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Das Abendland · 1867-12-15 · 24 (15.12.1867) · p. Seite 189

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Journal
Das Abendland
Volume
IV (1867)
Issue
24 (15.12.1867)
Date
1867-12-15
Page
Seite 189 (sequence 5)
Language
German
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— 189 — Hunderts erbaut und unter der Dynastie des Ming (vor ungefähr 300 Jahren) restaurirt. So interessant diese Daten sind, scheinen sie uns dennoch nicht mit so strenger Wissenschaftlichkeit ernirt, daß sie auf volle Glaubwürdigkeit Anspruch machen könnten. Wir armen Europäer wurden schon gar oft mit wissenschaftlichen Funden von jenseits des Meeres her dupirt, daß wir gegen die -Sensationsnachrichten auf dem Gebiete der Altcrthumskunde etwas mißtrauisch geworden sind, und wenn sich auch nicht der leiseste Zweifel gegen die Wahrheitsliebe des Berichterstatters in uns regen würde so hat doch die chinesische Chronologie noch nicht die volle historische Berechtigung erhalten. Die Weltgeschichte hat ihre bedeutende Lücken, die auszusüllen der künstlichste und scharfsinnigste Hypothesenapparat nicht vermag. Was nun die mehrerwähnte jüdische Colonie im Reiche der Mitte betrifft, so halten wir dafür, daß deren Glaubensgenossen am ehesten im Stande wären, an ihnen antiquarische Studien zu machen, da sie am besten aus den Traditionen, aus Sprachwendungen, aus gewissen Sitten und religiösen Anschauungen, die oft von Andern unbemerkt bleiben, herausfinden könnten, um welche Zeit ungefähr diese exotische Pflanze Chinas ihrem nationalen Boden entrissen wurden, natürlich müßten Jene, die sich utit solcher Untersuchung befaßten, auch mit der nöthigen Geschichts- und Menschenkenntniß ausgerüstet und in der jüdischen Literatur wohl bewandert sein. Was ist Alles seit Jahrhunderten über die verlornen 10 Stämme gefabelt worden? Es gibt kein Land auf Erden, welches das idyllische Glück besitzt, nicht durch Eisenbahnen oder auf nur halbwegs fahrbaren Straßen zugänglich zu sein, dem man nicht die unglücklichen, vom Assyrerkönig Salmanassar verstreuten Bewohner Palästinas vindicirte. Bald sollten sie in der Tartarei oder Mongolei zu suchen sein, bald hätten sie in Hinterindien ihren Wohnsitz; reichbcgabte Phantasien ließen sie sogar nach Amerika wandern; das grause Innere Asrika's hat einen besondern Anspruch auf die Heimat jener ruhelosen Wanderer, viele Forscher sehen jeden als Skeptiker an, der nicht in den Falascha's Abessyniens die 10 Stämme erkennt; sie hätten nur, meint man, durch die einige Tausende von Jahren Namen und Hautfarbe gewechselt; allerdings braucht mancher Kaukasier nicht so viel Zeit, um eine ähnlichen Wandlung mit sich vorzunehmen. Wenn unsere aufgelöste jüdische Colonie in China sich nur so lange erhalten hätte, um unter die Lupe europäischer Forschung gestellt und mit dem Phantasiereichthum alterthümelnder Touristen in Verbindung gebracht zu werden, wir hätten gewiß bald ihren Namen auf der Candidatenliste für den Ruhm der Abstammung von den 10 Stämmen prangen gesehen. Lassen wir die Todten ruhen, die 10 Stämme waren die abgedorrten Zweige an dem Lebensbaume des Judenthums, sie konnten ebenso in das Grab der Vergessenheit sinken, wie die alten Griechen und Römer, die ebenfalls nur ihre erste Heimat zurückließen, und ihren Namen in der Geschichte. Die dritthalb Stämme Juda's erhielten trotz ihrer geringen Anzahl den Namen und die Ehre ihres Stammes, und das kleine Häuflein überdauerte die zahlreichen Legionen der mächtigen Roma. Nicht in der Zahl, nicht in dem Lande liegt die zähe Lebensdauer eines Volkes, sondern im Geiste, der es beseelt, in den Ideen, die es beherrschen. Correspondeiyen. Prag im Dezember. Nehmen Sie geehrter Herr Redakteur! meinen Glückwunsch zu Ihrer neuen Stellung, in der Sie gewiß das in Ihre Fähigkeiten gesetzte Vertrauen rechtfertigen. Hoffentlich wird auch das „Abendland" nicht dabei verlieren, ich glaube sogar, daß es uns Pragern noch mehr Interesse bieten wird