, sondern auch für deren materielle Hebung von clericaler Seite nichts geleistet wurde. Die Geistlichkeit faßte im Mittelalter ihre Aufgabe weniger in einer werkthätigen Abhilfe der vorhandenen Noth, in der sich die niederen Klassen befanden, aus, als vielmehr im — Beten; als Richelieu voin französischen Clerus als Aushilfe eine Geldsumme forderte, antwortete derselbe: L’usage ancien de l’eglise etait que le peuple contribuait ses biens, la noblesse sou sang, et le clerge ses prieres aux necessites de l’etat. Während die Geistlichkeit betete, der Adel sein blaues Blut verspritzte, mußte das Volk mit seinem Hab und Gut herhalten für die Bedürfnisse des Staates, die größte Blutsteuer zahlen in den Kriegen seines weltlichen und geistlichen Herren. Interessant ist, wie! 00 Jahre vor Luthers Auftreten ein anderer edler deutscher Mann seine Stimme vor aller Welt mit wahrhaft vernichtender Schärfe gegen die Anmaßungen der Päpste erhoben; das war der Syndicus der Stadt Nürnberg, Gregor von Heimburg, der Arndt seiner Zeit, der sein Vaterland mit klarem Bewußtsein dessen, was ihm noththat, liebte und der Erste war, der feste Einigung und Einheit Deutschlands nach Innen wie nach Außen, in mündlicher und in schriftlicher Rede unablässig forderte, wenn des Vaterlandes Bestand nicht an der Herrschaft der römischen Geistlichkeit zu Grunde gehen solle. In einer Schrift, welche sich an den Kaiser, die Könige und die Fürsten der Christenheit wendet, vergleicht er das übermüthig anmaßende Benehmen der damaligen Päpste mit Christus Demuth und Bescheidenheit. „Mit Recht heißt es da, habe man den Unterschied zwischen Christus und seinem Stellvertreter folgendermaßen ausgedenkt: „Christus schloß die welt-