Mannheim
Compact Memory

Das Abendland · 1868-04-01 · 7 (1.4.1868) · p. Seite 54

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
7 (1.4.1868)
Date
1868-04-01
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9050333-9094778-9051168--0852-9051174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

54 Ende nehmen. Eine andere Partei habe den Tempel schonen wollen, falls er von den Inden gutwillig geräumt werde, würden sie ihn aber vertheidigen, so soll er nicht mehr als Heiligthum, sondern als Kastell behandelt werden, die Schuld der Zerstörung falle dann nicht den Römern, sondern den Juden zur Last. Titus habe weder diesen noch jenen beigestimmt, sondern sich für unbedingte Schonung ausgesprochen, denn man kämpfe gegen Männer, nicht gegen leblose Mauern, die Zerstörung eines solchen Gebäudes sei ein Verlust lediglich für die Römer, durch die Erhaltung desselben werde ihrem Reiche eine Zierde gewahrt. Da drei von den sechs Stimmführern der Versammlung dieser Meinung beitraten, Ware also die Schonung beschlossen worden. — Welchem der beiden Geschichtsschreiber wird nun mehr zu glauben sein, dem zeitgenössischen Juden Josephus oder dem um drei Jahrhunderte später lebenden Mönche Severus? — (Schluß f.) Jenseits -er Grenze. Eine talmudische Studie vom Redacteur. Es ist ein Reich, von dessen Ufern, wie ein unsterblicher Dichter sagt, kein Reisender zurückgekehrt, und wer wollte auch jene durchsichtigen, krystallenen Berge, jene Hellen, ungetrübten Gewässer, jene farbenreichen Fluren verlassen, wer wollte jenen glänzenden Palästen mit ihren leichtbeflügelten Bewohnern Abschied geben, um zurückzukehren in die alte Noth und Drangsal, in die alte Alltäglichkeit, in das alte prosaische Menschentreiben! Ist es dir jemals begegnet, aus einem schönen, süßen Traume geweckt und mit rauher Hand in die Last des Tages gestoßen zu werden: dann ist es dir gewiß begreiflich, daß kein Sterblicher freiwillig die ätherische Hülle ablegen wird, um sich zum zweiten Male in die Uniform menschlichen Elends zu stecken. — Dennoch dringen zuweilen aus jenem Reiche so liebliche Klänge zu uns herüber, dennoch ist uns Erdenkindern zuweilen ein Blick gegönnt in jenes Zauberland, und die Bilder, die sich unserer Erinnerung einprägen, versüßen uns manche Stunde des Daseins. Wir sind nicht immer Handwerker oder Handelsleute, nicht immer Gelehrte oder Papierverderber, nicht immer Sinnen¬ oder Vernunftmenschen, wir sind zuweilen lieb und gut, gemüthlich und unschuldig wie die Kinder - wenn wir schlafen; die Phantasie taucht ihren Pinsel in die Farben des Regenbogens und zaubert uns die herrlichsten Gebilde vor's Auge — wir träumen, das Leben ist so schön, denn das Leben ist ein Traum! Wenn der Materialismus einen Jeden, der nicht gerade fanatisch für die edle Arithmetik schwärmt, besonders aber Jenen, der vollends so unglücklich ist, von einer poetischen Ader gequält zu werden, einen Träumer nennt; so beweist er durch diese Bezeichnung, daß es ihm zu keiner Zeit an sogenanntem „Geist" fehlte.— Im Traume liegt die Welt der Ideale, das Reich der Geister. Mit diesen einleitenden Worten, die, wenn auch nicht hors d’oeuvre, doch in einer zu allgemeinen Fassung erscheinen, wollen wir die Nachsicht des Lesers erbitten, wenn wir im Gange unserer talmudischen Studien ein Thema behandeln, dessen Detaillirung eine so verschiedenartige Auffassung zuläßt, ein Thema, bei dem Dichtung und Wahrheit so innig amalgamirt auftreten, daß man eben so oft die Wahrheit für die Dichtung, als die Dichtung für die Wahrheit angesehen hat. Schon in der Bibel wandeln die Engel als Sendboten Gottes unter den Menschen, um zu rathen und zu warnen, zu trösten und zu helfen; doch traten sie weniger als selbstständige Persönlichkeiten auf, sie erschienen als Wesen, deren Existenz mit der entsprechenden Mission beginnt, und mit ihr auch zu Ende geht. Sie sind Kinder des Augenblicks, den sie nach göttlichem Rathschluße beherrschen, momentane Kräfte, welche die Allmacht in's Dasein rief, um sie schnell wieder verschwinden zu lassen, sie lassen keine Spur zurück, nicht einmal ihr Name bleibt, denn sie haben keinen Namen. (1. B. M. 32. 