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Das Abendland · 1867-08-08 · 16 (8.8.1867) · p. Seite 126

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Journal
Das Abendland
Volume
IV (1867)
Issue
16 (8.8.1867)
Date
1867-08-08
Page
Seite 126 (sequence 6)
Language
German
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126 autonomen Gemeinden hervor. In der Nenzcit finden wir größtcnlhcils den Rabbiner aus der allgemeinen Abstimmung der Gesammtgcmcinde hervorgchen. Fragen wir aber die Erfahrung, die praktische Klugheit ob das Suffrage universel auch hier am Platze sei. In der Politik hat sich durch die Praxis in den letzten Deccenien herausgestellt, da das Suffrage universel ein hondsamcs Instrument ist, aus welchem der Meister, der ts beherrscht, alle beliebigen Töne willkührlich helvorzuzaubcrn versteht,eine scheinbare Harmoniezu erzielen im Stande ist, die, in der Realität weit hinter dem Abstimmungsrcsultate zurückblcibt. Wer kennt da nicht die mächtigen Einflüsse, die hinter den Coulisscn wirken, die Maschinerie, welche die Stimmenden wie Automaten zur Urne treibt, zumal in einer kleinen Gemeinde, wer sind sie da die Tonangcbcr, die Führer der Wähler? Sind es etwa Männer die vom Feuereifer für Religion und Glaube erglühen oder für jüdische Wissenschaft begeisterte Kämpfer? Wie soll der heutige Wähler, dem jede Sach- und Fachkcnntniß, dem jüdisches Wissen wie moderne Bildung gleichmäßig abgehcn, eine Persönlichkeit beurthcilcn, die die geistige Stütze der Synagoge und Schule, der Führer und Lenker, der Rathgeber der Gemeinde zu sein berufen ist. Welchen Maaßstab zu dieser Bcurthcilung trägt der weitaus größte Theil der Gemciudeglieder in sich? wie soll er über das hebräisch-theologische Wissen, wie über seine Qualification zum Prediger, zum Lehrer der Schule urtheilen, wenn er nicht nur Laie sondern absoluter Ignorant ist. Im besten Falle, wenn er ehrlich ohne fremde Becinflußung selbständig seinen Wahlzcttel schreibt, so folgt er einem bloßen Instinkte, einen fiüchtig ausgenommcncn dunklen Eindruck oder er läßt sich von einem schnell gefaßten Vorurtheil vom Scheine, vom Hörensagen leiten. Meistens aber müssen wir gestehen daß ihm der Impuls von Außen kommt. Ein großer Theil ist in geschäftlicher Abhängigkeit von dem Geldaristokraten denen, weil eben in letzter Zeit das Wasser aus ihre Mühle lief, der Kamm gewachsen ist und als Parvenüs von einem unersättlichen Heißhunger nach der Führerschaft geplagt find. Da treten daun auch die Sippschaften mit ihrer alten Berbissenhcit die klatschsecligen Gevatterschaften in die Arena der Wahlschlacht. Nicht minder thätig ist die leicht bewegliche Phantasie und Zunge der Damen, die dem Candidaten oft wohl oder wehe thun. Wie soll nun da die Stimme des parteilosen, unbefangenen, der in der Minorität ist, turchdringen, wie soll da gesunde Logik, verständiger Sinn, Kenntniß und Erfahrung siegen. — Ja wir haben es selbst gesehen, daß durch das Zusammenwirken solcher so eben gcschckdeter Wahlvorgänge ein Rabbiner aus der Urne hetvorging, dem selbst das bescheidene Maaß hebräischer und talmudischcr Kenntnisse, wie cs heute beansprucht wird, abgmg, der nie zuvor im Amte fungirte, der nie in einer Schule oder privatim pädagogischem Kreise wirkte, der die deutsche Sprache radebrechte, in jeder Predigt ein paar Dutzend grammatische Schnitzer häufte, und selbst in derConversation eine dem Ohr weh lhueude mühsam gezwungene Pronunciarion und schwere Zunge hatte. — Aber einige sich weise und gelehrt dünkcnde Führer und eine Schaar Sentimentaler trugen ihn aus ihrem Schilde empor. Es war nämlich dem Eandidalcn leichten Kaufs gelungen in der dramatischen Rührscene des Bcdeckens einer Braut aus den Thränendrüfen der sentimentalen Weiber weidlich Wasser zu pumpen und die obliga en Thräuen leichter in Fluß zu bringen. Seitdem war der Sieg entschieden, und das Weitere that die Indifferenz der Emen, die Ignoranz der Andern die Ralhlosigkcit der