Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 6 (15.3.1868)
- Date
- 1868-03-15
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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45 langen der Juden willigte, bedeutende Veränderungen an gewissen Theilen der Städte vorzunehmen. So z. B. petitionirten die Juden in Haag im Jahre 1692, als sie eben im Begriffe waren, daselbst eine prachtvolle Synagoge zu erbauen, um die Erlaubniß, daß es ihnen gestattet sein möge, da Haag ein von Wällen, Mauern und Thoren entblößter Ort war,' die Brücken, welche den Hauptzngang zur Stadt bildeten niederzureißen, und an Stelle derselben neue hölzerne Zugbrücken aufzuführen; wo sich jedoch solches nicht bewerkstelligen ließe, möge ein Thor mit einem Riegel versehen angebracht werden, damit der Ort des Nachts geschlossen und die Zugänge hiezu abgesperrt werden können. Man könnte wohl dieses Ansuchen der Inden im Haag mit der Veruulthung in Verbindung bringen, daß die Inden im Mittelalter, da sie so häufig den Insulten und Mißhandlungen ihrer Gegner ausgesetzt waren, mithin sie dadurch sich zu schützen suchten, allein wenn man wieder die Freiheiten der Juden in Holland, die ihnen von der Obrigkeit gewährt wurden in Betracht zieht, wird man leicht erkennen, daß diese Bitte der Juden mehr auf religiösem Principe, nämlich (AKDän P]1TW), als auf Furcht vor Feinden beruhte. — Die Juden zu Haag boten sich an, all' diese vorzunehmenden Veränderungen aus eigenen Mitteln bestreiten zu wollen, und die Behörden gewährten auch bereitwilligst ihre Forderungen. Ein nicht unterschätzbarer Grad der Freiheit für die Juden in Holland war es ferner, daß ihnen gestattet wurde, in ihren daselbst zahlreich innehabenden Druckereien, ohne die geringste Censur Alles veröffentlichen zu dürfen; hiemit war auch dem jüdisch schaffenden Geiste ein großer Spielraum gewährt.— Es wäre wohl nicht gewagt die Annahme, daß diese Freiheit hauptsächlich dazu beitrug, daß im 16. und 17. Jahrhundert die meisten jüdischen Geistesproducte aus Holland stammen. — Ich will hier, da es die Umstände erfordern, auch nur in gedrängtester Kürze eine Biographie des durch seine literarischen Arbeiten weltberühmten R. Menasse b. Israel geben, und glaube um so eher einer ausführlichen Abhandlung über diesen Gegenstand enthoben zu sein, da schon ausführlicheBiographien des R. M. b. I. von M. Mendelsohn in seinen Werken, ferner von Dr. Kaiserling im Jahrbuch für die Geschichte der Juden 2. B. geliefert wurden. — Menasse b. Israel wurde im Jahre 1604 (und nicht wie Einige behaupten 1605, Vgl. sein B. de term. itae) zu Lissabon geboren. Sein Vater war R. Josef b. Israel, und seine Mutter Rahel Soeira, welche nicht wenig aus ihre directe Abstammung von der adeligen Familie Abarbanel, mithin von der Linie des König David, stolz war. R. Josef war auch einer jener zahlreichen Unglücklichen, der durch die Folter und Marter der Inquisition unter Ludwig III. feiner_ Gesundheit beraubt, arm und bloß, mit Weib und Kind fortzog und nach Amsterdam auswanderte. (Vgl. de termino vitae von R. M. b. I. s. 236: Parens meus omnibus suis facultatibus privatus ab inquisitione Hispanica, quia religione Judacus erat, cum ter prius tormentis crudelibus subjectus fuisset, atque hinc corporis amisisset bonam valetudinem, cum matre Rachele Soeira, non obscura genere natu, in hac provincis se contulit, tanquam libertatis et conscientia asylum etc., — Aus dieser Stelle ist ersichtlich, daß R. Josef dreimal von der Inquisition grausam gefoltert wurde. — R. Menasse lag schon in seiner zartesten Kindheit, mit besonderem Fleiße den talmudischen und mathematischen Studien, bei dem damaligen afrikanischen Rabbiner zu Amsterdam, R. Jsak Usiel (einige nennen ihm fälschlich Uriel) ob. 1622 folgte er im 18. Jahre seines Lebens seinen im Jahre 1620 verstorbenen Lehrer im Amte. Im Jahre 1623 vermälte er sich mit seiner Gattin, die ebenfalls den Namen Rachel führte, und auch aus der Familie der Abarbanel ihren Ursprung ableitete. Aus dieser Ehe ersprossen 3 Kinder, und zwar 2 Söhne, nämlich