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Das Abendland · 1867-06-13 · 12 (13.6.1867) · p. Seite 92

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Journal
Das Abendland
Volume
IV (1867)
Issue
12 (13.6.1867)
Date
1867-06-13
Page
Seite 92 (sequence 4)
Language
German
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92 ober Creditkrisis, welche durch die Lasten des fort und fort zu leistenden Kriegsdienstes und dem eing'rissenen Luxus noch gesteigert wurde. In dieser verzweiflungsvollen Lage ließ sich das fanatisirte und hungernde Volk zu den wildesten Auflaufen und Verfolgungen der Inden Hinreißen. An ihre Spitze traten einige Herabgckommene vom Ade! und beraubten und tödteten viele Juden. In fast grausenerregender Kürze zeichnet dieses der bedeutendste Geschichtsschreiber jener Zeit, Johannes Vicwriensis, mit den Worten: Thesauris bonis, litteris eorum spoliati, subraersi exusti precipitati eviscerati misere perierunt. (Böh.ner Font. I 4:H) Fragen wir nach den Ursachen dieser gräuelhaften Auslaufe und Iudenschlachten in dieser Periode, so können wir die Ansicht, es sei religiöser Fanatismus der Hauptgrund derselben gewesen, auf das Entschiedenste festhalten, die Hauptursache lag in den religiösen Gegensätzen und den dadurch hervorgerufenen fälschlichen Verdächtigungen in Betreff einer Brunnenvergistung, Kinderschlachten u. s. w. Der zweite nicht geringer anzuschlagende Grund ist in den materiellen Interessen zu suchen, die Juden waren die Herren des Geldes während die christlichen Corporationen des Reiches von den Fürsten bis zu den städtischen Communen und den Klöstern ein schwerer Geldmangel drückte. Brauchten Corporationen, wie einzelne Geld, so waren sie gezwungen zu denen zu gehen, welche allein damit Geschäfte machten, zu den Jaden. Ihr Reichthum erweckte den Neid und einen tiefen Haß bei dem großen Haufen, wie bei den Schuldnern. Die Entstehung der großen Judenschlachten erklärt sich vollständig durch die große Geldkrisis der damaligen Zeit, und den materiellen Ruin, dem das deutsche Reich in seinen Gliedern verfallen war und zu verfallen drohte, denn in den großen Städten zur Uebermacht gelangten Pauperismus und die dadurch entstandene Untergrabung der öffentlichen Gewalt. Das Unglück traf zumeist die Reichsstädte, in denen sich von Hunger getrieben eine große Masse armer Leute zusammeufand „die niet zu Verliesen enhatten“ wie es in einer Urkunde über die Verfolgung der Cölner Juden bei Laeomblet III. 293 heißt. Das herrschende Patrieiat, unmächtig und feig, bei schlechter Verwaltung des städtischen Haushaltes, nur der Prunksucht und der Ausschweifung fröhnend, ließ von dem Sturme überrascht, das gemeine Volk seiner eigenen Selbsterhaltung wegen austoben, und ließen die Juden die Blitzableiter der gegen sie sieh erhebenden Stürme sein. Dazu mangelte in jener Zeit eine Alle in gleichem Maße beherrschende oberste Gewalt, es fehlte die Furcht eines allgemein geltenden Gesetzes, das jeden mit Strenge für die Störung der öffentlichen Sicherheit verantwortlich machte und den Frevler strafte. „Um mit einem Worte den ganzen Charakter jenes grausamen Umsturzes zu bezeichnen, so war er nichts anderes, als eine soeiale Revolution, die blutige Lösung der socialen Frage in der Mitte des 14. Jahrhunderts" freilich war das keine wahre und genügende Lösung, und daher dauerte das Uebel fort. Hatte sich in den Jahren 1348 und 1349 unter Karl IV. die Verfolguugssncht hauptsächlich gegen die Juden gewandt, so richtete sich gegen das Ende des 14. Jahrhunderts der Haß noch weit mehr gegen die Geistlichen, wenigstens im südwestlichen Deutschland. Man jagte 1386 in Worms die gesai mte Geistlichkeit ans der ' Stadt, schleppte sie später gewaltsam wieder hinein und kerkerte sie ein. Und bei den Bauernaufständen im 16. Jahrhundert zog der Bundschuh verheerend durch deutsche Gaue, wobei die Wuth hauptsächlich gegen den Adel