Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 23 (14.11.1867)
- Date
- 1867-11-14
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9050333-9088986-9051088--0766-9051090- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
178 nicht zu wünschen, wie ^stiefmütterlich waren wir bisher trotz der wohlmeinendsten Absichten unseres vielgeliebten Herrschers behandelt worden! Betreten wir das nächstbeste Gebieth, die Schule, für deren Freiheit unsere wackern Volkstribuncn eben so ritterlich kämpften, welche trüben Wahrnehmungen müssen wir da machen? — Wo gibt es in Österreich ein Gymnasium oder eine Realschule, an denen ein Jude außer in jüdischer Religion oder im Schönschreiben Unterricht ertheilen könnte; warum muß es zu den höchsten Seltenheiten gerechnet werden, daß ein Jude als ordentlicher (aber nicht vollberechtigter) Professor an einer Hochschule docirt? Gibt es faktische Gründe, uns diese Lehrkanzeln zu verschließen, sobald die Verfassung den Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte, den vollen Status civilis et publicus als unabhängig von dem religiösen Bekenntniße hinstellt? — Wir sehen ab von den Elementarschulen, bei welchen das erziehende Moment vorherrschend ist, und die darum mit Recht streng in christliche und jüdische geschieden bleiben sollen; wir wollen auch absehen von den Lehranstalten, die eine statutarisch confcssionelle Natur haben, obzwar auch hierbei gelinde Zweifel erlaubt wären, ob der ursprüngliche Stiftungs Charakter auch heute noch unverändert fortbesteht, ob die Stiftungskapitalien nicht längst verloren gegangen sind, und die Mittel zur Erhaltung der Anstalt aus fiskalischen oder städtischen Zuschüssen bestritten werden, ob die vom Stifter angeordnete Lehrverfassung noch heute strikt festgehalten, und nicht vielmehr der allgemeine Lehrplan auch auf solche Stiftsschnlen übertragen wurde; auch die Universitäten wollen wir außer Betracht lassen, da doch durch die, wenn auch vereinzelte Thatsache der ordentlichen Professur eines Juden im Prinzipe jedenfalls unsere Anstellungsfähigkeit zugestanden ist: was steht uns aber bei den staatlichen oder städtischen Mittelschulen im Wege, ein Lehramt zu bekleiden: weswegen sollte kein Jude trotz aller Tüchtigkeit kein Gymnasialprofessor oder Reallehrer werden können? — Doch wir wollen unsere Frage noch präziser stellen. — Es gibt Lehrgcgenstände, so wird behauptet; die irgend eine bestimmte Weltanschauung des Vortragenden voraussetzen: Geschichte, zum Theil auch deutsche Sprache könnten unmöglich von einem Juden christlichen Schülern docirt werden, denn wie sollte er die Geschichte des Christenthums in der Römerzeit, die Geschichte der Päpste, der Reformation unpartheiisch erzählen, wie sollte er Klopstocks „Messias" gehörig würdigen können? Wir wollen nicht, um diese Behauptung zu widerlegen auf Jaffe Hinweisen, der für seine Kegesta Pontificum romanorum von Sr. Heiligkeit dem Papste selbst ein Dankschreiben erhielt, gewiß ein glänzendes und unwiderlegliches Zcugniß, daß ein Jude auch die Geschichte des Papstthums unpartheiisch und gewissenhaft behandeln könne; wir geben vielmehr obigen Einwand vorläufig zu, was in aller Welt sollte aber den Inden hindern, die römischen und hellenischen Klassiker, Naturwissenschaften, Geographie, Mathematik auf Gymnasien oder Realschulen zu lehren? Sollte der jüdische Lehrer der Physik wirklich nur zum Schaden des christlichen Bekenntnisses dociren können; sollte der jüdische Mathematikus nur aus jüdischer Bosheit den Schülern beibringen wollen: 2mal 3 sei nicht 6 sondern 5? — Aber zur Erklärung der alten Klassiker gehört doch eine bestimmte Weltanschauung, auf Grund welcher ihre Werke interpretirt werden müssen? Sehr richtig; — wenn man in die alten Autoren einen Sinn hineinlegen will und nicht die Aufgabe verfolgt, dieselben auszulegen. Die Werke Ciceros und Platons sind aber im Geiste des Alterthums und der Zeit geschrieben, in welcher diese Männer gelebt haben, und da ist wohl derjenige der beste Interpret, der sie von jenem Standpunkte aus erklärt, nicht wer ihnen einen Sinn beilegt, den sie nimmermehr gehabt haben können. — Und daß ein Jude griechische und lateinische Grammatik lehren und, ohne die Taufe empfangen zu haben, die Gedichte Homersund Ovids grammatisch erklären könne, dürfte doch gewiß Niemand bezweifeln.