Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 11 (30.5.1867)
- Date
- 1867-05-30
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
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84 lebendig gleich der Sage von einer goldenen und glücklichen oder doch glorreichen Zeit. Karl, der Sohn des ritterlichsten aller damaligen Fürsten, der für den Spiegel echter Turnier- und Kampfsitte gehalten wurde, er, der Sohn einer der tieffühlendstcn Frauen, die uns die Chronik des Köuigsaaler Abtes Peter von Zittau in schönen Zügen schildert, war ein Freund der Wissenschaften, beschäftigte sich gern mit Naturkunde, und zeigte sich der Geschichtsforschung so ergeben, daß Neplacho, Pulkawa, Weitmühl und Marigerla größtentheils auf seine Veranlassung ihre Chroniken schrieben. Er schätzte und belohnte Dichter, und stand mit Petrarco in einem sehr innigen Verhältnisse so daß dieser ihn im Sonnet C C folgendermassen besang: Real natura, angeltco inteiletto Chiar’ alma, pronta vista, occhio cerviero: Providenza veloce, alto pensero, E veramente degno di quel petto & & &. So kam es auch daß Acneas Sylvins, später als Papst Pius II, der bald nach Kaiser Karl IV Zeit lebte, und Böhmen aus eigener Anschauung kannte, in seiner böhmischen Geschichte behauptete: „Damals habe cs kein Reich gegeben, welches mit Böhmen hätte verglichen werden können" „Nullum regnum ea tempestate inveniebatur, quod ßegno Boemico coinparari posset.“ Gleiches versichert auch Balbin in seiner lateinisch geschriebenen Lebcnsgeschichte des Erzbischofs Arnest: „Karl hinterließ das Königreich Böhmen, welches er von seinem Vater Johnn als ein eisernes bekommen hatte, als ein golden es." Wir finden wirklich Kaiser Karl IV. in seinen Bestrebungen und in seinen Leistungen für Böhmen unbestreitbar des hohen Ehrennamens, eines „pater partiae“ „eines Vater" des Vaterlandes werth; auf Böhmen, dessen innere Wohlfahrt und Stärkung — damit es ihm für die Plane in Ausland Roß u. Mann, Geld u. Gut in Fülle biethen könne, — warf er die Hauptsorgfalt eines rastlosen Gemüthes. das erfinderisch und nachahmend das Wohl seines Stammlandes fest zu gründen und fortzubauen verstand. „Ein ganzer Mann und Mensch, gefürchtet und geliebt auf Böhmens Thron zu sein gelang ihm edlig. (Schneller Böhmens Schicksal und Thatkrast). Doch Ehrgeiz und Herrschsucht warfen nur allzubald ihre Schatten auf das Lichtbild des Kaisers. Es war die ungerechteste That seines Lebens, daß er sich ohne Einwilligung seines Lehnhcrrn des noch lebenden römischen Kaisers bloß auf Antrieb des Avignonischen Papstes zum Throne der Deutschen drängte, und sich dem edlen Ludwig dem Baier als Gegenkaiscr auswars. — Es trägt eben auch nicht zur Erhöhung seines moralischen Ansehens bei, wenn Karl IV. sein noch nicht geborenes Mädchen, welches aber in den nächsten 5 Jahren zur Welt kommen würde, mit einem ebenfalls bloß möglichen Knaben des Burggrafen von Nürnberg verlobte, um seinem Hause Aussichten aus die Hohenzollerschen Lande zu verschaffen. Eben so wenig edel sind die Berechnungen, nach denen er seine eigenen drei Ehen schloß. Nach dem Tode seiner ersten Gemahlin, der Bourbonischen Prinzessin Blanca die ihm ein großes Vermögen mitgebracht hatte, vermählte er sich mit der Tochter des Besitzers der Obcrpfalz, durch die er große Landstriche des damaligen Palatinats an der Donau als Brautschatz bekam, uud noch größere als Erbtheil erwartete: Doch der Tod der Kaiserin-Königin und der Hintritt des kaiserlichen königlichen Prinzleins vereitelte zum Theil diese glänzende Aussicht: So both nun Kaiser Karl IV. der erstaunten Welt das komische Schauspiel eines Brautpaares dar, wo ein zweimaliger Wittwer ein vierzehnjähriges Mädchen, die vermutliche Erbnichte des Herzogs von Schweidnitz uud Iauer, durch Kniffe und Pfiffe durch Verträge, wo die Sorgfalt und Rücksicht ans alle mögliche Fälle fast ins Lächerliche ging, als seine Gattin heim führte. Als nun diese zu Nürnberg einen Sohn. Wenzeslaw gebar, da schrieb der entzückte Vater: „Freut Euch, ihr Herzen Unserer