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Das Abendland · 1868-03-01 · 5 (1.3.1868) · p. Seite 36

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
5 (1.3.1868)
Date
1868-03-01
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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36 merlichen Lage sich befand. — Während dieser Zeit langten nun zwei Christen aus England zu Amsterdam an, die ebenfalls dahin gekommen waren, um in den Verband des Jndenthums ausgenommen zu werden. Sie beriechen sich nun, bezüglich dieser von ihnen vorzunehmenden Sinnes- und Glaubensänderung mit Uriel, welcher natürlicherweise ihnen von diesem Schritte abrieth, jedoch mit dem Bemerken, diesen ertheilten Rath den Juden daselbst nicht mittheilen zu wollen. Acosta, von dessen Rath man Kunde erhielt, wurde neuerdings vors jüdische Gericht geladen, und wurde ihm folgendes Urtheil verkündet: Er müsse, so er Jude sein wolle, sich gänzlich ihrem Gerichte und Urtheile unterwerfen, wo aber nicht, werde er neuerdings aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen. Das Urtheil sei folgendes: Er müsse in einem schwarzen Trauerkleide gehüllt in die Synagoge gehen, daselbst eine schwarze Wachskerze haltend aus einer ihm vorzulegendcn schriftlichen Rolle seine Sünden und Vergehungen, deren er sich bisher schuldig gemacht, öffentlich vor der ganzen Gemeinde vorlesen: hierauf wird er mit einem ledernen Riemen gegeißelt, begibt sich sodann an die Thürschwelle, damit Jedermann als Zeichen der Verachtung seinen Fuß auf ihn setze, und halte schließlich noch einige Fasttage. Uriel, der sich natürlicherweise einer solch' schrecklichen Strafe nicht unterziehen wollte, wurde abermals in den Bann gelegt, und war in Folge dessen, wie dies im finstern Mittelalter üblich war, den größten Verfolgungen ausgesetzt. Er lebte wieder 7 Jahre hindurch epcommnnicirt, bis er endlich ans Zureden seiner Freunde ihren dringenden Bitten nachgab, und sich jenem Urtheile gänzlich unterwarf. Rach Vollziehung des Urtheils ging er mit wehmüthigem Herzen, nur an Rache denkend, in seine Wohnung, beschloß, erst seinen Bruder, hierauf aber sich selbst erschießen zu wollen. Er war auch im Begriffe, diesen Entschluß auszuführen, drückte einen Revolver ans den eben vorübergehenden Bruder los,. der aber nicht die gewünschte Wirkung hatte. Er schloß sich hierauf ein in seine Wohnung, und machte selbst durch einen Schuß seinem Leben ein Ende. (Vgl. hierüber Müller in seinen prolegom. hcbr., welcher ihn jedoch durchgehends irrthümlich Uriel jurista nennt.) (Forts, folgt.) Aeber Sprache im Allgemeinen und hebr. Sprache insbesondere, von Dr. H. Wein ert. (Fortsetzung.) Wenn uns schon jede Sprache der Vorzeit der fast unentbehrliche Dollmetsch für jede Periode ihrer äußerlichen Gestalltung ist, so erscheint uns wohl die hebräische Sprache als das unerläßliche Mittel, um uns selbst im Alterthume und jene große Vergangenheit in uns wiederzufinden; denn sie ist ja nicht nur die Schatzkammer der culturbestimmenden Ereignisse und Erungenschaften jener Geschichtsphasen unserer Nation, sie ist auch der lebendige Athen: unserer gehobenen Stimmung und modelt an unserem ganzen Wesen, ohne daß wir dessen bewußt werden. Die hebräische Sprache facht nämlich die alte jüdische Denkweise in uns immer wieder von Neuem an, sie hält in uns das edle Selbst aufrecht mitten unter den verschiedensten Beziehungen, in die wir gelangen, um die Erungenschaften Anderer in uns auszunehmen, siebewahrt ferner den Schlüssel zur Religion, indem sie das stets sich Gleichbleibende im Wechsel der Zeiten bildet und daher für uns der geeignete Träger der Unendlichkeit ist. Ueberdieß birgt die hebräische Sprache in sich die Laute, die uns wie geheimnißvolle Jugend-Erzählungen in die Zeit der Kindheit versetzen. Selbst vor andern glücklich organisirten Sprachen hat die hebräische deßhalb das Eine voraus, daß ihr fruchtbares Lebensprincip nicht der Verflachung durch fremdartigen Einfluß ansgesetzt ist wie andere Ausdrucksformen. Die in diesen uns immer herausgestaltende Sprachkraft nimmt mit der Zeit ab, weil