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Das Abendland · 1868-01-01 · 1 (1.1.1868) · p. Seite 4

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
1 (1.1.1868)
Date
1868-01-01
Page
Seite 4 (sequence 11)
Language
German
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4 den Juden solche Freiheit zu gewähren, erwiederte derselbe Da es doch wohl in der Macht Gottes stände, die Juden zu vertilgen, und er solches dennoch nicht thut, dieß möge als Anzeichen dienen, daß Gott die Juden auf Erden geduldet wissen will; müssen sie demnach auf einem Theil der Erde leben, könnte es keinesfalls gottlos und unchristlich sein, wenn man sie zu Amsterdam wohnen ließe. (Vergl. Benth. hollünd. Staatsgesch. s. 422). Daselbst heißt es ferner: Die aus Portugal eingewanderten Juden wollten Anfangs zu Middelburg im Seeland sich niederlassen, welcher Ort für den Seehandel auch am geeignetesten gewesen wäre, allein die Geistlichkeit protestirte dagegen, und so zogen sie nach Amsterdam, woselbst sie freundliche und gastliche Aufnahme fanden. (Benthem in seiner holländischen Staatengesch. s. 513) schreibt ferner : In Amsterdam sind portugiesische und deutsche Juden. Zu ersteren zählen sich auch die italienischen und französischen, zu letzteren die polnischen, obzwar es den Anschein hat, daß die aus Polen eingewanderten Juden eine besondere Gemeinde bilden wollten. Die polnischen Juden wanderten hauptsächlich während des dreißigjährigen Krieges, der zahllosen Unruhen halber nach Amsterdam. Die portugiesischen Juden sind auch die reichsten, besitzen einen prachtvollen großartigen Tempel, und zeichnen sich auch durch Reichthum ihrer Kleider von den Deutschen aus. Im finstern Mittelalter war es Holland, das frühzeitig schon durch Toleranz und Glaubensfreiheit sich auszeichnete, und hiedurch auch den Grund zu seiner blühenden Stellung legte. Simon Luzzato (im Discorso Hebräi s. 93) sagt von den Niederlanden : „sono con grandissirna canta et amore volezza trattati, come in Amstrodamo, Kotrodamo“, d. h. (die Juden) sind lieblich und freundlich behandelt worden, wie in Amsterdam, Rotterdam. — Die Juden zu Holland hatten an die niederländischen Regierung keine andere Steuer und Abgabe zu entrichten, als die Schutzgelder, die aber nicht als Ausnahmssteuer galt, sondern von jedem Unterthan, ohne Unterschied des Glaubens, entrichtet werden mußte. „On leur demanda pour tout condition, de prier Dieu pour ia prosperite de la ville; ce qu’ils promirent“, (d. h. als die Juden um Erlaubniß des Baues einer Synagoge nachsuchten) verlangte man von ihnen blos die Bedingung, daß sie für die Wohlfahrt der Stadt Gott bitten sollten, welches sie auch versprochen (vergl. Basn. hist, de Juifs s. 1027). Die Juden zu Amsterdam waren auch vom Tragen der damals üblich gewesenen Abzeichen an den Kleidern oder Kopfbedeckungen befreit. — Es war ferner in Holland gestattet, daß die Christen öffentlich den jüdischen Glauben annehmen und sich beschneiden lassen dursten, was in andern katholischen Staaten mit Lebensstrafe verbunden war. Es waren nicht wenige, die auch von dieser Freiheit Gebrauch machten. Merkwürdigerweise waren es größtentheils katholische Priester, welche das zahlreichste Contingent hiezu lieferten. Der berühmte niederländische Pater Johann Speeth ließ sich zu Amsterdam im Jahre 1697 beschneiden, trat zum Judenthum über, und erhielt den Namen Moses Germanus. Er heiratete daselbst eine Jüdin, aus welcher Ehe auch mehrere Kinder entsprossen. Seine Lage soll eine sehr dürftige gewesen sein, indem er sich mit dem Unterricht jüdischer Kinder beschäftigte, und dies, wie bekannt, kein enträgliches Amt zu sein Pflegt. (Vergl. hierüber ausführlich Andr. memor. s. 714). Daselbst wird ferner berichtet, daß Moses Germanus nach seinem Uebertritt zum Judenthum einer der eifrigsten Verfechter desselben geworden sei, und als Andreas, sein früherer Amtsgenosse, bei ihm zu Besuch war, trat eben auch ein Fremder ein, welcher sich mit Germanus in ein Gespräch über Glaubenssachen einließ. Der dem Pater Andreas unbekannte Mann soll