Mannheim
Compact Memory

Das Abendland · 1867-12-15 · 24 (15.12.1867) · p. Seite 188

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Abendland
Volume
IV (1867)
Issue
24 (15.12.1867)
Date
1867-12-15
Page
Seite 188 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9050333-9088986-9051097--0777-9051101
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 188 baut, auf den 7 Säulen der Weisheit errichtet. Erziehung und Unterricht sind die Grundpfeiler unserer Religion, jedes Blatt der heiligen Schrift trägt uns die Lehre entgegen: Ihr sollt unterweisen und belehren eure Kinder, ihr sollt ihre Fragen beantworten, ihr sollt ihnen zeigen den rechten Weg, und es wird ein großer Werth darauf gelegt, daß alle Völker der Erde sagen mögen von Israel— „es ist dieß ein großes, weil weises und verständiges Volk." Und es ließ auch niemals das Feld der Wissenschaften brach liegen. Große Philosophen, tüchtige Aerzte, ausgezeichnete Astronomen gingen zu einer Zeit aus seiner Mitte hervor, wo es die verpestete, von giftigem Glaubenshasse erfüllte Lebenslust die es einathmete, mit dem säuern Schweiße seines Antlitzes thener erkaufen mußte. Als nun vollends die Sonne der Aufklärung am Horizonte der Menschheit zu leuchten begann, als die edle Saat, welche die bessern Geister auf dem Felde der Humanität ausstreuten, in üppigen Halmen emporschoß und die herrlichsten Früchte reifte, da drang auch die milde FreiheitSlust in unsere Wohnungen und licht und Helle ward es in den Hütten der Gläubigen. Sagen wir es nun gleich zur Ehre unseres Stammes, daß das Judenthum nicht hinter den Anforderungen der Zeit zurückgeblieben. Was auch unter dem Einfluß der noch nicht gebannten Vorurtheile Mißliebiges über den jüdischen Charakter gesagt werden mag, das muß wohl der Neid, ja selbst der blinde Haß eiugestehen, daß der jüdische Hausvater für Erziehung und Bildung seiner Kinder zu den größten Opfern bereit ist. Die gebundenen Kräfte sind, nun gelöst, schaarenweise strömt die Jugend in die Hörsäke der Wissenschaft und nährt ihren Geist an den glänzenden Ergebnissen menschlicher Forschung. Wie könnten wir bei dieser Gelegenheit des erhabenen Herrschers vergessen, der in seiner Weisheit und in seiner väterlichen Fürsorge nur das Wohl aller seiner Unterthanen, die Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen auf das Banner seines Ruhmes geschrieben, dessen hoher Milde wir es auch zu verdanken haben, daß ein methodischer, zweckmäßiger Religionsunterricht für die israelitische studirende Jugend eingeführt wurde. Laßt uns oft mit dankerfülltem Herzen und mit gefalteten Händen zum Herrn der Heerschaaren für sein langes reichbeglücktes Leben beten. Möge der Herr sein hochherziges Streben segnen, und auch seine hohen Staatsbeamten, die im Geiste des erhabenen Monarchen zum Heile der Menschheit wirken und streben, beglücken. Ja, die Wissenschaft ist frei geworden im großen Oesterreich und auch wir Israeliten wollen uns den Strebungen der Zeit innig anschließen. In unserer Zeit kann selbst der Priester des Glaubens der Wissenschaft nicht die volle Berechtigung versagen, der Wissenschaft, dieser Ausstrahlung der göttlichen Allweisheit, dieser Abstrahlung der Menschenwürde; wer jetzt der Wissenschaft einen Absagebrief schreiben wollte, der verläugnete seine Menschenwürde, der verkannte seinen Gott — „Nur wenn die Lippen des Priesters die Wissenschaft wahren, kann man auch in Sachen des Glaubens Belehrung aus seinem Munde schöpfen." (Malachai 2—7.) Haben wir dem Wissen sein verdientes Recht zuerkannt, so verlangt der Glaube noch mehr unsere innige Hingebung, unsere sorgsame Pflege. Alles Wissen ist Stückwerk, ist Unvollkommenes und Unvollständiges ohne den Faktor, der ihm erst das wahre Leben gibt, ohne die Religion. Die Religion ist die Cultur des Herzens und was wäre all' unser Wissen, was wäre all' die Schärfe unseres Verstandes, wenn das Herz abgestorben wäre für die edelsten Gefühle der Menschheit, für die ewigen Wahrheiten der Religion. Mit all' unserem Wissen gelangen wir an die unüberschreitbare Grenze des Urgrunds aller Dinge, des ewig Unfaßbaren und doch unserer Brust Bekannten, Befreundeten und ewig Sichtbaren. Unsere