— Der große Ruhm, den ein Bernays und andere jüdische Philologen in der Gelehrtenwelt genießen, ist wohl Beweis genug, daß man nicht Christ zu sein braucht, um die heidnischen Di chter und Philosophen zu verstehen und ihre unsterblichen Werke zu erläutern. — Die Wissenschaft ift feine ancilla theologiae mefjr, sie wird um ihrer selbst willen gelehrt: das Lehrobjekt biethet also durchaus keinen Grund, dem Juden, wenn er sonst seine Tüchtigkeit nachweist, die Lehrkanzel zu verschließen. — Aber noch andere Momente werden ins Treffen geführt, um die Nichtanftelluugsfähigkeit der Juden zu erweisen. — Da heißt es vor Allem, der herkömmliche Charakter aller derartigen Lehranstalten, insbesondere der Gymnasien, sei christlich confeffionell, die meisten derselben verdanken ihr Entstehen der Kirche und ihren Vertretern und seien darum von jeher spezifisch christlich gewesen. — Darf man aber einem Herkommen, und datire es aus noch so alter Zeit, die Gerechtigkeit opfern? Es ist wohl nicht zu leugnen, ein großer Theil der österreichischen Gymnasien entstand aus den Klosterschulen, der ganze, höhere Unterricht lag in den verflossenen Jahrhunderten bis auf unsere Zeiten größtentheils in den Händen der Geistlichkeit, bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die Kandidaten des Lehramts nicht Kandidaten der Philologie, sondern der Theologie. — Nun aber hat sich dies geändert: die Wissenschaft hat, wie schon bemerkt, aufgehört, eine Dienerin der Theologie zu sein, die Gymnasien und Realschulen sollen die Jugend weniger zu Frommen und Gläubigen, als vielmehr zu tüchtigen Staatsbürgern, zu guten Patrioten heranbilden.— Und sollte dies einem Lehrcollegium, in welchem Juden sich befinden, nicht möglich sein? Sollten wir unseres Bekenntnisses wegen weniger patriotisch sein, weniger unfern Kaiser, unser Vaterland lieben?— Wenn man auch auf den Mittelschulenden Unterricht im engsten Zusammenhänge mit der Erziehung wissen will, so kann man doch nur darunter verstehen, daß ein sittlich religiöser Geist die wissenschaftliche Bildung dieser höher» Unterrichtsanstalten durchwehen soll. Besteht aber dieser Geist aus den Unterscheidungslehren der Religionen, oder nicht vielmehr aus demjenigen, was allen Confeffionen das Gleichartige und Gemeinsame ist? Uebrigens tritt ja auch in den höhern Klassen das erziehende Moment mehr in den Hintergrund, die einzelnen Wissenschaften stehen frei und selbstständig da und werden jede für sich um ihrer selbst willen gelehrt. — Aber noch ein Argument wird geltend gemacht, um uns das Lehramt an Mittelschulen streitig zu machen; — man könnte es im Gegensätze zu den oben angeführten ein subjektives nennen. - -Es wird behauptet, der jüdische Lehrer könne an Sabbaten und Feiertagen seinen Pflichten nicht genügen, ohne mit seiner Religion in offenbaren Conflikt zu gerathen; es wäre also eine Art Gewissenszwang, den man ihm durch die Anstellung auferleqen würde. — Doch wer auch nur oberflächlich das Gesetz und die Lehre des Judcnthums kennt, wird die Nichtigkeit dieses Einwandes erkennen müssen. — Eine solche Fürsorge für die Unverletzlichkeit des Gewissens wäre wahrlich eine übertriebene. Denn nirgend ist es uns verboten, am Sabbatb zu lehren, ja es ist sogar verdienstlich, sich geistig zu beschäftigen. — Nur körperliche Arbeiten sind uns untersagt, und es wird doch Niemand das Dociren für eine solche ansehen, da man ja dabei weder zu schreiben noch zu zeichnen braucht. — Sollte dies auch beim Unterrichte in Mathematik und Physik manchmal nöthig sein, so könnte doch der jüdische Lehrer es so einrichten, wie es auch sonst I an vielen Lehranstalten Usus ist, daß er am Samstage nur repetirt oder examinirt, was in der ganzen Woche vorgetragen wurde. — Durch diese sich sehr gut bewährende Einrichtung könnte er seinen Berufspflichten vollkommen Genüge leisten, ohne dabei aufzuhören, ein strenggläubiger Jude zu sein. — Wir glauben hiermit die hauptsächlichsten Einwürfe widerlegt zu haben, die man unserer Befähigung zur Uibernahme eines höhern Lehramts entgegenstellt. — Es ist nicht