Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 1 (1.1.1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Diktion. Wir hätten uns übrigen« bei Casualreden nicht so lange aufgehalten und zuletzt ist doch dem Redner das Wichtigste, wenn er seine in Publikum gefüllt — wenn sich nicht gerade in den bezeichneten Reden der hier herrschende Geist in der Kanzelberedsnmkcit abspiegeln würde; ein Geist, der sich innner mehr von den Bahnen der Aesthitik entfernt, und schließlich als ein Rückschritt in dem Entwicklungsgänge der jüdischen Homiletik betrachtet werden muß. Auch uns mundet ein hohles Phrasenthum nicht, auch wir wünschen eine passende Verwendung und Verwerthung unserer reichen Literaturschätze für die Kanzel, auch unS gefüllt eine geistvolle symbolische Deutung wahrhaft schwieriger Stellen; allein dieses specifische jüdische Element muß sich mit dem Tenor der Rede assimiliren, darf über seine Berechtigung nicht hinaus gehen, und muß mit dem Gesammtinhalt gleichmäßig und formgerecht zur Darstellung gebracht werden; dadurch erscheint das Ganze wie aus einem Guß und wird der Predigt der echt jüdische Charakter ausgeprägt. — Diese Rappoport-Leichenreden geben Ihrem Correspondenten sonst noch Anlaß zu einer Bemerkung, die Sie, geehrter Herr Redakteur! den Lesern Ihres Blattes nicht-schenken, d. h. vorenthälten wollen. Einige der erwähnten Gkdüchtnißreden haben auf dem Titel den bisher bei derartigen Editionen niemals vorgekommenen Zusatz: „Rach stenographischer Aufzeichnung." Wenn die Herren Stenographen in Wirklichkeit die vielen hebräischen Citate, die in den Reden Vorkommen, vom Munde des Redners auf das Papier zaubern könnten^ eine Fähigkeit, die nach einem Projekte des Dresdner Steno-' graphenvereinö der unbestimmten Zukunft Vorbehalten ist, so wäre ihre Plage noch immer eine höchst müssige und überflüssige. Der Rede, die auf Verlangen des Redners oder des Publikums der Oeffentlichkeit übergeben werden soll, hat es noch niemals an einem mehr als authentischen Text gefehlt. Auch war bisher das Stenographiren nur in seltenen Fällen bei Einzelreden üblich, im Gotteshause will es uns gerade als ganz unpassend bedünken, da soll jeder Anwesende von der Weihe des Moments ergriffen sein, und eine Ausbeutung des gesprochenen Wortes für publicistische Zwecke erscheint uns geradezu als Profanirung der heiligen Stätte. Wir begrüßen mit Freuden jede zweckmäßige, Andacht und religiösen Sinn fördernde Neuerung im Gotteshause, doch eine solche luxuriöse Schaustellung, die gar keinen Zweck haben kann, als etwa der Eitelkeit zu fröhuen, müssen wir aus Grund der Seele perhorresciren. Lassen wir nur in der Metropole diesen Unfug um sich greifen, und bald wird das gallische Dorf neben seinem Cicero einen stetigen Stenographen anstellen müssen. Y. Prag, im December. Der deutsche kaufmännische Verein, der bereits über 200 Mitglieder zählt, feierte am 15. December in dem zu diesem Behufe von der Direktiou des deutschen Casino zur Verfügung gestellten Casinosaale seine konstituirende General- Versammlung. Auf die mit ungetheiltem Beifalle aufgenomuiene Eröffnungsrede des Ehrenpräsidenten, Ritter von Dotzauer, folgte der B Acht des Herrn Czermak über Gründung und' Entwicklung des Vereins. Hierauf wurde zur Wahl des Präsidenten und deren Stellvertreter so wie der 10 Vorstands- und 3 Ausschußmitglieder geschritten. Unter den Vorstandsmitgliedern befinden sich auch mehrere Israeliten und zwar die Herren: I. Fischet, Philipp Mach, der zugleich gründendes Mitglied des Vereins ist, und der den Lesern des „Abendland" durch seine trefflichen historischen Arbeiten wohlbekannte Leopold Wolf. Unter den Ausschußmitgliedern wurde auch Herr Gustav Schitz, Mitglied der Cultusgemeinde-Repräsentanz gewählt. L. Smichow (bei Prag) im December! Am 9. Der. feierte der hiesige deutsche Verein „Eintracht" | Schillert Geburtstag. Das Vereinslokal, in welchem inmitten > einer geschmackvollen Drappirung die lorbeerumkränzte Büste Schillert stand, vereinigte bei dieser Feier viele Mitglieder, Gäste und eine Schaar von schönen Damen. Herr jur. stud. TtranSky hielt die mit vielem Beifalle aufgenommene Festrede, in welcher er Schiller als Dichter und als Mensch zeichnete. Herr Bär deklamirte den Monolog aus Tell und fand ebenfalls viel Beifall. Hierauf überließen sich die jüngern Mitglieder den Freuden des Tanzes. Alle Anwesenden waren höchst befriedigt. Am darauf folgenden Tag fand die General-Versammlung des Vereines statt, da eine Neuwahl des Ausschußes vorgenommen werden mußte; bei dieser Wahl wurde Prof. Kick Obmann .und Leopold Wolf Obmannsstellvertreter. "Der letztgenannte, ein fleißiger Mitarbeiter des „Abendland", hielt einen Vortrag', über den sich die in Prag erscheinende deutschem „Volkszeitung aus Böhmen" wie folgt äußert: Herr Leopold Wolf entwickelte einen sehr eingehenden und gründlich gegliederten Vortrag „über Maria Theresia und ihre Zeit". Aus dem zweifelsohne schwierigen Stoffe wußte stch Redner zu erner unpartheiischen Darstellung heranszuziehen. Herr Wolf vorenthielt der Versammlung ebensowenig die Gebrechen und schwachen Charakterzüge der Heldin, wie er denn andererseits des segensreichen Wirkens derjenigen Frau gedachte, die so viel Leid in ihrer eigenen Familie erleben mußte. Die Vortragsweise selbst war eine sehr ansprechende und keineswegs trocken historisch, da ja der Redner jedwede Gelegenheit zur Vergleichung früherer und späterer Verhältnisse so viel als nur möglich benützte. Die Versammlung spendete dem Redner reichlichen Beifall. —m. Paris, im December. Wie Sie wissen, wurde Herr Josef Halevy, der bereits Reisen in den Kaukasusländern machte, von der hisigen „Alliance universelle israelite“ nach Zjbeffymen geschickt, um über die dort unter dem Namen Falaschas wohnenden Juden Erkundigungen einzuziehen, und an Ort und Stelle historische Forschungen über deren Ursprung, Sitten und Gebräuche anzustellen. Es ist nun ein Brief von Herrn Halevy an die Alliance von Abessynien eingelangt, den ich Ihnen seinem ganzen Inhalte nach mittheile. Er lautet wie folgt: Massonah, im Oktober. — Mein Schreiben vom vorigen Monate, in welchem ich Ihnen meine Einschiffung aus einem kleinen Segelschiffe in Suakim, um nach Massonah zu gelangen, anzeigte, haben Sie sicher erhalten. Ein ungünstiger Wind verzögerte unsere Reise, doch sind wir glücklich hier angelangt. Kaum ein wenig eingerichtet, besuchte ich den französischen Consul Herrn Munzinger, der so gütig war, mir einige Skizzen über die von ihm bereisten Gegenden mitzutheilen. Unglücklicher Weise konnte er mir nichts Neues über die Falaschas sagen, und auch die Priester der katholischen Mission, die mehrere Jahre in Abessynien verweilten, wußten nichts mehr, als daß sie die Existenz jüdischer Colonien jenseits des Tacazze bestätigten. Sie erzählten mir, daß sie, als sie vor 7 Jahren ihre Kirche erbauten, zwei Falascha's als Maurer verwenden mußten, da die Christen und Muselmänner nicht mit dem Bau fertig werden konnten. Die Missionäre können die Redlichkeit und das tiefe religiöse Gefühl jener Hebräer nicht genug loben. Bei mehreren Ausflügen, die ich gegen Norden machte, wo ein Theil der Bevölkerung die Agawsprache spricht, erfuhr ich, daß auch die Falaschas unter sich sich desselben Idioms bedienen, hingegen mit den christlichen Nachbaren in dem EscharadialeU verkehren. Das Agaw scheint die Sprache der Ureinwohner vorder Einwanderung des Gueezvolkes (semitische Aethiopier) gewesen zu sein, und es ist der Vermutbung Raum zu gönnen, daß die Ankunft der Hebräer in Abessynien der der herrschenden Nation vorangegangen sei. Weitere Forschungen werden vielleicht über dieses historische.Problem Aufklärung verschaffen. Nach Massonah zurückgekehrt, erfuhr ich, daß zwei junge Falascha's, die von der englischen Mission bekehrt i iß i P I