man dann kühner manche Laute dem Wohllaute aufopfert, und die Bildung der Kennzeichen wegen des durch den Gebrauch schon gesicherten Inhalts für überflüssig hält, wie überhaupt die Beziehung des Volksgeistes auf die Sprache eine andere ist in der frischen jugendlichen Triebkraft der Sprachformirung, als wenn die schon geformte zum Gebrauche des Lebens dient. In der ersteren Zeit ist der Geist ängstlich besorgt für das Verständniß, und gefällt sich in der Wortbildung und läßt so nichts fallen, was die geeignete Nüance seines Gefühls ausdrücken könnte; später hingegen, wenn das Verständniß schon begründet ist, wird die Bedeutung der Elemente allgemach dunkler und der eingeübte Gebrauch macht sie sorglos über die genaue Bewachung der Laute, an denen auch die Bequemlichkeitsliebe des Verstandes rüttelt. Alle diese Anwandlungen wurden in der hebräischen Sprache fast zu einer moralischen Unmöglichkeit gemacht, seit die religiösen Urkunden die bestimmte normale Gestaltung ihrer Sprachformen bewahren; es wurde dadurch die Pietät als strenge Wächterin über dieselbe ausgerufen und diese wird getreulich unterstützt durch ein Nachdenken, das immer die innige Verbindung zwischen Bedeutung und Bezeichnung im Auge behält. Durch das Zusammentreffen solch geistiger Umstände ist für die hebräische Sprache die Garantie gerettet, daß das Verhältnis zwischen Geist und Körper in jedem ihrer Worte in ihrer Fortbildung unverfälscht geblieben, was eben die sicherste Grundlage für die eingehende Forschung bildet. Diese findet noch einen andern nachhaltigen Reiz in den innern Vorzügen ihres Sprachorganismus. In ihr sehen wir jene edle Vollendung der Sprache sich entfalten, die ihr Ideal in der Angemessenheit der Formen der Bezeichnung an die Verhältnisse der Begriffe sucht, wodurch allein die Anschaulichkeit und das einfache leicht erkennbare Hervortreten der Bedeutungen und die Bestimmtheit und der Reichthum des Ausdrucks erzielt werden kann. In technischer Beziehung übertrifft die hebr. Sprache nach dem Urtheile eines der größten Sprachforscher unserer Zeit an Strenge der Conseqnenz, kunstvoller Einfachheit und sinnreicher Anpassung des Lautes an den Gedanken jede andere, während sie in ihrer Rückwirkung auf den Geist betrachtet, Gefühl von etwas Tieferem gewährt als sich durch bloße Gedankenzergliederung erreichen läßt und die Begierde es zu ergründen so wie die ergreifende Ahnung einer Wechselbeziehung des Geistigen und Sinnlichen erwacht. Ihr Hauptcharakter beruht, wie in den übrigen semitischen Sprachen, in der Eigenthümlichkeit, daß die eigentliche Bedeutung in den bloßen drei Stammkonsonanten als den: stärker:: und fester:: Sprachtheile ruht, während der höchst regelmäßige Vocalwechsel nur die verschiedenen Beziehungen dieser Bedeutung genauer bestimmt. Und dieser Vocalwechsel folgt den in dem seinen Sprachsinne wurzelnden Gesetzen des rhythmischen Gleichgewichtes und des Wohllautes bei jedem Worre. Ueberdieö schwebt über ihre Rede sestgebannt der den Sinn bestimmende und modulirende Ton als ein seelenvolles Princip, der der unmittelbare Ausdruck der Geltung ist, die der Sprechende ihr und jedem ihrer Theile aufprägen will. Durch die angedeuteten Mittel ist die hebräische Sprache in: Stande alle intellectuellen Kräfte des Menschen in regster Thätigkeit zu erhalten, nnd ihnen als angemessenes Organ zu dienen. Sie dient dem Scharfsinn, indem sie mit feiner sondernder Schärfe in die Natur der Dinge eintritt, sie dient dem Tiefsinn, indem sie mit jenen: Blicke in die ganze Oekonomie der Begriffe und Vorstellungen eindringt, vor dem die Erscheinungen sich in Gesetze, die Widersprüche und Kämpfe sich in Harmonie und Friede, der Schein sich in Sein auflösen müssen, und so entdeckt sie die Verhältnisse und Unterschiede ganzer Systeme von Begriffen, überschaut diese in ihrem innigsten Zusammenhangs nnd macht das wenig oder nie gedachte klar denkbar und endlich dient sie der geregelten Phantasie oder den: Combinationsvermögen, weil sie in der scheinbar verschiedenen Bedeutungen einer

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