Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 22 (31.10.1867)
- Date
- 1867-10-31
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 ten Jahren bedeutend vermehrten und ohnedies schon stark gewesenen Cultusgemeinde genügen kann. Ein Fremder ist kaum im Stande den sogenannten in der schönen Carlsgasse ganz versteckt liegenden Tempel aufzufinden und hat man ihn gefunden, so ist cs als Wagestück zu betrachten einem Abendgottcsdicnste in demselben beizuwohncn. „Denn da drinn ist's fürchterlich, der Mensch versuche die Götter nicht." In einem engen Raume ^mit nur einem schmalen unzureichenden Ausgange steht dicht gedrängt Mann an Mann. Eine erstickende Luft erzeugt durch die vielen brennenden Lichter, durch die Ausathmung und Ausdünstung einer für den Raum unverhältnißmäßig großen Anzahl Personen weht dem Eindringlinge entgegen. Hierzu rechne noch das Gemurmel der Andächtigen, das Singen einer uneinstudirten Gassenjugend, das in Gemeinschaft mit dem Gepfeife einer altersschwachen Orgel, Menschen rasend machen kann— und du kannst dir einen kleinen Begriff machen von dem sanitätswidrigen und bei Feucrsgefahr gewiß lebensgefährlichen Zustande des Bethauscs der Noblesse! „Das ist noch nicht das Schrecklichste der Schrecken, denn man muß wissen, daß ein löblicher Vorstand sich schon jahrelang zu den Feiertagen gezwungen sieht aus Rüumlichkeitsnot eine Menschenpresse in einer Filialsynagoge, dem Bethause der Gemeinen, zu errichten! „Hier erst" „gepreßt wie Häringe," die Andächtigen stehen beisammen. In jeder kleinen Gemeinde am Lande wird der Gottesdienst weihevoller abgehalten, als hier in dieser Filiale, welche von Gemeindemitgliedern, die im Tempel keinen Sitz mehr bekommen können und von Fremden besucht wird. In solchen Localen hält die hiesige Judengemeinde, die so viele reiche und intelligente Männer in ihrer Mitte zählt, ihren Gottesdienst ab. Und gerade viele dieser reichen Herrn verhalten sich aus naheliegenden Gründen dem Tempelbaue gegenüber ganz passiv. Was mag ihnen wohl daran liegen, ob ein Tempel gebaut wird oder nicht! Viele dieser Herren fühlen das ganze Jahr hindurch nicht das Bedürfnis ins Gotteshaus zu gehen und nur einigemal im Jahre, zu den hohen Feiertagen, da fühlen sie ein frommes Regen, das sie drängt ihre Andacht zu verrichten und worin besteht diese? Die weißbehandschuhten Herren erscheinen im Tempel, zeigen sich daselbst einem P. T. Publikum mit gnädiger Herablassung, „strecken geräuschvoll die Glieder," setzen sich nieder und plaudern mit dem gleichgesinnten Nachbar ihr Frömmigkeitsgcsühl todt. „Wenn gute Reden sie begleiten, dann fließt die Andacht munter fort,, und che man sich's gedacht, ist ein kleines Stündchen mehr oder weniger angenehm vergangen. „Die Mohren haben ihre Schuldigkeit gethan, die Mohren können gehen." So unterlassen diese unsere Aufgeklärten auch das für sie wahrscheinlich nicht mehr zeitgemäße in der Synagoge gebräuchliche Spendenaustheilen für Wohlthätigkeitsanstalten und überlassen dieses wolweislich den noch nicht Aufgeklärten. Weßhalb sollten nun diese lumina mundi eigentlich zum Baue eines neuen Tempels einen herzhaften Griff in ihren gespikten Geldbeutel thun? Für die paar Stunden, denken sie, die wir während des ganzen Jahres im Gotteshause verplaudern, ist der alte Tempel gut genug. „Ist doch Raum in der kleinsten Hütte, für ein glücklich plaudernd Paar." Oder sollten sie vielleicht für das öffentliche Wohl etwas thun? Nein, das ist ihnen zu wenig aufgeklärt, ein zu allgemeiner ^Begriff, kann unmöglich Dividende tragen. Oder sollten sie vielleicht für das alsfalsige Belohntwerden im Jenseits etwas thun? Nein, da ist ihnen wieder das Ziel zu lange und sie fürchten mit Recht, daß ihnen Niemand diese Rimesse auf Sicht escomptiren würde. Etwas anderes wäre es, wenn die Gemeinde für geschenkte oder geliehene