entbrannt war der bekanntlich damals schwere Lasten auf seine abhängigen Leute gewälzt hatte, so wie der niedrige A'el und die niedrige Geistlichkeit im 14. Jahrhunderte die Wuth des Pöbels von sich ab und auf die Inden gewälzt hatte (Vergl. Colombel: die Judenverfolgung in der Mitte des XIV. Jahrhunderts.) Diese Nemesis in der Geschichte erinnert muh stets lebhaft an den Spruch unseres Lehrers Hillel. navr>n by„ "psyiB' S]1D1 -paBK Noch hat das Judeiithum and die Judenschaft immer alle ihre Widersacher überdauert, und die Stürme vergangener Zeiten haben den Bestand derselben i wohl gefährdet, waren aber nicht im Stande die Träger des Glaubens an einen einzigen Gott nach der Absicht ihrer zahlreichen Feinde ganz und gar zu vernichten! Älte Urkunden von Ludw g Lichtschein Rabbinats-Assesor in Gr. Kanizsa. H'rr Leopold Wolf fordert in Neo. 9 des „Abendland" im Interesse jüdischer Geschichtsforschung, sämmtliche Geschichtsforscher aus, daß diejenigen, die sich im Besitze jüdischer Urkunden befinden, dieselben in den betreffenden jüd. Zeitschriften veröffentlichen mögen, und wo möglich für deren Veröffentlichung Sorge zu tragen. Diese einzelnen Mittheilungeu und Veröffentlichungen könnten dann einst die Grundlagen eines jüd. Archivs bilden. Von derselben Idee durchdrungen, habe ich denn auch vor einigen Jahren, aus einem selbstständigen Werke „Alte Urkunden" betitelt, woran ich noch während meiner Studienzeit gearbeitet, einzelne Parthien desselben in der „Neuzeit" veröffentlicht. Ich hatte sämmtliche uralte Geschiehtsquellen bezüglich der Geschichte der Juden emsig durchforscht, bearbeitet und habe die Veröffentlichung derselben bis zur Geschichte der Inden in England fortgesetzt. Gestatten Sie mir daher den Faden meiner Quellenforschung abermals aufzunehmen, und die Spalten Ihres geschätzten Blattes einer Reihe von Artikeln, als Fortsetzung derselben zu eröffnen. I. Die Juden in England. Den Zeitpunkt zu bestimmen, wann die erste Ansiedlung der Juden iu England stattfand, ist eine etwas schwierige Aufgabe des Geschichtsforschers, da die Angaben hierüber sehr verschieden sind. Doch dürfte man als das Wahrscheinlichste annehmen, daß schon zur Zeit der Römerherrschast als selbe nämlich Britanien erobert, die Juden aus Italien sich dahin begaben, da wir eine Spur derselben schon zu Constantins Zeiten (gest. 337. n. gew. Zeitr.) in England finden. Daß nun König Wilhelm im 11. Jahrhunderte an die Juden in den verschiedenen Ländern eine Einladung ergehen ließ; wieder nach England zu kommen, ist durch den Umstand erklärbar, daß die Inden im Laufe der Zeit, wahrscheinlich durch mannigfaltige Verfolgungen und Unterdrückungen in die nothwendige Lage versetzt wurden, den Wanderstab zu ergreifen und das Land zu verlassen. — Wohl behauptet Cave in seinen (0loservations ä' Angleterre) (p 272) „Les premiers juifs, qui sont venus en Angleterre y passerent avec Guiliaurae le Conquerant“ d. h. die ersten Juden, welche nach England gekommen, kamen dahin mit Wilhelm dem Siegreichen — jedoch hat erftere Behauptung bei genauerer Forschung mehr Wahrscheinlichkeit für sich. Die Stellung der frühern Juden in England war allerdings eine gedrückte, denn obschon sie in England zerstreut lebten, dursten sie dennoch nur einen einzigen Gottesacker zu London besitzen, wohin sie aus den entferntesten Orten ihre Todten zu bringen geuöthigt waren. Erst anno 1177 erkauften sie von König Heinrich II. durch eine ungeheure Geldsumme die Freiheit, daß sie an allen Orten in England, wo sie seßhaft sind und eine Gemeinschaft bilden, einen Todtenacker anlegen dürfen. Bgl. hierüber Jost. 3. B. s. 134.) — König Heinrich II. presste die Juden durch ungeheuer große Abgaben, so daß er sogar alle Juden, welche zum Christenthnme übertraten, zwang, wieder zum Judenthum zurück zu kehren, weil er von Ihnen als Juden mehr er-

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