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Das Abendland · 1868-02-15 · 4 (15.2.1868) · p. Seite 30

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
4 (15.2.1868)
Date
1868-02-15
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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I — 30 von einigen Bürgermeistern und Vorständen der Gemeinden! Mährens ein Protest gegen eine nicht gehörte und nicht gelesene Rede eingelegt; es wird ein Protest erhoben, gegen die Gefühle der Freude über die gegenwärtige Lage der Juden, die der Nabb. und Prediger der Landeshauptstadt Mährens im Sinne seiner mährischen Glaubensgenossen daselbst anssprach und gewiß gilt der Protest auch der Bitte um Schirmung und Wahrung der erlangten Rechte. Gälte dieser Protest der Sache wirklich, so fragte ich: Warum diesen Protest in ein so beschränktes Blättchen setzen und an den Herrn Dr. Placzek, warum nicht gleich an Se. Epcellenz den Minister? Doch zur Ehre meiner intelligenten Landsleute sei es gesagt, daß ein solcher Ultramontanismus Mähren keinen Boden abgewinnen wird. Der Protest gilt ja blos der Person! Die Sache an und für sich ist schon recht, mit dieser ist auch Jedermann einverstanden, nur daß ein Rabb. und Prediger der Landeshauptstadt Mährens zur rechten Zeit ein rechtes Wort aussprach, wozu auch ein jedes für Juden und Jndenthum warm fühlende und begeisterte Herz sich berechtigt hält, daSrnft einen Protest hervor, horribile dictu et auditu! Warum haben also die Gemeinden X, Y, Z sich die Gelegenheit entschlüpfen lassen, das Contingent ihrer gediegenen Vertrauensmänner zu stellen? Durch welch ein Factum ist denn aller Welt so klar geworden die Verehrung dieser X, Y, Z Gemeinden für den ausgezeichneten Dr. Giskra als Minister? Kein Zeitungsblatt oder Blättchen spricht hiervon. Sie saßen daheim bei ihren Fleischtöpfen und schwiegen und als ein Mann seine warme Sprache erhob, schreit man Zeter und erhebt einen Protest! Es ist modern! Lächerlicher als die Sache ist, läßt sie sich nicht mehr machen. Meines Erachtens dürfte Herr Dr. Placzek für solche Carricaturen nur ein bemitleidendes Achselzucken haben. Die Lächerlichkeit des Protestes trägt aber noch dazu den Stempel der Feigheit an sich! durch die Namenlosigkeit der Unterschriebenen. Wo haben denn diese Bürgermeister und Vorstände die Bewilligung, ihre Gemeindemitglieder, letztere unsterblich zu blamiren und dem allgemeinen Gelächter Preis zu geben? Wer bürgt uns ferner bei der heutigen Journalisterei, Correspondenzen-Fabrikation und Lügenwirthschaft für die Echtheit und Wahrheit dieses Protestes? Warum das Visir geschlossen, lasset doch erkennen die Namen und Autoritäten die „Gediegenheit des Wissens" prüfen und beurtheilen wollen und können! Fast wollte mich bedünken, als ob es noch an manchen Orten und in manchen Köpfen von der Privilegirtheit der Khilla-Rechte und der längst verschollenen und verklungenen guten alten Mährchen- und Sagenwelt spuckte, und wo jeder Unbefangene nichts ahnt und nichts sieht, wittert jener somnambuler Kopf Gespenster! und sind's nicht Ketzerei, Gottesläugnnng rc. wie diese Gnomen heißen, so ist es wenigstens ein Geruch von Hierarchie; da muß man unwillkürlich mit Heine sagen: O ihr Hallermünder, ich kenne euch gar zu gut! Da braucht man kein idealisirtes Ghetto, da gibt's auch nichts Anziehendes im Eruw, da braucht man des Ghetto factisch!*) Phoebus K., ein mährischer Hörer der Phil. *) Durch die Ausfälle in der letzten Nummer der „Neuzeit" gegen den hiesigen Rabbiner Herrn Dr. Placzek veranlaßt, gingen demselben aus telegraphischem, schriftlichen und mündlichem Wege von Vorständen der hochachtbarsten mährischen Jsraelitengemeinden Ehrenerklärungen zu, die von tiefstem, sittlichem Abscheu gegen jene Schmähungen und der innigsten Sympathie für Herrn Dr. Placzek athmen. Dieser besitzt indeß genug gerechte Selbstachtung, um nicht solchen anonymen Angriffen die Ehre einer Erwiederung zu erweisen und dadurch erst eine unverdiente Bedeutsamkeit