Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 7 (1.4.1868)
- Date
- 1868-04-01
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9050333-9094778-9051168--0853-9051175- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
55 ließ. — Das Seminar wird stets in Wehmuth des Dahingeschiedenen gedenken; möge ihm die Erde leicht sein! — Wie alljährlich finden jetzt vor Ostern bte öffentlichen Prüfungen der verschiedenen Elementar- und Mittelschulen Breslaus statt. — Am 15. d. Mts. wurden die Zöglinge der Dr. P. Joseph'schen Anstalt, deren Curator der Seminar- Director Frankel ist, in Gegenwart der Vertreter der Gemeinde und der städtischen Behörden geprüft und befriedigten durch ihre Leistungen im Hebräischen, Lateinischen, Französischen rc. so sehr, daß dem Leiter der Schule, sowie den Lehrern, von denen mehrere Seminarhörer sind, die allgemeinste Anerkennung zu Theil wurde. — Nach der am 3. December v. I. stattgehabten Volkszählung befinden sich in Breslau 12.574 Juden. — H- K Breslau, Ende März. Am Geburtstage des Königs (22. März) findet alljährlich an der hiesigen Universität die Preisvertheilung statt. Im heurigen Jahre wurde einem Seminaristen, dem stue'.. phil. Jak. Guttmann aus Beuthen in O.-Schl. der philosophische Preis unter einer äußerst schmeichelhaften Kritik seiner Arbeit zuerkannt. Die Aufgabe lautete: lieber das Verhältniß der kartesianischen Philosophie zu der Spinoza's. — Wie wir vernehmen, wurde in diesen Tagen der Rabbiner Dr. Vogelstein nach Pilsen berufen, um daselbst an den Osterfeiertagen mehrere Probevorträge zu halten. Wir yoffen, daß er im schönen Böhmen denselben Beifall finden wird, der ihm hier und in auswärtigen Gemeinden, wo er öfters bei festlichen Gelegenheiten als Redner fungirte, immer in reichlichem Maße zu Theil wurde. Sein biederer Charakter, seine aufrichtige Frömmigkeit, sowie seine gediegene Bildung können seine Wahl für Pilsen nur wünschenswerth machen. — Von den so eben stattgefundenen, öffentlichen Prüfungen an den beiden Religionsschulen und an der Industrieschule für israelitische Mädchen sei nur so viel berichtet, daß bei allen die Leistungen der Lehrer und Schüler im hohen Maße befriedigten. —■ Der vaterländische Frauenverein hat in voriger Woche zum Besten der Stadtarmen eine musikalischdeklamatorische Akademie veranstaltet und von dem Erträgnisse auch den jüdischen Armen 150 Thlr. zukommen lassen. — In den letzten Tagen dieses Monats starb hier in einem Alter von 88 Jahren eine Frau, E. (Engel), die wegen ihrer außerordentlichen Frömmigkeit und Wohlthätigkeit in der ganzen Stadt bekannt war. Sie kann als Beleg dienen für den Ausspruch, den Pros. Hyrtl in Wien unlängst vor seinen Hörern gethan, daß die Fleischspeisen für den menschlichen Körper unzuträglich seien; denn sie hat, wie Corresp. als ein näherer Bekannter der Verstorbenen verbürgen kann, seit 40 Jahren und darüber in Folge eines Gelübdes weder Fleisch, noch selbst Fleischbrühe berührt und erfreute sich trotzdem bis einige Tage vor ihrem Tode des besten Aussehens und einer unerschütterlichen Gesundheit. Ihre Geistesfrische bewahrte sie bis zum letzten Augenblicke. Ein unglücklicher Fall hatte ihr Ende beschleunigt. — Schließlich möchte ich mir noch eine bescheidene Frage erlauben. — In Oesterreich M doch ein Seminar errichtet werden. Daß diese Angelegenheit eine sehr wichtige und für das Gesammtjudenthum bedeutungsvolle sei, wird doch Niemand leugnen, und doch wird sie, so zu sagen, todtgeschwiegen. — Warum läßt sich keiner der Herren „Sachverständigen" (Rabbiner oder Religionslehrer) herbei, sich darüber in diesen Blättern zu äußern? Ich glaube, es könnte der Sache selbst nur vom höchsten Nutzen sein, wenn sie vor dem Forum der Oeffentlichkeit des Nähern besprochen und nach allen Seiten hin beleuchtet wird. — HK' Gleiwitz im März. Unser geehrter Mitbürger H. Salomon Troplowitz, der Chef der weltbekannten