Schwachen, und das Ausdemwcgegehen der Einsichtigen. Dle wahrhaft bedauerlichen und nachtheiligen Nachwirkungen dieses Wayl.. oduö könnten nach unserer Ansicht durch folgende Maaßregeln gemildert werden. I. Um die Autonomie der Gemeinde und jedem Einzelnen sein Stimmrecht zu wahren sollen durch allgemeine Abstimmung Wahlmänner gewählt werden, deren Zahl gleich der Anzahl der Mitglieder dcö Gemeindcvorstandes sein könnte, und diese mit den ohnehin gewählten Vorstandes- Mitglicdern vereint hätten das Co mite zur Wahl des Rabbiners zu bilden. Diese indirecte Wahl gewährt jedenfalls mehr Bürgschaften, daß ruhige, gebildete fachwissenschaftliche und partheilose Männer die sich durch ihr Vorleben und Charakter als solche bewährten, berufen werden dürsten. Auch ist dieser Vorgang in vielen Gemeinden der übliche. II. Sollte von Zeit zu Zeit in der Haupstadt eine frei gewählte und holl ortig autorisirte aus Rabbinern und gelehrten Laien zusammengesetzte PrüfungsComission für Rabbinats - Candidaten tagen, deren Diplome den Landgemeinden die Beruhigung gewähren würde, daß der Candidat unfehlbar die nöthige Qualification besitze. Besteht die Comission aus den ersten Capacitäten so wird Ihre Antorität genügen Vertrauen zu erwecken, die in Prag zuletzt tagende Notablcn-Versammlung hat die Einsetzung einer solchen Prüsungs-Comission angestrebt, nur will es uns bedünken, daß die in dem damaligen Entwürfe an den Candidatcn gestellten Anforderungen ein gar zu bescheidenes Maaß aufftellten. Möge cs damit bald Ernst werden, da mittlerweile jede Gemeinde bei Rabbincn-Wahlen in ihrer Verlassenheit Mißgriffe zu machen Gefahr läuft. Das Suffrage universel bei den Rabbinen-Wahlen ist nur ein Brauch und keineswegs im Gesetze begründet, und die Gemeinde-Repräsentanz ist gesetzlich alleFunctionäre zu wählen ermächtigt. Wenn es irgendwo gilt odi profanum vulgus et arceo so ist es gewiß da, wo die heiligsten religiösen Interessen oft für eine ganze Generation bloß zum Spiele des Zufalls der Böswilligkeit oder des Eigensinns und gemeinen Parthei-Interesscs herabgewürdigt wird, und wenn durch dessen Vorschlag auch nicht alle Unzukömmlichkeiten ganz beseitigt werden können, so ist doch die Aussicht gebothen, daß sie gemildert und auf das kleinste Maaß gebracht werden und dieses macht ihn gewiß empfchlenswerth. Nachbemerkung der Redaktion. Obiger Artikel aus der Feder eines tüchtigen, wissenschaftlich gebildeten Laien legt in klarer aus Erfahrung geschöpfter Darstellung die Fäden bloß, die sich bei einer Rabbinerwahl leicht zu einem Gewebe des Mißgriffs bilden, der leider erst zu spät erkannt wird, und wir halten namentlich den Vorschlag einer indirecten Wahl für höchst praktisch. Die Erfahrung hat es gelehrt, daß bei einer directen allgemeinen Wahl, gerade die intelligenten maßgebenden Wähler in der Minorität blieben, und ein oder das andere von dem Vers, angegebene Motiv bei der Wahl den Ausschlag gab. Die Wahl durch den Vorstand allein hat sich ebenfalls nicht als zweckmäßig erwiesen, indem es oft vorkam, daß gerade die zu einem Urtheil am meisten befähigten Persönlichkeiten ganz umgangen wurden, und einen von Unwissenden und Unberufenen, oft nicht aus lauterer Quelle ausgegangene Preßion ein unglückliches Wahlresultat durchsetzte. Ein nach dem Vorschläge des Vers, zusammengesetztes Wahlcomite würde mindestens den häufig in die heftigsten Parthcikämpfe ausartcnden Agitationen ein Ziel setzen. Hingegen hat der zweite Vorschlag des geehrten Herrn Verfassers Betreffs einer Prüfungskomission in der Hauptstadt weniger mit der Rabbinerwahl zu thun, da doch vorausgesetzt werden muß, daß nur solche Bewerber austreten werden, die ihre Qualifikation zum Rabbinate Nachweisen können. Locale und auswärtige Neuigkeiten. Prag. Die Buchdruckcreibesitzer und Verleger Herren Senders & Brandeis haben anläßlich der Ueberreichung de» von Ihnen gesammelten und herauSgegebencn literarischen

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