Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 2 (15.1.1868)
- Date
- 1868-01-15
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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11 gleich nur einige Christen und höchstens der Christenheit einige Vorwürfe zu machen gewagt hatte. Jin Grunde gereicht sein Nathan, wie wir uns gestehen müssen, der Christenheit zur wah r en Ehre. Ans welcher hohen Stufe der Ansklärung und Bildung muß ein Volk stehen, in welchem sich ein Mann zu dieser Höhe der Gesinnungen hinausschwingen, zu dieser feinen Kenntniß göttlicher und menschlicher Dinge ausdilden konnte. Wenigstens dünkt mich, wird die Nachwelt so denken müssen." — . . Als dramatisches Kunstwerk steht dieses Drama, das Lessing selbst nur ein dramatisches Gedicht nannte, trotz der Herzcnswärme, die es athmet, und trotz der lebenswahren individuellen Charakterzeichnung jeder einzelnen Figur den vorangehenden Meisterschöpsungen Lessings nach. Was aber Nathan so hoch stelt, und wie Gleim und Mendelssohn meinten, über Alles, was Lessing sonst geschrieben, das ist wie Kletke in seinem „Deutschlands Dichter und Denker" richtig hervorhebt, der ideale Geist, der hier die höchste Frage der Menschheit im Sinne der Liebe zu lösen versucht. Am 14. April 1793 wurde „Nathan der Weise" zuerst in Berlin ausgeführt. Das Stück war, unverkürzt, für die Bühne zu lang und der Schauspieldirector Döbbelin war der Hauptrolle desselben durchaus nicht gewachsen. Döbbelin erzählt man, traf am Tage vor der Ausführung mit Engel in einem Kasfehause zusammen. „Morgen gebe ich Lessings Meisterstück, Nathan den Weisen" rief er Cngel zu. — „Nathan den Weisen"? fragte jener verwundert? „Wer spielt denn den Nathan?" — „Den Nathan? Hm, ich! ich!" — „Und wer den Weisen?" — Seit Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gehört dies Drama der gesammten deutschen Bühne an. Unter dem Titel „der Weise Jndengreis" kam es im Jahre 1842 in einer neugriechischen Uebersetznng sogar in Konstantinopel zur Aufführung unter lebhaftem Beifall der Zuschauer. Was Lessing durch den Nathan gewirkt, wie er dadurch das deutsche Volk gehoben und aufgeklärt, hat er selbst nicht erfahren, er starb noch im Jahre 1781, und zwar im Unmuth über seine Gegner, die in ihrer Blindheit den Mann verketzerten, der die deutsche Nation nicht nur von den Fesseln des französischen Geschmacks und von der Pedanterie und der Herrschaft unwissender Gelehrten in philologischen und theologischen Kenntnissen befreite, sondern auch eine Duldung lehrte, die noch in unseren Zeiten an vielen Orten zu den frommen Wünschen gehört. Und heute — wie viele Deutsche, die sich an Nathan dem Weisen erquicken, wissen es denn, daß Lejsing, während er das erhabenste Werk seines Genius schuf, mit der drückendsten Noth, mit der gemeinen Sorge um das tägliche Brod zu kämpfen hatte? — Deutschland, sagt Adolf Stahr in seinem „Lessing, sein Leben und seine Werke" mag wohl errötben, wenn es liest, daß sein Lessing, der Begründer einer neuen Aera des deutschen Geistes, den er zuerst wieder auf die eigenen Füße gestellt hatte, daß Lessing am Ende seiner thatenvollen Laufbahn, als er sich niedersetzte, um seiner Nation den Nathan zu geben, nicht hatte und nicht wußte, wovon er leben sollte während der vier bis fünf Monate, welche ihm die Vollendung dieses Werkes kosten würde, daß er seinen Bruder bitten mußte, mit der Subscriptionsankündigung überall für ihn sein Netz auszustellen. „Ich besorge schon,. fügt er hinzu, daß auch auf diesem Wege, auf welchem so Viele etwas gemacht haben, ich nichts machen werde, wenn meine Freunde für mich nicht thätiger sind, als ich selbst. Aber wenn sie es auch sind, so ist vielleicht das Pferd verhungert, ehe der Hafer reif geworden." Seine Briese aus dieser Zeit enthalten darüber Ausschlüße, die das Herz verwunden. Um das Werk auszuarbeiten, brauchte er, wie er seinem Bruder am 7. November 1778 schreibt, dreihundert