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Das Abendland · 1868-04-01 · 7 (1.4.1868) · p. Seite 53

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
7 (1.4.1868)
Date
1868-04-01
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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53 feit machen, beklagt worden als ein Zeichen für den sittlichen Verfall und die geistige Auflösung unseres Jahrhundertsund man hat, um diesen Antheil des Judenthums an unserer Literatur und Bildung zu erklären, hingewiesen auf die Rührigkeit und das industrielle Talent der Juden, aus ihr enges, inniges Zusammenhalten; ihre Erfolge seien nur ein Produkt der Coterie und Clique; ja sogar aus der jüdischen Bosheit und Verstockheit, die dem Christen das Brod vom Munde weghaschen will, hat man diese Erfolge erklären wollen. Aber man muß tiefer graben, in den Kern unserer innersten Entwicklung. Der Jude war seit dem Mittelalter der Paria, das elendeste aller lebenden Wesen: darum suchte sich der Jude eine Freistatt in der Wissenschaft, in Kunst und Bildung. Der Getretene, Geächtete wollte selbst seine Menschenwürde beweisen, indem er Theil nahm an der geistigen Arbeit des Jahrhunderts, und er, der selbst das Meiste gelitten, hatte auch das tiefste Mitgefühl, das richtigste Verständniß für die allgemeinen Leiden der Zeit. Es war mithin eine geschichtliche Nothwendigkeit, daß im Beginne der Dreißiger Jahre jüdische Männer die Herolde wurden für die Kämpfe der Zeit. Hierauf folgte eine geistvolle Charakteristik der beiden Dioscuren B. und H.— Börne pflege man sich vorzustellen als einen Königsmörder von Handwerk und einen rastlosen Verschwörer; er war nichts weniger als das, sei vielmehr eine der weiblichsten, mildesten, schüchternsten Naturen gewesen; aber der ungerechte Druck, der damals auf den Juden lastete, hat sein Herz verhärtet und ihn zu einem Schriftsteller gemacht, der die Gewalt der Herrscher erzittern machte. — Die Juden in Frankfurt a. M., der Geburtsstadt Börne's, hatten von Napoleon für 1 Million Gulden ihre Gleichberechtigung mit den Christen erkauft; im Jahre 1813 aber zerrann wieder die Schattenexistenz des Großherzogthums Frankfurt und die Juden verloren alle ihre theuer erkauften Rechte. Das gibt den Schlüssel zum innersten Verständniß Börne's und seines Wesens. Die Wiederherstellung des Ghetto in Frankfurt a. M. war nur ein Symbol der Schmach, die das ganze Volk nach den Freiheitskriegen getroffen. Dies erklärt den Groll und Grimm von Börnes ursprünglich harmloser Seele. — Wir müssen es uns versagen, den ganzen herrlichen Vortrag wiederzugeben, da es den uns in diesem Blatte zugemessenen Raum weit überschreiten würde. Wir brauchen wohl nicht erst zu erwähnen, daß Prutz auch Auerbach, Hartmann, Karl Beck, Julius Rodenberg (der eigentlich Julius Lewy aus Rodenberg in Hessen heißt) und Andere nicht vergaß. Der Vortragende machte auch darauf aufmerksam, daß die geistvollsten und bedeutendsten Frauengestalten der deutschen Literatur, wie eine Henriette Herz, die geniale Freundin Schleiermachers, eine Rachel Varnhagen, eine Fanny Lewald, jüdischen Ursprungs gewesen seien. — —H— Titus und der Tempelbrand. Von H. Kohn. Von allen jüdischen und nichtjüdischen Historikern wurde bisher angenommen, daß der Tempel zu Jerusalem nicht auf Befehl des Titus zerstört wurde, seine Verbrennung wurde vielmehr bis auf unsere Zeit nur einem unglücklichen Zufalle oder einem übermenschlichen Verhängnisse zugeschrieben. Wie v.n Allen gleichlautend erzählt wird, habe ein römischer Legionär wider Wissen und Willen des Imperators während der Erstürmung der Stadt ein brennendes Holz durch das sogenannte goldene Fenster des Tempels geworfen, die hölzernen Zellen des Heiligthums haben Feuer gefangen, das sich mit Windesschnelle auch über die andern Räume verbreitete, und so sei in kurzer Zeit das herrliche Bauwerk ein Opfer der Flamme geworden. Obwohl es eigentlich merkwürdig erscheinen muß, daß während der entsetzlichen Verwirrung des Sturmes dergleichen Einzelheiten mit solcher Genauigkeit bemerkt werden konnten, glaubte man doch dieser > Darstellung der