Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 9 (2.5.1867)
- Date
- 1867-05-02
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
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71 Locale und auswärtige Neuigkeiten. Prag. Die Cultusgemeinde-Repräsentanz hat in der am 15. April abgehaltenen Sitzung die Einsetzung eines Comite beschlossen, welches die Reglung des Verhältnisses der einzelnen Synagogen zur Cultusgemeinde zum Gegenstände eingehender Berathungen machen sott, da sich im Verlaufe der letzten Zeit vielfache Mißstände ergeben haben, was gleich im Keime zu ersticken im Interesse der Wahrung des Friedens in der Gemeinde höchst wünschenswerth erscheint. Das Comite hat sich bereits lonstituirt und besteht ans folgenden Mitgliedern der Cultusgemeinde-Repräsentanz: Präses Dr. Tedcsko als Obmann, Prof. Dr. Wessely, Dr. Wiener, Dr. Raudnitz, Georg Feigel und Koppelmann Lieben. Prag. An den verflossenen Feiertagen ward die jüdische Kanzel mehr als je in Anspruch genommen — In 7 Synagogen und Jnterimsbethänsern wurde gepredigt, und die Andächtigen fanden reichliche Gelegenheit, sich erbauen und belehren zu lassen. * Ain 24. v. M. starb hier Herr I. H. Basch, Spediteur und Hausbesitzer im 66. Lebensjahre. Derselbe gründete sein Geschäft 1829, also zu einer Zeit, wo es den Inden nicht so leicht war ein bürgerliches Geschäft außerhalb des Judenviertcls zu etabliren. Trotz vieler Prozesse und Unannehmlichkeiten gelangte er zu seinem Ziele. Er blieb nicht nur seinem Glauben treu, sondern bewährte sich ohne alle Ostentation.— Bescheidenheit war ein hervorragender Zug seines Charakters — als Förderer und aufrichtiger Anhänger des Judenthums. Er war auch ein intelligenter Mann, hatte in seiner Jugend Gymnasialstndicn gemacht, und auch nach Sitte früherer Zeit das Hebräische nicht vernachlässigt. Seine Familie beweint in ihm den besten Vater, den treuesten Helfer und Rathgebcr. Friede seiner Asche! 8. 8. Smichow. Bei der gestern stattgefundenen Wahl eines Mitgliedes der Smichower Bezirksvcrtretung aus der Gruppe der Industriellen wurde an Stelle des Herrn Ignaz Korda, welcher rcsignirt hatte, Herr Otto Forchheimer, Direktor der Goldschmidt'schen Lederfabrik in Smichow und Prager Kaufmann gewählt. Böhmen. In den Orten Bela und Ehoteborz haben am zweiten Osterfeste Pöbelexcesse gegen einige dortige Juden stattgefunden, welche bei den letzten Handelskammerwahlen für die deutschen Zandidatcn stimmten. Die hohe Statthalterei soll bereits die Untersuchung dieser strafwürdigen Vorgänge eingeleitet haben. Alzey (Rheinhessen) im April. Schon seit einer Reihe von Jahren ist der Friedhof der hiesigen israelitischen Gemeinde mit demjenigen der Christen vereinigt und von Einer Mauer umschlossen. Während jedoch die Gräber der Protestanten und Katholiken nicht räumlich getrennt sind, ist dieß wohl mit denen der Juden der Fall — Da der den Juden angewiesene Platz beinahe gefüllt ist, trugen diese bei der Stadt (denn nach linksrheinischem französischen Gesetze sind die Bcgräbnißplütze städtisches Eigenthum) zur Erweiterung ihres Friedhofs auf Ueberweisung eines nebenliegenden Grundstückes an. Gleichzeitig verbanden sie damit den Antrag auf die Erlaubniß zur Mitbenützung des städtischen Leichenwagens und Leichenhauses, sowie des in letzterem befindlichen Betsaales. Die Mitbenützung des Leichenwagens- und Hauses nebst der des Betsaals wurde einstimmig gestattet und in gleicher Weise der Antrag zum Beschluß erhoben, daß in Betreff der Erweiterung des Begräbnißplatzes die Juden in Zukunft ihre Gräber nicht mehr von denen der Christen räumlich trennen sollen. Dieser Akt der Aufklärung und Humanität läßt uns hoffen, daß wie im Tode, so auch bald im Leben Friede unter den Menschen walten wird! Ein solcher Beschluß ist um so ehrenvoller, als er einstimmig von den Bekennern der verschiedenen Confessioncn gefasst wurde. Er reiht sich würdig dem Entschlüsse jenes evangelischen Geistlichen in Prag an, wovon die öffentlichen Blätter jüngst berichtet