Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 15 (25.7.1867)
- Date
- 1867-07-25
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9050333-9088986-9051016--0695-9051019- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
115 schcs Auge nid t verschließen, und müssen offen erklären,daß der Thalmudlhcra bisher die Hauptingrcdicnzicn zu einer wissenschaftlichen Ralbiuerschule fehlen. Wir wollen durchaus daß Detail nicht schuldig bleiben. Zunächst fehlt in der Kette des Ilnicrrichtßplanß für daß eigentliche Thalmudstudium daß wichtigste Glied, der eigentliche Ucbcrgang, die eigentliche Brücke zu den höher» pilpulistischen Vorträgen. Diese setzen eine Fertigkeit im Selbststudium voraus, die wiederum durch eine eigene den Forschungßtricb wach rufende und belebende Methodik erlangt wird. Durch diese Methodik lernt der Schüler, maß beim Thalmudstudium das Wichtigste ist, sich allein durch die dialektischen steilen oft unwegsamen Pfade des Thalmud Bahn zu brechen. Bei dieser nuferer Anstalt fehlenden Mittelklasse wird der Schüler nicht geprüft aus dem was er gelernt hat, sondern aus dem was er nickt gelernt hat, wie man ungefähr die Fähigkeit eines Musilschülers dadurch erprobt, daß man ihn ein Stück a prima vista spielen läßt. In der Terminologie des frühcrn Talmudunterrichtes hatte man für dieses Sich selbst helfen den Ausdruck „lcieuen". — Es muß daher in der Thalmudthora für einen Unterricht gesorgt werden, wobei die Schüler lernen. Lernen ohne diese Fertigkeit führt allen Fleiß nicht zum Ziele. Wer könnte auch Zeit gewinnen, das ganze „Meer" des Thalmud unter Leitung eines Lehrers zu erschöpfen? — Ein anderer Mangel der Thalmudthora ist, daß nicht für einen gründlichen wissenschaftlichen Unterricht in der hebräischen Sprache.Sorge getragen ist. Wir verlangen von den Rabbiucn der Gegenwart nickt, daß sic nach einem alten Ausdruck mit ihrem Scharfsinne „Berge ausreißen und sie aneinander stoßend zermalmen." — Für solche überflüssige Geistcsgymnastik fehlt unserer Zeit ebenso der Geschmack wie das Bcrständniß; was wir aber vom wissenschaftlichen und geläutert religiösem Standpunkte aus zu fordern berechtigt sind, ist r das; unsere Theologen tüchtige Hebräer in der vollsten Bedeutung des Wortes seien. Wir würden niemals einen modernen Rabbiner als seinem Fache gewachsen anerkennen, der nicht bei gründlicher Kenntniß der hebräischen Grammatik die24 Bücher der heiligen Schrift in der Ursprache mit Benutzung der wichtigsten jüdischen ältern Commcntaricn studirt hat, der nicht ein gutes korrektes Hebräisch schreibt. Es ist dies im Interesse der jüdischen W i ss e n sch a f tli ch ke it um so wichtiger als in unserer Zeit manche hebräische Vcrseschmiede — man nennt sie auch Dichter — mit der Grammatik nicht auf dem besten Fuße stehen. Die anständige Ausstattung eines Rabbinen verlangt noch mancherlei Kleinigkeiten, welche theils die alte theils die neue Zeit als unentbehrlich betrachtet. Unsere Zeit, d. i. die Zeit Ihres Correspondcnten gestattet es nicht, diese Kleinigkeiten ausführlich zu besprechen, wir wollen nur die wichtigsten derselben nahmhast machen: Rituelle Casuistik, rcligionsphilosophische oder Tcchunalitcratur, thalmudische Sprachkundc, Targumim, jüdische Geschichte, jüdische Literaturgeschichte. Weniger Gewicht legen wir auf Homiletik, die leine eigentliche Schuldoktrin ist. Sic ist eine innere Anlage, die sich in Folge der allgemeinen und ästhetischen Bildung von selbst entwickelt. Es gibt wohl allgemeine retorische Regeln, die jeder Prediger kennen muß, aber eine besondere jüdische Homiletik in abstracto gibt es nicht; in concreto gibt es allerdings eine jüdische Homiletik nähmlich die bereits erschienenen und noch zu erscheinenden guten Predigten jüdischer Kanzelreduer, allein dieser Literaturzweig ist mehr Gegenstand der Lektüre als des Unterrichts. Wie bereits erwähnt kennen wir den Entwurf der