Josef, der den Namen seines verstorbenen Vaters führte, und Sautuel, ferner eine Tochter Gracra (wahrscheinlich N2N). Menasse hatte trotz seiner ansehnlichen Stellung stets mit Nahrungssorgen zu kämpfen, was auch dazu beitrug, daß er nicht nach Wunsch sich ausschließlich dem Studium hingeben konnte. Er verfiel nun auf den Gedanken und errichtete zu Amsterdam eine Druckerei, deren ich schon in einem früheren Artikel Erwähnung gethan. — Allein auch dieser Erwerbzweig wurde ihm durch Concurrenz abgeschnitteu, und er griff nun zum Handel. (Vgl. sein torm. vit. s. 236.) At nunc quasi mei oblitus, mercaturam exerceo, quid faciam? d. h. „Aber NUN habe ich meiner gleichsam vergessen, und treibe Handel, was soll ich thun?" — Menasse knüpfte zu diesem Zwecke Verbindungen mit bekannten und verwandten Kaufleuten aus Brasilien an, und stand eben im Begriffe, nach Brasilien auszuwandern, um dort eine neue Heimat zu gründen. Im Jahre 1640 nahm er auch in der Synagoge herzlichen Abschied von seiner Gemeinde; da warm es nun hauptsächlich die erst kurz vorher aus Spanien übersiedelten reichen Brüder Abraham und Jsak Pereyre, welche den wissenschaftlichen Werth des R. Menasse in seinem ganzen Umfange zu würdigen wußten, und ihn zum Präsidenten der von ihnen gegründeten wissenschaftlichen Akademie einsetzten. — Eine natürliche Folge der Toleranz, welche Holland gegen die Anhänger des jüdischen Glaubens übte, war, daß Christen und Juden sich annäherten und sich kräftig gegenseitig unterstützten. Diese Toleranz einerseits, andrerseits wieder die persönliche Liebenswürdigkeit und der immense Schatz von Wissen waren es, welche R. Menasse b. Israel auch viele christliche Freunde erwarben. Zu den ältesten Freunden R. Menasses zählte der als Dichter so sehr berühmte und als Freigeist so sehr verfolgte Caspar Barläus, ferner der berühmte Gerhard Vossius wie auch dessen Sohn Jsak Vossius, Kammerherr der Königin Christine von Schweden. Selbst der in damaliger Zeit als scharfsinniger Philosoph wie als gründlicher Theologe berühmte Hugo Grotius stand Menasse nicht fern, sondern unterhielt einen lebhaften Briefwechsel mit ihm. —• Man kann annehmen, daß fast die meisten christlichen Theologen jener Zeit,, mit Menasse in wissenschaftlichem Verkehr standen, wie z. B. der schwärmerische Paulus Felgenhauer, der Mystiker Abraham v. Frankenberg. (Bgl. bon. nunc s. 93.) Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, daß M. auch mit den berühmten jüd. Gelehrten damaliger Zeit im intimsten Verkehr stand. So z. B. mit dem berühmten Arzte Immanuel v. Rosales, welcher von Kaiser Ferdinand zum Pfalzgrafen erhoben wurde. Dieser verherlicht den Freund in einem Gedichte. „Ezc; voYjtabv" (Vgl. de term. vit. 126)f Ferner Abraham Pinto rc. — Wollte ich die Namen sämmtlicher Gelehrten aufzählen, die Menasse nahe standen, würde ich meinem Vorsatze, eine nur kurzgefaßte Skizze seines thatenreichen Lebens zu geben, untreu werden. — Menasses Größe bestand aber nicht blos in seiner Gelehrsamkeit, sondern auch in sqinem Streben für das Wohl seiner Brüder. Durch seine Freundschaft mit Jsak Vossius stand ihm der Weg zu so manchem Regenten offen, und er verwendete sich auch sehr häufig für seine Glaubensbrüder. (Vgl. Mends. und Jhb. f. G. d. I.). — Jm J. 1650 zog er nach England, um daselbst bei dem Protektor Cromwell für die Juden, welche seit 1290 aus England vertrieben waren, Fürsprache einzulegen, damit sie sich wieder daselbst ansiedeln dürfen. Cromvell empfing ihn aufs Zuvorkommendste, und seine beiden Petitionen, die er in dieser Angelegenheit an die Republik richtete, hatten auch Aussicht auf Erfolg. — Der frühzeitige Tod verhinderte ihn jedoch die Früchte seiner Anstrengungen reisen zu sehen. Er zog im Jahre 1657 wieder in seine Heimat, allein der Tod ereilte ihn zu Middelburg, bevor er noch bei den Seinigen aukam. (Schluß folgt.) Ergänzungen und Berichtigungen zur Biographie des Joel Sirkes in Nro. 1 des „Ab endla nd." Zur genannten Biographie von dem geehrten Herrn Dr. Friedländer erlauben wir uns folgende Notizen hinzu-