Kapitalien Tempelbauorden verleihen könnte, und wenn sie den betreffenden Herren Aufgeklärten versprechen würde dero Namen^ bei einem Schenkungsakte durch goldene Lettern angebracht an den Thoren des zu erbauenden Bethauses, zu verewigen. Ja, das wäre freilich ein anderer Casus, herzhaft würden die reichen Aufgeklärten den Geldsack aufthun und aus purem Edel- und Wohlthätigkeitssinn nach Kräften zum Tempelbaue beisteuern. Da dieses aber nicht der Fall ist und die Gemeinde keine Knopslochaussüllungsobjekte zu verleihen hat, so können wir auf edelmüthige Stiftungen dieser engherzigen Reichen nicht rechnen. „Nur eine Hoffnung ist uns geblieben, daß es einer energisch vergehenden Cultusrepräscntanz doch gelingen müßte, die nöthigen Geldmittel zum Baue eines augenscheinlich nothwendigen Tempels in einer Gemeinde aufzutreiben, in welcher man, ohne erst Staatsnoten emittiren zu müssen, für ein Projekt dessen Nutzen und Nothwendigkeit nicht unbedingt einleuchtend war, 30,000 Gulden aufzubringen verstanden hat. Darum, o Vorstand, gehe mit gutem Beispiele voran, exempla trahunt, zeichne, subskribire recht lebhaft und führe diese brennende Tagessrage bald der gewünschten Erledigung zu. <Linige Tempelritter. Gallizien. Der Feuilletonist des „Wanderer" beschreibt das Chcderwesen in Gallizien mit folgenden Worten: In Gallizien gibt es kein Städtchen noch so klein, wo nicht abgewirthschaftetc Israeliten aus Mangel einer einträglichen Beschäftigung sogenannte Schulen gründen, in denen die Kinder geistig und moralisch getödtet werden. Diese Schulen (Cheder) liegen in der Regel in den abgelegensten schmutzigsten Gassen, wo das Elend der ganzen Gemeinde zusammengehäuft zu sein pflegt. Ein Zimmerchcn, niedrig, klein, auf ungedieltem Fußboden und von mehreren Familien sammt obligater Kinderzahl bewohnt, ist Schlaf-, Spcise-,Empfangs-u. Lehrsalon irgend eines unwissenden, ungezogenen, fanatischen Mannes, der eben Lehrer, euphemistisch Rabbi zubenannt geworden, weil er allenfalls sein Bischen Geld in verfehlten Spekulationen verloren und nie in seinem Leben etwas Gescheites gelernt hat. In diesem kleinen Zimmerchen genießen 20—40 Kinder von dem Rabbi in der Weise Unterricht, daß sie den ganzen Tag in der Spelunke verweilen und die Zeit auf eigene Kosten todtschlagen müssen. Die Zöglinge befinden sich in reifem Mannesalter von 3 Jahren aufwärts, und solche Rangen sich selbst und dem Schutze überlassen, legen sich höchstens den Keim künftiger Krankheiten bei und lernen für's Leben — Unarten. Nebenbei werden die nicht immer lernbegierigen Kinder in Sektionen gesondert. Während nähmlich die Mehrzahl auf dem ungedielten Boden sitzend, allerhand muthwillige Spiele treibt, sitzt eine Sektion rings um einen wackeligen Tisch, an dessen obern Ende der Meister den Unterricht in der Art ertheilt, daß er recht laut einen Buchstaben, ein Wort nennt, welches die Hörer im Chore und mit Aufwand aller Stimmmittel nachplappern müssen. Solchergestalt wird denn auch die Bibel übersetzt und der Thalmud gelehrt. Im Winter wird der Unterricht auch des Abends vorgcnommen, so daß die armen Kleinen stets bei 12 Stunden im Cheder bleiben müssen, obwohl jeder derselben höchstens eine halbe Stunde des Tages zum Lernen kommt Prüfungen gibt es da keine, höchstens begibt sich an Samstagen der Rabbi mit dem Scküler zu einem gelehrten Freund, dem ein früher eingebüffeltes Stück Bibel vorrecitirt wird. Und was ist das Resultat einer derartigen Lehrmethode? Das jüdische Kind bleibt vom 3. bis zum 15. Jahre und noch länger im Cheder. Es lernt da das Lesen des Hebräischen und Uebersetzung desselben in einem Jargon, den selbst der liebe Herrgott kaum verstehen dürfte, und schließlich Thalmud. Und hat der Jüngling schließlich die Schule abi'olvirt, so versteht er in der Regel das Tagesgebet nicht, welches er in hebräischer Sprache