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Das Abendland · 1868-01-01 · 1 (1.1.1868) · p. Seite 3

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
1 (1.1.1868)
Date
1868-01-01
Page
Seite 3 (sequence 10)
Language
German
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als Entschädigung, wegen jener angeblichen Uebervortheilung eigenmächtig zurück, und erwirkte gegen den armen Juden, als dieser mit einer Klage drohte, sogar durch seinen Einfluß einen Berhaftsbefehl, der den Vater des Verhafteten so erschreckte, daß ein Schlagfluß dessen Tod herbeiführte. Kurz Voltaire benahm sich in Berlin ganz nach der Spanier, in welcher damals bei ihm zu Hanse übermüthige Seigneurs mit Niedriggeborenen umzuspringen pflegten. Zugleich war er Taktiker genug, sich auch öffentlich den Vortheil des Angreifers zu sichern. Er reichte eine Klage ein, in welcher er das ganze Sachverhültniß auf den Kopf stellte. Er leugnete das ganze Geschäft, in so weit eö die L-teuerscheine betraf, ab und beging zu dem Ende sogar eine Fälschung an einer Handschrift. Ja, er erbot sich sogar, in einer Eingabe an das Gericht, zu beschwören, daß diese Fälschung keine solche sei! Das Gericht, welches von dem Gegentheile überzeugt war, ließ ihn nun zwar nicht zur Ablegung des Eides zu, und bewahrte ihn dadurch vor dem körperlich vollzogenen Meineide, ja es verurtheilte sogar den Gegner Voltaires um eines formalen Vergehens wegen zu einer kleinen Geldstrafe; allein damit war die Sache noch keineswegs zu Ende. Denn der so aufs Aeußerste gebrachte Hirsch trat jetzt mit der Behauptung vor: Herr von Voltaire habe sich sogar eine betrügerische Austauschung der ihm übergebenen Juvelen zu Schulden kornmen lassen, und erbot sich dafür den Beweis zu liefern. Dies letztere ward ihm vom Gerichte bewilliget. Aber Voltaire hielt es für nöthig, diesen Beweis nicht abzuwarten, und beeilte sich dem Juden einen Vergleich anzubieten, durch welchen der letztere noch einen ansehnlichen Vortheil erhielt, während Voltaire einen Verlust von 1000 Thalern erlitt. Hirsch nahm den Vergleich an, da es ihm nicht um Rache, sondern um sein Geld zu thun war. So kam Voltaire mit einem blauen Auge aus diesem sehr schmutzigen Handel davon. Aber die Achtung des großen Königs vor dem sittlichen Charakter des Mannes, den er als den geistreichsten Schriftsteller seines Jahrhunderts bewunderte, war für immer verscherzt. Voltaire hatte anfangs aus die königliche Gunst getrotzt; aber er mußte nun zu bald erfahren, daß der König in Sachen der Gerechtigkeit keinen Spaß verstehe. Sobald der König von dem Handel Kenntniß erhielt, befahl er denselben mit unparteiischer Strenge zu untersuchen. Den verhafteten Hirsch ließ er sofort aus freien Fuß stellen. Voltaire gewann den Proceß und meldete es dem Könige. Dieser gratulirte ihm dazu in einer so sarkastischen Weise, daß es gar kein Zweifel ist, als sei die Gratulation nicht' ernst gemeint. „Ich hoffe" sagte er, daß Ihr keine Händel weiter haben werdet, weder mit dem alten noch mit dem neuen Testament." (Stahr.) Es sei hier schließlich nur noch bemerkt, wie auch Lessiug zur Abfassung des Eingangs erwähnten Epigramms veranlaßt wurde. Voltaire ließ damals sein Jahrhundert Ludwigs XIV. drucken und Niemand sollte eine Zeile davon zu lesen bekommen, bevor nicht die für das königlich preußische Haus bestimmten Exemplare versandt waren. Zum Unglück hatte Voltaires Sekretär, der mit Lessing befreundet war, die Gefälligkeit, diesem die beinahe vollständigen Druckbogen des ersten Bandes zu leihen, und Lessing war schwach genug, sie auf die dringende Bitte eines Freundes weiter zu verborgen. Dort sah sie wieder eine Freundin Voltaires, die den Verfasser bisher vergebens darum ersucht hatte, und stellte letzteren sofort zu Rede. Der Sekretär, auf den sich schließ, lich das Unwetter