In der Entfernung läßt sich die Objectivität besser wahren und Lob und Tadel erhalten einen bessern Nimbus. Ihrer Aufforderung, für Ihr Blatt Berichte über hiesige Zustände zu liefern, komme ich, wie Sie sehen, sehr schnell nach. Aber was macht ein armer Eorrespondent, wenn er nichts erfinden, nicht lügen, unbedeutende Thatsachen nicht unter die poetische Hochschraube bringen, über eine gehaltene Predigt nicht in Verzückung gerathen, kurz so viel nicht kann, was ein Prager Eorrespondent können muß, wenn er überhaupt etwas schreiben soll; denn aus Prag ist eigentlich nicht viel Neues zu berichten, da gibts lauter Altes, lauter veraltete Anschauungen, lauter verjährte Ansichten von Anno dazmnal. Unsere Eultusgemeinde-Repräsentanz besteht aus lauter ehrenhaften und strebsamen Männern, die gerne etwas leisten möchten, allein die unzähligen Partiknlarinteressen, die von jeher die Zersplitterung in Permanenz versetzten, die verschiedenen Autonomien aller klemen und großen Synagogen, die vielen Statuten der Vereine, die, wenn es gebraucht wird, ihre papierene Macht geltend machen, die eigenthümliche Stellung des Rabbinats, das von den Frommen fast noch mehr als überflüssig angesehen wird, als von den eigentlichen Poschim par Excellence, die doch „von Zeit zn Zeit den Alten gerne sehen"! die Verhältnisse unseres Schulwesens, das find lauter centril fugale Kräfte, die einer entscheidenden That nicht so günstig sind. An Projekten fehlt es uns nicht, denn wir haben hier mehr geistreiche als thatkrästige Männer. Seit dem Tode unseres seligen Oberrabbiners ist über die Wiederbesetzung dieses bedeutenden Postens viel gedacht und gesprochen worden; allein ist schon die Personenfrage eine höchst schwierige, so ist die Principiensrage noch schwieriger, denn es handelt sich nicht um Neubesetzung, sondern um Neugestaltung des Rabbinats. Mögen indessen die weisen Väter der Gemeinde vor der Schwierigkeit nicht zurückschrecken. Wenn sie nur erst! die Stellung nach den wahren Bedürfnissen der Gemeinde und; den Ansprüchen einer fortgeschrittenen Zeit konstituiren, so! wird sich auch schon der rechte Mann finden lassen. — Y. j Prag. Durch den Tod der drei als tüchtige Talmudij sten bekannten Kreisrabbiner David Löwy in Amschelberg, j Jakob Mahler in Kaladai und Markus Pollak in Strakoj nitz sind die bezüglichen Kreisrabbinate in Erledigung gekomj men. Da nun schon seit Jahren gegen das Kreisrabbinat I von Seiten der jüdischen Bevölkerung Böhmens gesprochen > wird, und sogar von den in den Jahren 1851 und 1860 in i Prag versammelten Notabeln der böhm. Judenschaft über das! erwähnte Institut der Stab gebrochen wurde, da ferner meh-! rere Gemeinden des Piseker Kreises bei Erledigung ihres! Kreisrabbinats sich gegen die Wiederbesetzung desselben aus-! sprachen, war vielseitig die Meinung verbreitet, es werden! die erledigten Kreisrabbinate bis zur definitiven Entscheidung über eine allgemeine Eultusordnung für das Kronland Böhmen nicht besetzt werden; es war jedoch dem nicht so; das! hohe Ministerium hat entschieden, daß Rabbinen provisorisch! mit den Funktionen des Kreisrabbiners betraut werden. In! Folge dessen hat die hohe Statthalterei unter den ziemlich | vielen Bewerbern folgende Rabbiner ernannt: Herrn Prazak, i bisher Rabbiner in Rakonitz, für den Piseker Kreis mit dem! Sitz in Breznitz, wo auch in früherer Zeit der Sitz des j Kreisrabbinats war, für den Berauner Kreis Herrn Rabbiner schiffmann in Wottitz, für den Taborer Kreis Herrn Gutmann Klemperer in Tabor, für den Budweiser Kreis Herrn Rabbiner Adam Wunder in Budweis. Böhmen ist daher um einen Kreisrabbiner reicher geworden, da früher der Taborer und Budweiser Kreis unter Einem Kreisrabbiner vereinigt waren. Herr Prazak hat an die Vorstände seiner Gemeinde eine Art Hirtenbrief erlassen, in welchem er auf Hebung des Unterrichtswesens und des Gottesdienstes sein | Augenmerk richtete. Mögen die neugewählten Herren recht | segensreich wirken. «

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