Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 5 (1.3.1868)
- Date
- 1868-03-01
- Page
- Seite 38 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Bresla u, im Februar. Wieder einmal ist in Oesterreich die Seminarfrage aus die Tagesordnung gekommen, um, wie wohl zu hoffen steht, ihrer endlichen Lösung entgegen geführt zu werden. Es ist natürlich, daß die österreichischen Hörer des hiesigen Seminars von den Vorgängen nicht unberührt bleiben und besonders für die genannte Angelegenheit auf das Lebhafteste sich interessiren. Fanden sie auch an der Breslauer Anstalt die liebevollste Aufnahme, genießen sie hier auch das Glück, für ihren Beruf von Lehrern gebildet zu werden, die, wie ein Frankel, ein Grätz, jeder Hochschule zur Zierde gereichen würden; so fühlen sie sich in Breslau doch immer als Fremde, ihr Herz zieht sie zur Heimat, und sie würden mit Freuden in ihr Vaterland zurückkehren, falls sie nur die Gewißheit hätten, daß ihnen daselbst dieselben Mittel zu ihrer Ausbildung geboten werden, wie am hiesigen Seminar. -- Dieser Fall dürfte nun wohl so bald noch nicht eintreten, denn die Schwierigkeiten, eine derartige Anstalt in's Leben zu rufen, die auf dem Boden der jüdischen Vergangenheit wurzelnd dennoch der Gegenwart nach allen Seiten hin gerecht werden soll, sind enorm und lassen sich auch beim besten Willen nicht allsogleich beheben. Um so mehr aber ist es Pflicht aller unserer österreichischen Glaubensgenossen, die dankenswerthe Initiative der Regierung nach Kräften zu unterstützen und letztere in ihrem Streben, diesem längst gefühlten, wahren Bedürfnisse abzuhelsen, auf alle Weise zu fördern. — Da müssen alle kleinlichen Rücksichten und Bedenken schweigen, aller Parteihader muß verstummen, wo es eine für das Wohl des Gesammtjudenthumes so hochwichtige Angelegenheit, die endliche Verwirklichung dieses längst gehegten pii desiderii gilt. — Von diesem Gesichtspunkte aus muß auch der Schritt beurtheilt werden, den zu Anfang dieses Monats die österreichischen Hörer des hiesigen Seminars in dieser Angelegenheit gethan haben. — Die hohe Regierung hat in ihrem Expose über die Seminarfrage mit Recht betont, daß die zu errichtende Anstalt ihren Sitz in einer Universitätsstadt haben solle, damit die Rabbinatskandidaten zugleich auch die Vorlesungen an der Hochschule besuchen könnten. ■— Zu den für den zukünftigen Rabbiner wichtigsten Studien gehören aber unstreitig außer den specifisch-philosophischen die sogenannten Orientalia, d. s. die Sprachen und Literaturen, Alterthümer und Geschichte des alten Orients. — Es ist bekannt, in welcher Weise gerade dieser Wissenszweig auf den österreichischen Universitäten darniederliegt, daß an vielen philosophischen Fakultäten des Kaiserstaates kaum ein Lehrstuhl für Orientalia besteht. Die österreichischen Seminaristen von Breslau richteten darum an das cisleithanische Cultusministerium unterm 31. Januar d. I. eine Adresse, in dev sie um die Beförderung der Pflege der orientalischen Wissenschaften zunächst durch Gründung und Besetzung neuer Lehrkanzeln und Beschaffung der nöthigen Lehrmitteln auf den Bibliotheken petitionirten.—Außerdem machten sie in ihrem Schreiben aus einen andern Uebelstand, der bezüglich der Erlangung der philosophischen Doctors- . würde an den österr. Universitäten obwaltet, aufmerksam, j welches Gebrechen aber mehr allgemeines Interesse hat und ' nur insofern auch das zukünftige Seminar berührt, als es dem Rabbinatskandidaten nicht gleichgiltig sein kann, ob er zum Doctorexamen aus den so heterogenen Fächern: Philosophie, Geschichte, Mathematik und Physik, die er bei seiner sehr beschränkten Zeit darum auch nicht eingehend studiren kann, Prüfung machen muß, oder ob er wie im deutschen; Auslande bloß die tiefere, gründliche Erfassung eines Wisj senszweiges zu bekunden braucht, um promovirt werden