Getreuen! Jubelt;" „Frohlocket, geliebte Unterthanen! Feiert Feste ringsum, ihr gesegneten Völker!" „Jubelt ihr Reiche und Arme ihr Junge uud Alte jauchzet!" — Welche Hoffnungen hegt ein Vatnher; an der Wiege seines Kindes, und wie sehr werden sie oftmals getäuscht! Der gepriesene Knabe, s p ü t e r K ö n i g und Kaiser, ward der faule Wenzel benannt! In demselben Verhältnisse wie Karl IV sein Erbland Böhmen begünstigte, und das Interesse des deutschen Reiches hintansetzte ging es auch den Juden unter seiner Regierung. In Böhmen wurden sie geschützt, uud mit Privilegien bedacht, wie das namentlich bei der Gründung der Neustadt Prags der Fall war, (vergl. meinen früheren Artikel: Memorabilien der Prager Judenschaft III der Judcugarten auf der Neustadt Prags in Nr. 8 d. B); in Deutschland aber begann namentlich unter seiner He r r s ch a f t e i n c t r a u r i g e Z e i t s ü r d i e Juden; u. d a s Jahr d e s H e i l s 1-448 — 1349 kann in Betreff auf sie füglich das Jahr des Unheils g e n a n u t werden, j Im Jahre 1347 nach dem Tode des deutschen Kaisers! Ludwig, der die Judenhetzeu mit Macht nicderhielt, sammelten i sich, kaum hatte Karl IV. den Thron bestiegen, in Deutsch-! land die Geißelbrüder und erneuerten in größerem Maßstabe i ihre jetzt unterbrochenen gräßlichen Wanderungen. Hauptsüch-! lich waren die Rheinlaude der trauerige Schauplatz ihrer i Raserei! U n t e r d e m R u f e, d i e I u d e n h ä t t e n d i e Brunnen vergiftet, fiel man über die Unglücklichen her. Die Pest nämlich schien sie zu verschonen. Die Verfolgung begann in der Schweiz. In Basel machte der Pöbel ein großes Faß, setzte dieses aus den Rhein, füllte es mit gefangenen Juden und ließ es dann mit seinem Inhalt ausbrennen. Der bald zum wilden Strom gewordene Aufruhr wälzte sich unaufhaltsam durch die meisten deutschen Länder und Städte. In S tr aßb u rg nahm may die Juden gefangen, willfahrte aber dem Pöbel nicht. Der Magistrat erklärte lant, daß ihm keine Schuld an den Juden bekannt sei; aber das Volk schrie, sie sollten den Flammen übergeben werden. Die ganze Stadt geriet!) in Bewegung, die Behörde wurde verhöhnt, und man nannte sie bestochen. Sie legten ihr Amt nieder, wurden verwiestn und die Verfassung des Rathes geändert. Das Volk wählte einen neuen Magistrat, der sein Amt mit dem Verdammungsurtheile über die Juden eröffnete. Hierauf sollen an 2000 derselben auf dem Markte verbrannt worden sein, bloß die Kinder wurden wie auch anderwärts, zur Taufe gerettet. D i e Güter der Getödteten wurden unter die armen Handwerker vertheilt Wie in Strassburg so bekannte auch in Fr ei bürg und in anderen Städten der Magistrat umsonst die Unschuld der Juden. Als zu Speier die Wuth gegen sie entbrannte, versammelten sie in der Verzweiflung alles Ihrige und ihre Familien, legten Feuer an und starben; nur wenige sollen geflohen sein. Aehnlich ging es in Worms, im fränkischen, in Thüringen u n d M e i s s en, bis n a ch S ch le si e n hin. lieber die Judenverfolgung in Mainz berichtet der gleichzeitige Chronist Heinrich Rebdors: „Im Jahre 1348 entstand in allen Reichen und Städten Deutschlands und den Theilen Frankreichs, wo Juden wohnten eine große Verfolgung derselben, so daß sie nur in wenigen Orten geschützt wurden. Da in Mainz in einem unvorhergesehenen Auslaufe das Volk gegen die Juden aufstand, so gingen plötzlich 300 bewaffnete Juden auf die Christen los, und tödtcten ihrer zweihundert, woraus die aufgebrachten Bürger über sie herfielen und an 6000 erschlugen, weil von ihnen erzählt wurde, daß sie Gift in Säcken in die Brunnen in allen von Christen bewohnten Gegenden schütteten, auch auf andere verschiedene Weise Christen umgebracht, und so^ die Christenheit auszurottcn trachteten, was ,,einige Inden auf der Fo.t.r tiugestanden hatten" (Ereber Script: ver: Germ. I 635.) Ein zweiter Chronist Johann Naukler, Kanzler in Tübingen, gestorben um 1510 berichtet, daß bei dieser Judenverbrennung in der Nähe der Quintinokirche ein solcher Brand entstanden sei, „daß ihr Thurm in Brand gcrathen, und die große