Thaler, und diese zu erhalten, war in dem Lande, welches die Ehre hatte, ihn zu besitzen, keine Aussicht. Auf Vorausbezahlung von Seiten der Subscribenten aus sein noch unvollendetes Werk wollte er sich nicht einlassen. „Denn wenn ich nun plötzlich stürbe, schrieb er dem Bruder, so bliebe ich vielleicht tausend Leuten jedem einen Gulden schuldig, deren jeder für zehn Thaler über mich schimpfen würde. Und wozu auch? Geld bis Ostern brauche ich freilich, und die Sorge es anzuschasfen, wird mich oft in einer Arbeit unterbrechen, in der man gar nicht unterbrochen sein müßte. Aber wenn du freilich meinst, daß kein anderer Vorschlag thunlich sei, und sich wohl noch ein Freund finde, der nur das Benöthigte zu den gewöhnlichen Zinsen Vorschüße, so würde ich diesen Vorschlag tausendmal annehmlicher finden." Zum Glücke fand sich dieser Jemand, der dem Dichter ans vier Monate die erforderliche Summe vorschoß. Der wackere Mann, dem Deutschland indirect den Nathan verdankt, war ein jüdischer Kaufmann namens M osesWessely, ein guter Bekannter und Verehrer Lessings aus der Zeit dessen Aufenthaltes in Hamburg, ein Mann von Geist und feiner Bildung, der sogar über Lessings Emilia Gallotti anonyme Briefe veröffentlicht hatte, und für dessen Herzensseinheit schon allein die Art und Weise spricht, wie er, obschon selbst nicht reich, dem Dichter freiwillig das Darlehen durch dessen Bruder anbieten ließ. Nur einen Brief wünschte er von Lessing zu haben. „Aber, wenn er Ihnen nun nicht schreibt, so bekommt er kein Geld?', fragte Carl Lessing, der diese Verhandlung dem Bruder völlig dramatisch in einem Briefe beschreibt: „Ich werde es ihm dann schicken, und den Empfang wird er mir dann doch melden," erwiederte der brave Jude. Lessing nahm das Anerbieten um so dankbarer an, je „unglaublich übler," er, wie er hinzusetzt, ohne diese Hilfe daran gewesen wäre. So entstand „Nathan der Weise" ein Werk, das wie die Glocke des Dichters sein feierlich erhebendes Friedensgeläute, hoch oben herab aus dem reinen Aether der Liebe und Versöhnung der Menschen durch die Welt ertönen lassen wird, so lange Menschenzungen die Sprache reden, in welcher es gedichtet ward. Correspondeiyen. Brünn, am 6. Jänner. Der gestrige Tag war für die Bewohner der hiesigen Stadt ein wahrer Jubeltag. schon vom frühesten Morgen an wogte es in den Straßen auf und ab von den freudig erregten Massen, die der Ankunft Sr. Excellenz des Herrn Ministers des Innern, Dr. Carl Giskra, der aus Wien hieher kommen sollte, um sich von der Stadt, der er bisher mit solchem Ruhme als Bürgermeister Vorstand, zu verabschieden, entgegenharrten Schlag 43/4 Uhr Nachmittags langte der gefeierte Gast wit dem Schnellzuge an, und die ebenso großartigen als herzlichen Ovationen, welche die Stadt dem Manne brachte, der sich der allgemeinen Liebe und Hochachtung erfreut, den sie mit Stolz als ihren ersten Bürger betrachtet, wurden bereits von den Tagesblättern in die weite Welt getragen, und es ist überflüssig den Lesern des „Abenland" darüber Bericht zu erstatten. Wir beschränken uns darauf, über, die Betheiligung der hiesigen isr. Cultusgemeinde an dieser Feier zu referiren. Unter den Deputationen der verschiedenen Corporationen und Vereine, die der Herr Minister in seiner Wohnung empfing, befand sich auch die der Brünner Cultusgemeinde, bestehend aus dem Herrn Rabbiner Dr. Placzek, dem Präses der Gemeinde Herrn Moriz Spitzer, den Vorstandsmitgliedern, Herren Moriz Fröhlich, Leopold Herzfekder, Heinrich Kafka und David Mandl. Herr Präses Spitzer stellte die Mitglieder der Deputation dein Herrn Minister vor, dankte Demselben für die zahlreichen Beweise seiner hochherzigen Gesinnung und bat um die fernere huldreiche Gewogenheit. Hierauf hielt Herr Dr. Placzek folgende Anrede: Euer Excellenz gestatten mir zu dein glücklichen Ereignisse, das täte in den Rath der Krone berufen, im Sinne der Israeliten dieses Kronlandes unfern tiefempfundenen /