Alten bemerkten sehr sinnig: Nur das Wissen ist groß, das zwischen den beiden Namen Gottes steht, es hat nur dann Werth und Bedeutung, wenn es sich innerhalb dieser beiden Namen bewegt, wenn es mit frommen bescheidenen Sinn von Gott' ausgeht und nach seinen freien Windungen und Wendungen wieder zu Gott zurückkehrt. Schon der älteste Philosoph des Judenthums, der weise Kohelath, sagt es uus deutlich „Viel Wissen allein bringt uns nur viel Schmerz", denn es zeigt uns erst recht unsere Beschränktheit, es zeigt uns den Grenzpfahl, über den hinaus wir uns nicht wagen dürfen, nur die Religion ist die Fackel, die unsere ganze Lebensbahn beleuchtet, durch sie werden wir gehorsame und dankbare Kinder, treue Geschwister und Freunde, biedere und redliche Familienväter, nützliche Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft, treue opferfähige Bürger des Vaterlandes, liebevolle Unterthanen des von Gott eingesetzten Herrschers. So möget auch ihr, meine jungen Freunde! den Lehren der Religion, die euch ertheilt werden, ein aufmerksames Ohr und ein williges Herz weihen, möget ihr sie in allen Verhältnissen eueres Leben bewähren und bewahrheiten, dann wird auch meine Wirksamkeit in euerer Mitte euch zum Glücke und zum Heile dießseits und jenseits gereichen, wozu Du,. Allgütiger Gott! deinen Segen und deinen Beistand verleihen wollest. Amen! Die Juden in China. Seit mehren Dezennien ist es bekannt geworden, daß sich in China eine jüdische Colonie befindet, die sich ihrer Abstammung bewußt ist, und auch mehrere ältere hebräische Handschriften besitzt, das ist aber auch Alles; von Kenntniß der Religion ist keine Spur vorhanden und auch ihre religiösen Uebungen erinnern wenig an das Judenthum. Die ganze Colouie besteht aus einigen hundert Seelen, die im Innern von China in Kaifung-sen wohnen. Ueber die Zeit ihrer Einwanderung konnte man bisher nichts erfahren, die geringen Spuren boten wenig Ausbeute für die Chronologie. Viele Historiker lassen ihre Einwanderung schon in den ältesten Zeiten erfolgen, da die Missionäre, welche ihren Wohnsitz aufsuchten, außer dem Pentateuch kein anderes biblisches Buch vorfanden. Man muß jedoch gestehen, daß dieser Umstand nur einen schwachen Beweis liefert für das so hohe Alter der jüd. chinesischen Ansiedler. Der Zahn der Zeit hat schon reichhaltigere Literaturen benagt und auch gänzlich aufgezehrt, und die Ignoranz war nie ein geeigneter Custos für alte Manuscripte. Diese Unwissenheit ist auch aus der Verachtung der Chinesen gegen alles Fremde erklärlich; wo konnte auch das religiöse Wissen, wenn die Einwanderer wirklich welches mitbrachten, in China Pflege finden? Die äußere Lage dieser Colonie, die in dem größten Elend schmachtet, ist ebenfalls kein Sporn für geistige Erhebung, und man müßte staunen, wie sie unter solchen Auspicien ihre Existenz durch die Jahrhunderte durchschleppen konnte, wenn man nicht eben wüßte, daß China Jahrtausende braucht, um den Geist mobil zu machen und viele Menschenalter vergehen, bevor im sozialen Leben nur irgend eine Spur geistiger Gährung bemerkt wird. In neuerer Zeit ist durch den Contact mit Europäern und Amerikanern allerdings etwas Leben in die dickblütige chinesische Race gefahren. Der stille Ozean ist nun eine von den Chinesen stark befahrene Wasserstraße, und sie treffen nun seit mehreren Jahren auch den Weg nach Europa. Dadurch ist etwas vom europäischen Geiste in sie gefahren, und diese soziale Umwandlung in dem chinesischen Geistesleben mochte auch den Zersetzungsproceß in die uralte jüdische Colonie getragen haben. Nach Berichten, die in den letzten Tagen aus China eingelaufen, hat sich, oder wahrscheinlicher wurde die Colonie aufgelöst und ihre Synagoge zerstört. Ein englischer Missionär, der unter den Trümmern stöberte, um seine archäologischen Studien zu bereichern, war so glücklich einen Stein zu finden, dessen Inschrift auf beiden Seiten ihm Aufschlüsse über die Einwanderungszeit der Colonie verschaffte. Nach diesen Inschriften sind die erwähnten Juden unter der Dynastie des Han (3 Jahre nach Chr.) eingewandert. Die Synagoge wurde gegen Ende des 12. Jahr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.