beizulegen. ■ (Die Redaktion.) Breslau, im Februar. Am 27. Januar beging das jüdisch-theologische Seminar die statutenmäßige Gedächtnißfeier des Stifters, bei welcher Gelegenheit auch die Herren Dr. Vogelstein und Sidon entlassen wurden. Wie alljährlich bildeten auch diesmal Gesang und Rede die Haupttheile der erhebenden Feier. — Da ich bereits im vorigen Jahre (vergl. meine Corresp. in Nr. 3 vom v. I.) das Aeußere derselben ganz ausführlich geschildert habe, so sei mir dies Heuer erlassen; nur will ich erwähnen, daß der H. Director in seiner ersten Rede auch der großen Verluste gedachte, die die jüdische Wissenschaft in diese:» Jahre durch das Ableben der berühmten Gelehrten Munk und Rappoport erlitten. Er gab hierbei einen Abriß ihres an Kämpfen reichen Lebens und eine kurze, aber gediegene Charakteristik ihrer Hauptwerke. — Herr Dr. Vogelstein, der über den Beruf eines Rabbiners der Jetztzeit zu sprechen hatte, wählte die Biographie des spanischen Gelehrten, Dichters, Rabbiners und Ministers Samuel Jbn Nagrela Hanagid aus Granada (1027—1055) zum Ausgangspunkte seines geistvollen, ansprechenden Vortrages. — Gleich jenem großen Manne müssen auch die religiösen Führer der Gegenwart die altjüdische Wissenschaft mit dem Leben zu verbinden verstehen, wenn sie wahrhaft segensreich wirken wollen. Als der Redner zum Schlüße von der Anstalt, den Lehrern, den Eommilitonen Abschied nahm, sprach er so ergreifend, daß viele seiner gerührten Zuhörerinen reichliche Thrünen vergossen. — Hieraus hielt noch der H. Director eine warme Ansprache an die beiden Candidaten und überreichte ihnen ihre Diplome. — Dem Jahresberichte, der an demselben Tage ausgegeben wurde, entnehmen wir, daß im verflossenen Jahre das Seminar im Ganzen von fünfzig Hörern besucht wurde, und zwar von einundzwanzig Oesterreichern, eben so vielen Preußen, drei Badensern, einem Baier, einem Württemberger, einem Sachsen-Meininger, einem Lippc-Detmolder und einem Russen. — Die Abnahme der Hörerzahl gegen die Vorjahre erklärt sich daraus, daß das Lehrerseminar nicht mehr besteht, wie ich bereits in einer frühern Corresp. (der Nr. 9 vom v. I.) zu melden Gelegenheit hatte. — Auch im heurigen Jahre wurde die Anstalt mit mehreren Legaten und sonstigen Unterstützungen bedacht und hatte sich überhaupt wie immer vielfacher Beweise ehrenden Vertrauens zu erfreuen. — Der Lehmann'sche *) Preis wurde diesmal nicht vergeben, indem die gestellte Aufgabe: „Die Religions-Disputation des R. Jechiel ans Paris am Hofe Ludwig des Heiligen, ihre Veranlassung und Folgen", wohl von zwei Hörern bearbeitet worden war, denen aber der Preis trotz des bekundeten Fleißes und Ouellenstudiums wegen mangelhafter Darstellungsweise nicht zuerkannt werden konnte. — Dem Jahresberichte ist eine ausgezeichnete Abhandlung aus der bewährten Feder des Dr. Grätz beigedruckt: „Frank und die Frankisten, eine Sectengeschichte aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts." — Im Abgeordnetenhanse zu Berlin ist am 24. Januar d. I. wieder einmal die Schulsrage von der consessionellen Seite zur Sprache gekommen, wenn auch nicht in so ausführlicher Weise, wie dies im April und Mai 1860 unter dem Ministerium Bethmann-Hollweg der Fall war. — Bei der Berathung des Budgets für Cultns und Unterricht (^.it. 21. Zuschüsse für Gymnasien und Realschulen) hatte die Commission des Hauses unter anderem den Antrag gestellt, die Negierung um die Errichtung eines katholischen Gymnasiums im Regierungsbezirke Bromberg (im Großherz. Posen) zu ersuchen. — Nachdem der Reg.-Eomm. Unterstaatssekretär Dr. Lehnert die Bereitwilligkeit der Regierung hierzu erklärt hatte, ergriff Abgeordneter Dr. Kosch (Königsberg) das Wort: „Die vorliegende Position gibt mir Veranlassung, die Auf- *) Der Stitter dieses Prämienfondes ist der als Redakteur des „Magazins für die Literatur des Auslandes in der Gelehrtenwelt rühiulichst bekannte Eisenbahn - Director, Josef Lehmann aus Glogau. —

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