Mannheim
Compact Memory

Das Abendland · 1867-07-25 · 15 (25.7.1867) · p. Seite 117

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Abendland
Volume
IV (1867)
Issue
15 (25.7.1867)
Date
1867-07-25
Page
Seite 117 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9050333-9088986-9051016--0697-9051021
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

117 ball in den Händen des Clcrus. Ludwig konnte gegen ihn als gegen seinen Neffen auch nicht wie gegen Landsfriedenstörer strenge einschreiten. — Es ist wohl wahr, daß zu jener Zeit die Juden ein Gegenstand der öffentlichen häufig in bestialische Grausamkeit ausarteuden Verfolgung waren, und wenn ähnliche Auftritte sich auch unter Ludwigs Regierung ereignet hatten, was von Grätz wohl behauptet wird, andcrseitig aber aus den historischen Schriftstellern jener Periode nicht nachgewiesen werden kann, so waren sie nur eine Folge des damals sich immer mehr und mehr hervordrängenden geistlichen Einflusses gewesen; „„Ludwig der Baicr hat eine solche Be-" „Handlung seiner jüdischen Unterthanen nicht nur nicht ge-" „billigt, sondern er ist ihnen auch wie schon erzählt, mit aller,, "Energie entgcgengctreten"", so daß der Clerus und durch dessen Aufreizung das Volk in ihm keinen eifrigen Christen zu erblicken glaubte (Bergmanns Geschichte von München p. 35, 39). So erzählt Joh. Vitoduranus p 1914, übrigens oft ein eifriger Vertheidiger des Kaisers gegen die Machtsprüche des Papstes, „wie Ludwig durch seine Vorsorge im Jahre 1346 in München den Ausbruch einer Judenverfolgung verhütete", er mußte all sein Ansehen, und alle öffentliche Gewalt endlich anwenden, als die Eltern eines getödteten Kindes die Juden als Thätcr beschuldigten und mit ihrer Klage kein Gehör bei Ludwig IV fanden. Haufenweise sammelte sich das Volk bei dem Grabe des Kindes; schon erfolgten Mirackel, ein hohes Kreuz wurde errichtet und rings umher eine Menge Hütten zur Unterkunft und Verpflegung der immer mehr sich drängenden Menge. Ludwig ließ das Kreuz abnehmen und die Hütten entfernen, da aber Niemand aus die gegebenen Befehle achten wollte, mußte die Zerstreuung des Volkes mit Gewalt geschehen. Daß der Pöbel schmälte um ein Spectakelstück gekommen zu sein, ist begreiflich, aber cs kennzeichnet den Charakter der damaligen Zeit und die Lage unseres Ludwig, wenn die Geistlichen damals versicherten, der Kaiser habe die Liebe seines Volkes durch diese abscheuliche gegen den katholischen Glauben zu Gunsten der Juden unternommene Handlung gänzlich verloren. (Vit-odurarnus.)— Wo solche historische Facta Zeugenschast ablcgen, da fällt es wohl nicht schwer Ludwig den IV auch vor dem Richterstuhle der jüdischen Geschichtsforschung zu vertheidigen, und ich glaube gegen die historische Wahrheit und Gerechtigkeit nicht zu verstoßen, wenn ich diese Schilderung mit den Worten Leuchs, mit dessen Worten ich sie auch einleitete schließe: „„Ludwig der Vierte, der Bai er, unstreitig der größte Mann" „des vierzehnten Jahrhunderts in Baiern, in Deutschland," „in ganz Europa! Groß als Regent, groß als Held, groß" „als Christ und groß als Mensch, immer nach der aller-" „strengsten Bedeutung des Wortes."" Replik. (Fortsetzung) Der 2. Punkt, über den ich mein Bedenken ausgesprochen, war das von allen anwesenden n'bi# zugleich gesagte tPHp. Herr Dr. Stein sucht diese Gebahrung durch die Unzukömmlichkeiten und Ruhestörungen, die die alte Art das zu sagen, in so manchen Gemeinden verursacht, zu rechtfertigen. Gibt es denn aber keinen andern Weg konkurirende Ansprüche zu schlichten und sich kreuzende Rechte auszugleichcn, als das ,t,t xS “f? a: H m, dem das Aushülfsmittel des Schcinkadisch gleich kommt? Unordnungen und Wiedersetzlichkeit hintanzuhalten, das ist Sache des Vorstandes, der in Kollissionsfällen das Gutachten des Rabbiners einzuholcn hat und dessen Anordnungen Respekt zu verschaffen wissen wird. Uebrigens muß man es der Neuzeit lassen, daß der