Thalmudthora-Eomissioli gar nicht, Nach seiner Vaterschaft läßt sich nur Gutes und Gediegenes von ihm erwarten. Der Obmann der Comission, ans dessen bewährter Feder er hervorging, Herr Prof. Dr. Wessely ist ein Mann, dessen Eifer für den Fortschritt des Iudenthums über allen Zweifel erhaben ist, und der selbst in der jüdischen Wissenschaft einen hohen Rang eiuuimmt; wir hielten jedoch unsere Bemerkungen weder für überflüssig noch für voreilig, weil es einerseits Aufgabe der Journalistik ist, die öffentliche Meinung für das Gute zu klären und zu gewinnen, anderseits weil unser Standpunkt — wir gestehen es in Demuth — ein ideeler ist, der mit den faktischen Verhältnissen und pekuniären Mitteln nicht rechnen mag, dem es ein Privatvergnügen macht, der Welt zu sagen, wie die Sache sein soll nicht wie sie sein kann. Es ist dieses Verfahren doch so ganz unpraktisch nicht, indem jedes Ideal nur eine gewisse Zeit braucht, die es der faßbaren Realität zuführt. Heute Herr Redakteur! hat Ihr Drinniger die Rolle des Berichterstatters über die erwähnte Sitzung der Cultusgemeinderepräsentanz übernommen und Sie wollen gefälligst auch der Behandlung des letzten Punktes im Program einen kleinen Raum gönnen. Ein Antrag des Herrn Dr. Raudnitz auf Gehaltserhöhung des Herrn S. Heller, der an der Thalmudthora die lateinische und griechische Sprache lehrt, wurde aus dem Grunde abgelehnt, weil indirekt in dieser Bevorzugung eine Zurücksetzung der beiden Herrn Lehrer des Instituts Dr. Stein und Dr. Rosenauer liege. Wie wir hören, soll nun ein neuer Antrag auf eine Remuneration an die genannten 3 Herren eingebracht werden. Ob nun wohl nicht jemand sagen wird, daß in der Genehmigung dieses Antrags wiederum eine Zurücksetzung der andern an der Anstalt wirkenden Lehrer liege? — Ludwig iv. der Laier, angeklagt und verteidigt vor dem Nichterstuhle der jüdischen Geschichtsforschung. oon Leopold Wolf in Prag. (Fortsetzung.) Es ist wohl bekannt, daß Deutschland kaum je eine so leidensvolle Periode durchlebt hat, als die um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Davon fällt jedoch der bei weit geringere Theil unter die Regierungsperiode unseres Kaisers Ludwig IV; der größere Theil gehört dem Regimente Karls IV. an. Was nun die Ludwig'sche Periode anbelangt, so brach nach der durch die Jntriguen der lupenburgischen Parthei herausbeschworenen Doppelwahl Friedrichs von Oesterreich und Ludwig von Baiern zunächst ein langer innerer Krieg um die Krone zwischen den Häusern Habsburg undWittelsbach aus, der die südlichen und westlichen Theile des Reiches hart drückte und nach damaliger Kriegsweise die Länder verheerte. Der Thronstreit endete zwar mit Friedrichs Gefaugennehmung in der Schlacht bei Mühldorf 1322, allein nun begann der noch härtere Kampf Ludwigs mit der Kirchengewalt gegen den Papst Johann XXIl. und später gegen den Nachfolger Clemens VI. dessen schlimme Folgen aber das Volk in der langen Zeit des Interdikts und der damit verbundenen Wirren und leidenschaftlichen Zwiste schwer fühlen musste. Das kaiserliche Regiment nach außen beschäftigt, konnte daher im Innern nicht hinreichend Ordnung und Gesetz handhaben; am fühlbarsten war der Mangel einer geordneten Rechtspflege, des Grundpfeilers alles staatlichen Lebens. Während in den Städten Zunftunruhen tobten, lagen die Großen, weltliche wie geistliche, mit wenigen Ausnahmen, in beständigen Fehden miteinander, verloren die großen Kirchen — und Reichsfragen ganz aus den Angen, und unbekümmert um den allgemeinen Schiffbruch mühte sich jeder nur ab, die eigene Habe zu sichern und zu vergrößern, blind vorab hinsichtlich der schlimmen Folgen für das geistige und materielle Wohl des Volkes. Unsäglich litten die Bewohner des flachen Landes, die von Zeit zu Zeit noch durch Mißwachs, Hungersnoth und andere Unglücksfälle heimgesucht wurden, wie z. B. 1338 durch ungeheuere Heuschreckenschwärme, 15*