Katastrophe um so eher folgen zu dürfen, als man ja den Josephus als Gewährsmann. für dieselbe hatte. Josephus war bekanntlich Jude und Zeitgenosse und mußte als jüdischer Feldherr im Entscheidungskampfe wohl am genauesten von den Ereignissen unterrichtet gewesen sein. Hierzu kam noch, daß man einen solchen Vandalismus unmöglich mit dem Charakter eines Titus, der „die Liebe und Wonne des Menschengeschlechtes" genannt wurde, vereinigen konnte. Die Flavier rühmten sich außerdem noch einer besonder Pietät gegen die Götter und prahlten mit ihrer Frömmigkeit. Wenn es nun im Alterthume überhaupt nicht gebräuchlich war, ja für Frevel galt, die Heiligthümer einer eroberten Stadt der Zerstörung Preis zu geben, so dürfte wohl Titus um so mehr den Tempel geschont haben, da dieser doch auch von frühern Eroberern (Alexander, Pompejus) ehrfurchtsvoll behandelt wurde und seiner Zeit im Allgemeinen selbst unter den Heiden eine hohe Verehrung genoß. Endlich lag auch durchaus kein politisches Motiv vor, das die Einäscherung des Gotteshauses, ja auch nur der Stadt Jerusalem rechtfertigen konnte. Die Zerstörung von Korinth, Karthago war durch die Umstände geboten. Die Römer konnten solche bedeutungsvolle Hauptstädte nicht ohne starke Besatzungen aus die Länge der Zeit behaupten, die Republik besaß aber noch keine stehenden Heere; also mußte daJ was sich ohne Ungelegenheit nicht besitzen ließ, vernichtet werden. Anders verhielt es sich aber mit Jerusalem. Rom hatte damals längst schon seine Prätorianer, mit denen es die unterworfene Hauptstadt Judäas hätte besetzen können, so daß Titus aus den angeführten Gründen gewiß nicht nöthig gehabt hätte, die schönste Stadt des Orients in einen rauchenden Trümmerhaufen zu verwandeln. — In Summa glaubte man also, den „Liebling des Menschengeschlechts" von der Schuld der Zerstörung Jerusalems und speziell des Tempels sreisprechen zu dürfen, der milde Fürst habe sogar, wie Josephus (Bell. VI. 4. 5.) erzählt, ausdrücklich befohlen, Stadt und Tempel zu schonen und später auch, wiewohl vergeblich , Alles aufgeboten, um dem verheerenden Elemente Einhalt zu thum. — Diese bisher allgemein gangbare Meinung wurde zuerst durch den bekannten Gelehrten Dr. Bernays (ehemals Lehrer am Breslauer Seminar, jetzt Oberbibliothekar und Professor der Philologie in Bonn) erschüttert, oder besser ganz umgestoßen. Im Jahre 186! veröffentlichte er eine Abhandlung: „lieber die Chronik des Sulpicius Severus", in welcher er mit voller Evidenz nachwies, daß der Tempelbrand nicht blos nicht ohne Vorwissen des „milden" Titus, sondern sogar mit seinem Willen und auf seinen Befehl angelegt worden sei. — Sulpicius Severus war ein gallischer Mönch, der im spätesten Alterthume um 400 n. Ehr. lebte und in seiner Chronik den Hergang der berührten Angelegenheit folgendermaßen angibt: „Es wird erzählt: Titus habe zuvor einen Kriegsrath berufen und beratschlagt, ob er ein solches Bauwerk, wie der Tempel sei, zerstören solle. Einige nämlich meinten, man dürfe ein geweihtes Gotteshaus, das alles Menschenwerk überstrahle, nicht vernichten, da seine Erhaltung zu eurem Zeugniß römischer Milde, seine Vernichtung zu einem unauslöschlichen Makel der Grausamkeit gereichen müsse. Andere dagegen und Titus selbst stimmten dahin, gerade den Tempel müsse man vornehmlich zerstören, damit der Juden- und der Christenglaube vollständiger ausgerottet werde. Denn diese Glaubensarten, obzwar einander gegenüberstehend, seien doch von denselben Urhebern ausgegangen; die Christen seien aus den Juden entstanden; sei erst die Wurzel fortgeschasst, so werde auch der Stamm leicht zu Grunde gehen. Solcherweise ward der Tempel zerstört." (Sever. Chron. II. 30. 6.). — Auch Josephus kennt diesen Kriegsrath, sein Bericht über denselben lautet aber ganz verschieden von dem des Severus. Drei Ansichten, erzählt er (Bell. VI. 4. 3.), seien daselbst geäußert worden. Eine Partei habe auf absichtliche Zerstörung des Tempels unter allen Umständen gedrungen, denn so lange dieser Sammelplatz der Juden aufrecht stehe, werde das Rebelliren derselben kein

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