haben, welcher der dortigen jüdischen Tempelgemeinde für die Zeit des Umbaues ihrer Synagoge die Mitbenützung seiner Kirche aubot — (Der isr. Lehrer). Nach Talmud (Gitin 61 a) ist ebenfalls gestattet — „Die Todteu der Heiden gemeinsam mit denen der Israeliten zu begraben" Raschi restringirt jedoch den Sinn dieser Stelle dahin, daß den Israeliten erlaubt sei die Leiche zur Erde, aber nicht ins jüdische Grab zu bestatten, wofür er jedoch keinen Grund angibt— Der einfache Sinn des Satzes spricht nicht für diese Restriktion— Ob es jedoch in unserer Zeit wo die Pflege der religiösen Institute als_ bcr einzige Damm gegen die reißende Strömung des Indifserentismus betrachtet werden mrß, und bei dem Umstand, daß in jeder Confession bei Beerdigung ihrer Tobten gewisse ceremouielle Gebräuche verrichtet werden was leicht zu Eouflikten und Störungen führen kann, räthlich erscheint, dem Friedhof seinen konfessionellen Charakter zu nehmen, und alle Todten ohne Unterschied des Bekenntnisses unter einander zu begraben, ist eine andere Frage, die vom praktischen Standpunkte aus, bei aller Anerkennung der Toleranz und der Nächstenliebe, die in dieser Angelegenheit sowohl von Seiten derer, die den erwähnten Antrag stellten, als jener, die ihm in liberaler noch erweiternder Weise gewährten, an den Tag gelegt wurde, kaum allgemein im Sinne der ehrenwerthen Stadtvertretung von Alzey ihre Lösung finden dürft — R. Luzern. Unsere Stadt, von jeher wegen ihres ausschließlich katholischen Charakters bekannt, sah im vorigen Monate zum ersten Male die Feier einer israel. Hochzeit. Rabb. Dr. Kaiserliug vollzog die Traunngsfunktion, bei der viele Christen als Gäste anwesend waren. Die Lokalblätter sprachen sich sehr günstig über diesen religiösen Akt aus. Bukarest. An die Wiederherstellung unserer israel. Tempelruine, welchen Kunstbau, wie bekannt, im vorigen Jahre der Vandalismus unseres fanatischen Pöbels zerstört hatte, konnte man nun Hand anzulegen beginnen, nachdem die zu diesem Zwecken veranstalteten Sammlungen ein erfreuliches Resultat gegeben haben, wozu die fürstliche Hand noch einen bedeutenden Beitrag gespendet. Doch verlautet noch immer nichts von der im vorigen Jahre seitens der Behörde versprochenen „exemplarischen Züchtigung" der zur Hast gebrachten Anstifter und Mitheiluchmer an diesem Barbarismus. Was denn doch unter fürstlich gerantirtem Schutze stehenden Juden so ungeahndet und schon öfters passirte, kann bei solcher Ungestraftlassung ebcnsoleicht heute und morgen unfern Protestanten und Katholiken widerfahren. (Und noch leichter den unglücklichen schutzlos dastehenden Juden, an die der rohe wilde Pöbel immer zuerst seine Wuth ausläßt Wie traurig ist cs mit dem Rechtszustande in einem solchen Lande beschaffen — d. Red.) Florenz. In die neue italienische Kammer wurden 7 Israeliten gewählt 5 derselben, Mitglieder der früher« Kammer traf die Wiederwahl die andern 2 sind neu eingetreten. Oberst Guastala ist in Varese seinem Gegenkandidaten unterlegen. In Borghetto waren 2 Israeliten als Kandidaten vorgeschlagen, von denen der eine, Finzi gewählt wurde, dagegen wurden in Piaccnza dem von der Fortscbrittsparthci vorgeschlagenen Cavaliere Carpi viele Stimmen seines Glaubensbekenntnisses wegen entzogen. In Modena starb der Banquier A. Verona, ein Mann, der wegen seines unternehmenden Geschäftsgeistes— er war Gründer einer Privatbank — und wegen seiner Wohlthätigkeit in Ansehen stand. (Rckue. Isr.) London. Die jährliche Prüfung und Prcisverthcilung am College zur Heranbildung jüdischer Geistlichen und der damit verbundenen Schule für Kinder der jüdischen Gemeinde hat am 16. v. M. unter Vorsitz des Herrn Oberrabbiners Dr. Adler in Gegenwart vieler Gäste beiderlei Geschlechts stattgefunden. Ein von mehreren Zögligen wunderschön vorgetragener hcbr. Psalm leitete die Prüfung ein. Geprüft wurde mündlich aus dem Hebräischen, Religion, Arithmetik, Geographie, Geschichte. Die schriftlichen Prüfungen wurden schon früher vorgenommcn. Deklamationen in englischer und fran-