zu i können. Die Bittsteller hatten schon Mitte dieses Monats : die Freude, ihr Gesuch vom Hrn. Cultusminister Hafner auf das Wohlwollendste beantwortet zu sehen. Se. Excellenz erkennt dankend den Patriotismus an, von dem die Adresse dictirt worden, tritt den gemachten Vorschlägen vollkommen bei und verspricht dieselben bei der bevorstehenden Organisation der österr. Universitäten verwerthen zu wollen. — die Juden Breslaus zur Linderuug der furchtbaren Noth in Ostpreußen auch das Ihrige beigetragen haben, bedarf wohl kaum erst der Erwähnung. Ist doch die Mildthätigkeit, die weder nach der Nationalität noch nach der Confession fragt, schon seit jeher eine der schönsten und selbst von unfern Feurden anerkannte Tugenden Israels. — Doch geschieht es jetzt sehr häufig, daß man über die Unglücklichen in der Ferne der Armen vergißt, die in unserer nächsten Nähe fast eben so dringend, wie jene der schnellsten Hilfe bedürfen. — Das Jahr 1867 war nirgends ein gesegnetes und so kömmt es, daß, wie hier in Breslau, auch die großartigsten und best ausgestatteten Wohlthätigkeits-Anstalten nicht ausreichen, um das schreckliche Elend zu mildern. — Es ist darum um so anerkennenswerther, daß sich hier in voriger Woche auf Veranlassung des Hrn. Predigers Dr. Joel ein Eomite gebildet hat zu dem Zwecke, die jüdischen Stadtarmen durch Geld, Nahrungsmittel und Heizungsmaterialien zu unterstützen. — Schon am ersten Abende wurden von den Comite-Mitgliedern selbst einige hundert Thaler gezeichnet, und man darf wohl bei dem bekannten Wohlthätigkeitsfinne der jüdischen Einwohnerschaft Breslaus hoffen, daß der neue Verein in seiner löblichen Tendenz von allen Seiten hinreichend unterstützt werden wird. — H. K. Leipzig, 17. Februar. Es ist als ein erfreuliches Zeichen der fortgeschrittenen Zeit zu betrachten, wenn unter der geringen Anzahl der hiesigen Juden sich dennoch achtbare Männer finden, die in die allgemeine Bewegung eingreifen, und der hiesigen Gesammtjudenschaft Achtung und Anerkennung zu erwerben suchen Herr I. Max Fränkl, Vorsteher des Vereins zur Förderung der geistigen Interessen im Judenthume, Mitbegründer der Mendelssohn-Stiftung, folgte der Einladung des hiesigen Arbeiter-Bildungsvereins, einen Vortrag vor einem zahlreichen Publikum zu halten. Redner wählte am gestrigen Abend seine „Reisebilder" zum Gegenstände der Betrachtung. Mit Geschick und Talent schilderte er die Erlebnisse während seiner Reise durch Ungarn nach den untern Donaufürstenthümern, und kam ab und zu auf die Sitten, Gebräuche, Charakter und Zustände der Bevölkerung Ungarns, Moldau-Wallachei in eingehender Weise zu sprechen. Herr Fränkl nahm auch Veranlassung eine Parallele der Zustände im Jahre 1859 mit den gegenwärtigen anzustellen, namentlich auf den Umschwung in politischer und socialer Beziehung Ungarns, gab (als gewesener Oesterreicher —) seiner Freude Ausdruck, daß dort die Gleichstellung der Juden nunmehr zur That geworden ist, und versprach seine „Reisebilder" nächstens fortzusetzen. Die Zuhörerschaft, die doch größtentheils aus Nichtjuden bestand, zollte dem Redner am Schlüße des interessanten, farbenreichen Vortrags verdiente Anerkennung. L. Locale und auswärtige Nöthen. Brünn. Eine Brünner Correspondenz in Nr. 8der „Neuzeit" berichtet über einen Vorfall bei der Privatisten- Prüfung am hiesigen k. k. Gymnasium mit einer Sicherheit und genauer Detaillirung, als ob der Berichterstatter Zeuge des Vorfalls gewesen wäre. Wir sind in der Lage erklären zu können, daß alle in dieser Correspondenz enthaltenen dießbezüglichen Angaben unrichtig und die dem Herrn Director wie dem Herrn B. in den Mund gelegten Worte erfunden seien. Die Privatistenprüfung wurde schon früher in den Localblättern auf den 15. und 16. Februar ausgeschrieben, und wurden dabei blos 4 jüdische Schüler, sämmtlich aus Brünn, geprüft. R.