alte Geist der Insubordination und Ovpositonssucht, der stets zur Selbsthülfe griff, in unfern Gemeinden immer mehr schwindet und der Sinn für Ordnung und Disziplin mit jedem Tage erstarket. Es werden daher die Einzelnen sich fügen und bescheiden, ohne daß von religiöser Seite Concessionen gemacht werden müssten. Daß ich bei dieser Gelegenheit die Scheu vor dem Ehrwürdigen verletzt hätte, wird wohl selten ein Unbefangener aus meinen Worten herauslesen. Nicht der schon durch die Zeit geheiligten Institution, der Niemand seine Achtung versagen wird, sondern der damit getriebenen Fälschung galt der Tadel; gegen die Eskamotage eben, mit der der Kern einer Frucht unmerklich herausgenommen, und dem Volke die hohle Hülse hingereicht wird, hatte ich meine schwache Stimme erhoben. Ob wie Herr Rabbiner Wiesner meint, dieser Gemeinkadisch bei den Sephardim üblich ist, ist mir nicht bekannt, es kann dieß übrigens die Ansicht über die Sache selbst nicht alteriren. Was ich endlich gegen den Gebrauch des Priestersegens am Schluffe der Predigten gesagt, wird von Herrn vr. Stein nicht einmal zu widerlegen versucht; er glaubt es bloß mit der Bemerkung, daß man dieselben Sprüche auch bei dem Segnen der Kinder anwende, ad absurdum führen, und mit einer unziemlichen Phrase vollends todtschlagen zu können. Nun hätte ich wirklich geschlafen, den von meinem geehrten Herrn Gegner erfolgten Angriff, hätte ich allenfalls auch im Schlafe pariren können. Wie! merkt Herr Dr. Stein nicht den Unterschied, der dazwischen liegt, daß der Eine, privatim im Stillen, seinem eigenem Kinde, in seiner Eigenschaft als Vater den Segen ertheilt, während der Prediger, den Priester imitirend, von der nämlichen heiligen Stätte, öffentlich wie derselbe, und wie derselbe der ganzen Versammlung den Segeu zu spenden sich berufen dünkt! Herrn Rabbiner Wiesners Entgegnung ist auch hier weit triftiger, indem er außer der bereits von mir selbst berührten Differenz der Sprache, auch noch andere unterscheidende Momente, namentlich das ganz verschiedene Stadium des Gottesdienstes geltend macht. Der Bemerkung gegenüber, die ich derartigen Einwürfen schon im Vorhinein entgegen hielt, daß nämlich diese unbedeutenden Formverschicdenheiten, bei der Gleichheit in der Hauptsache, nicht genügen dürften, alle Skrupel zu beseitigen, besonders bei freisinnigen Männern, die mehr auf den Geist als auf den Buchstaben, 'auf das Wesen mehr als auf die Form sehen, meint dieser Herr Gegner, es sei nicht statthaft Rationalismus und Kasuistik gleichzeitig ins Feld zu führen. Nun muß ich gestehen, daß ich allerdings der Ansicht bin, es habe auch die rabbinische Kasuistik auf rationeller Basis zu beruhen, und es wären die Gesetze der Logik auch hier innerhalb der von der heiligen Schrift und der mündlichen Ueberlieferung gezogenen Schranken in Anwendung zu bringen. Nur soll das nicht mit jener destruktiven Tendenz geschehen, die den Rationalismus als Hebel gebraucht, um talmudische und hie und da auch biblische Vorschriften zu untergraben und abzuschütteln, sondern man habe im Gegentheil ihn dazu zu verwenden, um diese zu stärken, zu regeln und in richtige Bahnen zu lenken. Der Fortschritt des menschlichen Geistes in der Gegenwart soll auch im Judenthume seine Geltung finden, eine ehrliche Reform (sit venia verbo) habe aber dafür zu sorgen, daß auch Erleichterungen, welche oft auf Grund von Fiktionen und unlogischen Haarspaltereien eingeräumt wurden, vor dem Richterstuhl einer gesunden Kritik gebracht, und wenn unhaltbar, znrückgewiesen werden. Auf unfern Fall hier angewendet, sehen wir das Berboth i'Ld nxx^mn im Talmud bereits vorausgesetzt, es ist ein Axiom, das gar nicht erörtert, ja nicht einmal förmlich ausgesprochen wird, der Gedanke ist so bekannt, daß man nur weitere Folgerungen daran zu knüpfen für nöthig hält. Wir haben es also hier offenbar mit einer al-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.