entlud, bekannte sein ganzes Vergehen, und wurde schleunigst zu Lessing geschickt, die Bogen einzufordern. Aber Lessing. war fort und die zurückempsangenen Bogen hatte er leider, sei es in der Zerstreuung, oder weil er die Sache nicht für so eilig hielt, aus die Reise mitgenommen. Aus diese Nachricht gerieth Voltaire, der nun mchts Anderes vermuthete, als man beabsichtige sein Werk heimlich nachzudrucken, oder gegen seinen Willen zu übersetzen m solche Wuth, daß er den Sekretär sofort aus seinem Dienste jagte, eine Härte, die glücklicher Weise der späteren Lebensstellung desselben keinen Schaden brachte. In Berlin machte die Sache großes Aussehen, und Lessing war selbstverständlich nie mehr auf Voltaire gut zu reden. (Kletke.) Abwehr! Im v. Jahrgang d. Bl. Nr. 6, hat Herr D. Holub in der Anmerkung i zu seinem Anssatze „Biographische Skizzen" meine im Gal—Ed zu Nr. 152 enthaltene Angabe, daß Josef, der Vater des hier A. 1599 verstorbenen Gemeindenotars Petachja Sofer, ermordet worden sei, weil ich die Quelle nicht näher nachgewiesen, und der Beer Hagoleh der Enkel jenes Patachja nichts davon erwähnt, nicht etwa bloß angezweiselt, sondern etwas vorschnell geradezu für nicht stichhaltig erklärt. Ich hatte meine betreffenden, etwas zerstreuten Notizen längere Zeit nicht zur Hand, um alsbald repliziren zu können. Nun bin ich in der Lage zu erwiedern, daß dem angegebenen Umstande des unnatürlicher: Todes jenes Mannes, so wie dem, daß er arrs Ofen stamrne, der im Gal—Ed. z. St. angeführte sogenannte Stammbries, d. :. die im I. 1564 errichtete Gründungsurkünde des hiesigen Beerdigungsvereines zu Grunde liegt, auf welchem Document die Unterschrift des bemeldeten mitgefertigten Gemeindenotars meine Daten deutlich genug bestätigt. Hätte sich Herr Holub die Mühe genommen, das von M. W. Jeiteleö hier 1828 herausgegebeue „Sikoron lejom, Achron" 1. Theil, nachzuschlagen, so würde er in dem in der Einleitung zum Theile abgedruckten oberwähnten Stammbrief, diese Unterschrift, bis auf das aus Censurrücksichten ausgelassene Wörtchen, aber doch mit dem beibehaltenen Epithet „Hakadosch" gefunden haben. 5inion Hock. Alte Urkunden. Juden in Holland, von Ludwig Lichtschein, Rabbinats-Affessor Gr. ÄaniM. Für die Geschichte der Juden zu Holland ist das Jahr 1606 das bedeutungsvollste. Es ist nämlich bekannt, mit welchem Fanatismus die Juden um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Portugal verfolgt wurden. Tausende von ihnen endeten ihr Leben auf dem Scheiterhaufen oder in den dunkeln Kerkern der Inquisition. Es ist ferner bekannt, daß viele unter ihnen, um den steten Nachstellungen zu entgehen, äußerlich zum Schein die christliche Religion annahmen, ohne daß sie die Liebe zur angestammten Religion ersticken ließen. Allein mit dem Anfänge des 17. Jhdrts. brach für diese Schein- Christen eine verhängnißvolle Zeit herein. Durch die Vereinigung Portugals mit Spanien unter dem grausamen Philipp' trat der Judenhaß in den Vordergrund, und so man nur auf die Spur eines Schein-Christen gerieth, wurde er seines Vermögens beraubt, in den Kerker gesteckt, woselbst er unter qualvollen Martern gewöhnlich sein Leben aushauchte. Mit dem Regierungsantritt Philipp III. hatte die Inquisition erst recht ihren Eulminationspunkt erreicht. — Unter solch' traurigen Umstünden zogen viele Juden, die bisher als Schein- Christen lebten, und dem berüchtigten Auto-da-f6 glücklich entronnen, im Jahre 1635 mit Zurücklassung ihrer Habe nach Holland, das zur Hebung seines Handels und seiner Industrie im Jahre 1606 allen Völkerschaften ohne Unterschied der Religion gastlich seine Thore öffnete. Als der französische König Heinrich IV. dem holländischen Gesandten von Beuningen Vorstellungen darüber machte, daß es unchristlich sei,

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