folgende Worte zu Germanus geäußert haben: Lieber Freund, es ergeht uns in heutiger Zeit wie ungefähr zur Zeit der Sündfluth. Auch damals wurde der fromme Noa von seinen Zeitgenossen verlacht und verhöhnt, als er mit dem Baue der Arche sich beschäftigte. Da aber die Sündfluth über die Menschheit schon hereinzubrechen drohte, baten ihn viele, daß er sie doch auch in die^Arche einnehmen möge, jedoch vergebens. — . So ergehe es auch uns jetzt in heutiger Zeit; während viele das Volk Gottes, Israel nämlich, verlachen mit seinen Messiashoffnungen, wird doch einst die Zeit herankommen, wo diese solches, allein zu spät, bereuen werden. Der Fremde sprach noch Unzähliges zum Lob des jüdischen Volkes. Nachdem er sich entfernt, und Pater Andreas an Moses GermanuS die Frage richtete, wer denn dieser Fremde sei? erhielt er zur Antwort: Es sei ein katholischer Priester aus Krakau in Polen, der sich aber heimlich zum Judenthum bekenne. Moses Germanus starb zu Amsterdam den 27. April des Jahres 1701 und wurde am 28. daselbst am jüdischen Friedhof zu Grabe getragen. (Vergl. Miss. itin. s. 82). — Auch der Pater Mena, der überaus gelehrte, trat im Jahre 1656 zu Amsterdam zum Judenthum über. Pater Mena gehörte nämlich zum Jesuiten-Orden, und wirkte eifrig als solcher zu Salamanca in Castilien. Er stand bei seinen Collegen, seiner ausgezeichneten Gelehrsamkeit und vortrefflichen Kanzelberedtsamkeit halber in sehr großem Ansehen. Im Jahre 1655 wurde er jedoch von der Inquisition zu Valladolid, eines Verdachtes halber, eingezogen, und in die finstern Räume des Jnquisitionskerkers geworfen. Der Jesuiten-Orden nahm sich nun alle erdenkliche Mühe, um ihren Genossen seiner Haft zu befreien. Es wurde nämlich der Arzt der Inquisition für ihr Vorhaben gewonnen. Dieser gab schriftlich die Erklärung ab, daß Pater Mena sehr bedenklich erkrankt sei, und auf Grundlage dessm, wurde er aus dem Gefängniß der Inquisition in das Jesuiteu-Collegium gebracht, jedoch mit der Bedingung, daß Diener der Inquisition bei denselben die Wärterdienste versehen und ihn überhaupt bewachen sollten. Eines Tages nun, als die Jnquisitionsdiener zur Mittagszeit im Speisesaale versammelt waren, wurde im Kloster heftig zu läuten begonnen, und die Kunde verbreitet, daß P. Mena gestorben sei. Um diesem Gerüchte Wahrscheinlichkeit zu verleihen, wurde ein schon früher zu diesem Zweck angefertigter, mit Kleidern versehener falscher Leib mit falschem nachgemachten Gesicht in einen Sarg gelegt und feierlichst zu Grabe getragen. Der wirkliche P. Mena aber wurde heimlich über die Grenze geschafft, bestieg daselbst ein nach den Niederlanden abgehendes bereit stehendes Schiff, und kam nach vielen überstandenen Gefahren glücklich in Amsterdam an. — Im Jahre 1656 trat er zum Judenthum über, und soll als jüdischer Gelehrter sich einen Ruf erworben haben. (Vergl. Bignon. Gesch. der Jesuit, s. 118.) (Forts, folgt.) U. Ioel Sirkisch.*) Zu den genialsten und geistreichsten Cafuistcn des 17. Jahrhunderts gehörte unstreitig R. Joel Sirkisch. Er war der Sohn sehr frommer und höchst achtbarer Eltern, die ihn schon frühzeitig im Talmud und dessen einschlägigen Literatur unterrichten ließen. Kein Opfer war ihnen zu groß, so es galt das Wohl ihres heißgeliebten, von der Vorsehung mit seltenen Talenten begabten Sohnes zu fördern. Sein Vater R. Samuel Sirkisch, ein gewiegter Talmudist und äußerst tüchtiger Dialektiker, legte selber Hand ans Werk — denn in den frühern Jahrhunderten war es oft der jüdische Familienvater selber, der die Erziehung und Bildung seiner Kinder leitete — und ertheilte seinem jungen, wackern und geistreichen Sohne, der es in sehr kurzer Zeit seines Riesengedächtniffes wie seines unvergleichlichen Fleißes und äußerst seltener Ausdauer wegen zu einer bewundernd- und staunenswerthen Fertigkeit gebracht, den ersten Unterricht im Talmud sowohl als in den zu demselben gehörenden Commentaren. Den höhern Talmudunterricht genoß er dann bei dem äußerst *) Die Historiker nennen ihn Cerkas. (Die Redaktion.)

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