Ungarweinhandlung „S. Troplowitz und Sohn" und Hoflieferant Sr. Majestät des Königs, feierte am 27. v. Mts. das fünfzigjährige Bürgerjubiläum. Der 78jährige Greis befindet sich noch immer in roller geistiger Frische und körperlicher Rüstigkeit. Das Fest rief weit über den Kreis der Familie und nächsten Verwandten hinaus eine rege Theilnahme wach. Zunächst waren es die städtischen Körperschaften. die durch H. Bürgermeister Teuchert und Stadtverordnetenvorsteher Dr. Freund den 50jährigen Genossen feierlich beglückwünschten, und denen eine Deputation der Synagogengemeinde, geführt vom Rabbiner Dr. Hirschfeld folgte. An diese offiziellen Gratulationen schloß sich eine Anzahl von glückwünschenden Telegrammen, wie sie hier wohl noch niemals au einem Tage an eine und dieselbe Person expedirt worden ist, darunter ein sehr freundlicher Zuruf aus Königsberg von unserem Ehrenbürger, H. Oberst und Brigadier Baumgarth. Nicht minder groß war die Zahl Derer, die persönlich in dem Jubelhause erschienen, um dem Gefeierten den Beweis ihrer besondern Zuneigung und Hochachtung darzubringen. Eine Deputation der Stammgäste, als deren Sprecher H. Kreisgerichtsrath Hatschier fungirte, nahm besondere Aufmerksamkeit in Anspruch und erregte eine gehobene Stimmung, als dem Jubclar ein vorzüglich gelungenes Bild der ehrwürdigsten und erprobtesten Mitglieder der täglichen Tafelrunde überreicht wurde. Den Culminationspunkt fand die Festesfreude indeß, als eine von der königl. Regierung zu Opp?lu eingehende Depesche die mit stürmischem Beifalle aufgenomm^ne Nachricht brachte, daß Se. Majestät der König allergnädigst geruht habe, dem Jubel- Greise den Kronenorden zu verleihen. Als am Vormittage des 28. die Ordensdecoration eintraf, wurde dieselbe vom H. Bürgermeister Teuchert in Gegenwart einer Anzahl von Mitgliedern des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung dem H. Troplowitz feierlich überreicht. Möge es dem Jubilar vergönnt sein, nach 10 Jahren mit gleicher Frische und Ausdauer die Strapatzen eines erneuten Jubelfestes zu ertragen, und uns — sie zu theilen. (Schl. Ztg.) Berlin. Ein Brief aus Jerusalem meldet, daß der Consul des norddeutschen Bundes, Professor Petermann, bald nach seiner Ankunft dem Rabbi Arjeh die Freiheit gab und den preußischen Consulatsvertreter Dragoman Dahud seines Amtes entsetzte. (Diese Notiz bezieht sich auf. die bekannte Interpellation des Dr. Kosch im Berliner Abgeordnetenhause, die somit eine befriedigende Erledigung gefunden hat). — Königsberg, 21. März. Im vorigen Sommer nahm der jüdische Schneidermeister Abramson den kleinen 12jährigen, aus Rußland hierhergekommenen Betteljuugen Hirsch Schulzki in seine Familie , auf und bewies sich in vollstem Maße als barmherziger Samariter. Er meldete den Knaben auch bei der Polizei an und glaubte somit Alles gethan zu haben, was nöthig sei. Indeß hatte der Mann keine Ahnung, daß er gerade dieser Handlung wegen angeklagt werden würde. Es besteht nämlich ein Gesetz aus dem Jahre 1847, wonach die Genehmigung des Ministers des Innern innerhalb sechs Wocheneingeholt werden muß, einen ausländischen Juden bei sich aufzunehmen. Die Strafe für Unterlassung dieser gesetzlichen Verordnung ist hart, da das Maß derselben von 20 bis 200 Thalern festgesetzt ist. Es mußte sonach die Verurtheilung des in beschränkten Verhältnissen lebenden Abramson erfolgen und am letzten Donnerstage wurde von der hiesigen Criminaldeputation die niedrigste Strafe von 20 Thlr. gegen ihn ausgesprochen. (Br. M. Z.) Summum jus, summa injuria, dies Sprichwort gilt hier in seiner vollsten Bedeutung. Es errinert uns dieser Fall an einen ähnlichen, der vor Kurzem in Wilna einem israelitischen Kaufmann begegnete. Dieser ein sehr reicher und wohlthätiger Mann, pflegt täglich hunj dert Arme ohne Unterschied der Confession zu speisen. Dabei I unterhält er sich mit ihnen und spricht je nach Bedürfniß