30 — Richter 13. 18.) Erst in den spätern Schriften der Bibel, als die Israeliten bereits mit den Babyloniern in nähere Berührung kamen, werden einige Engelttautett genannt. Von den Babyloniern lernten es die Juden, den Himmel mit Engeln zu bevölkern, und diese Himmelsbewohner nach Namen, Stand, Macht und Rangordnung zu organisiren. Der Talmud selbst gesteht es, daß die Engelnamen, von den Exulanten aus Babylon nach Judäa verpflanzt wurden. Der Talmud bietet ein vollständig gegliedertes System der Anglologie. — Auch der Einfluß persischer Anschauungsweise läßt sich nicht verkennen, wenn den guten Engeln, welche das Menschengeschlecht beschützen, böse Engel zugesellt wurden, die es bekämpfen und anseinden. Die Bekanntschaft mit der griechischen Mythologie blieb sicher auch nicht ohne entsprechende Nachwirkung. Gewisse Naturkräfte erhielten ihre eigenen Vorgesetzten Engeln, und jede Nation auf Erden hat ihren besondern Protektor unter den Himmelsschaaren. Unter den Engeln, welche mit Namen genannt werden, sind die vorzüglichsten Gabriel und Michael, ersterer, Symbol der Macht, durchschwebt die Welt in zwei Flügen, während letzterer, der Engel des Erbarmens, nur einen Flug dazu braucht, (Berachoth 4). Der größte Feind der Menschheit ist der Todesengel oder Würgengel, er hat den Beruf, die Sterblichen aus dem Lande des Lebens in das Todtenreich zu befördern. Sein ganzes Wesen macht ihm zum Schrecken und Scheusal der Erdenkinder. Er hat Augen ohne Zahl, steht mit gezücktem Schwerte, einen Tropfen Galle in der Hand haltend, beim Haupte der Kranken, der dem Tode verfallen ist. Sobald ihn der Kranke erblickt, bebt er zusammen, und öffnet den Mund. Der Würgengel schüttet den Tropfen hinein, welcher den Tod herbeiführt, das Gesicht erblassen macht und Leichengeruch verbreitet (Aboda Sara 20). Eine ähnliche Mythe haben die Indier. — (Forts, f.) Correspondenzen. Breslau im Mä rz. Das hiesige jüdisch-theologische Seminar hat wieder einen herben Verlust zu beklagen. Am 14. März verschied nach langem und schwerem Leiden der Seminarist Franz Aschkenasi aus Nikolsburg im blühenden Alter von IV/2 Jahren. — Zwar gehörte er erst seit Ostern v. I. der Anstalt an, doch selbst während der kurzen Zeit seines Hierseins hatte er sich bereits die Liebe und Freundschaft aller seiner Eollegen erworben und seines hervorragenden Talentes wegen zu den schönsten Hoffnungen berechtigt, die nun leider allzubald durch den unerbittlichen Tod vernichtet wurden. Jeder Tod hat sein Schmerzliches; wir fühlen uns tief getroffen, wenn wir einen Freund, einen Bekannten aus dem Leben scheiden sehen, auch wenn er die gröstmöglichste Vollkommenheit als Mensch schon erreicht und ein langes und glückliches Erdendasein durchlebt hatte; sehen wir aber ein junges, schönes Reis, noch bevor es zur Blüthe gelangte, vom Sturme geknickt dahinsinken, ist es ein Jüngling, der mitten im edelsten Streben in der! Vollkraft seiner Jugend dahingerafft wird und fern von der! Heimat in der Fremde sterben muß; dann sind die Thränen! begründet, hat der Schmerz seine Berechtigung. — Und in | der That war die Theilnahme an dem traurigen Geschicke i Aschkenasi's die allgemeinste und schmerzlichste; sie zeigte sich j schon während seiner langen Krankheit, noch mehr aber bei | seinem Begräbniße am 17. d. M. Nicht bloß der hochwürj dige Director Frankl, die Lehrer und Euratoren des Semi- ■ nars und alle seine Eommilitonen geleiteten ihn zur letzten Ruhstätte, auch sehr viele andere, die außerhalb des Seminarkreises stehen, folgten seiner Bahre. — Am Grabe hielt Rabbiner Dr. Vogelstein eine ergreifende Rede, die manches Auge seiner tiefbewegten Zuhörer von Thränen überfließen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.