Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 9 (2.5.1867)
- Date
- 1867-05-02
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Genchnngen Euer Hochwohlgcborcn den Ausdruck ausgezeichneter Hochachtung, womit sich nennt Wien 20. April 1867. Komers kait. östcrreichischer Justiz Minister. Aus Mähren. Die Wahlen für die Landtage, für den „Außerordentlichen" und Ordentlichen, haben fast den ganzen Winter hindurch auch die Aufmerksamkeit der mährischen Judenschaft in Anspruch genommen. Die Juden haben trotz aller Einschüchterungen von Seiten der Wcnzelskrönlcr, trotz aller in den nnfläthigcn Organen der Nationalen gegen sie ansgcstoßenen Drohungen, wozu beim 1. Landtage noch die Belcredische Hochdrucksmaschine das Ihrige that, dennoch immer verfassungstreu gestimmt und gewählt und in vielen Bezirken hat eben ihr cinmüthiges Einstchen für den verfassungsfrcundlicheu Candidaten den Ausschlag zum Siege gegeben. Diese Haltung wird darum auch von allen freisinnigen Journalen höchst lobend anerkannt. Diese Haltung hat aber durchaus nicht ihren Grund in einer Abneigung gegen das Slnvcnthum, die Inden schließen sich ja von jeher jeder aufstrebenden Nation mit Freuden an, ja sie trugen wahrlich keinen geringen Theil zur geistigen Entwickelung vieler Nationen bei; die Literaturen der Araber, Spanier Franzosen, Deutschen und in neuerer Zeit der Magyaren beweisen dieß zur Genüge; wenn die Inden hier, wie in Böhmen dennoch der nationalen Sache nicht hold sind: so geschieht dieß wegen der unnatürlichen Verbindung der Nationalen mit dem Fcndalen und Clcricalcn, von denen das slavische Volk bloß als Vorspann für ihre egoistischen, der Menschheit schädlichen Zwecke benützt werden. „Meine Diener sollt ihr sein" sprach Gott, C'“DJ? xSl aber nicht Selaven der Sclavcn, der den clcrikalen und Feudalen Drcschwagen schleppenden Slaven" das war die allgemeine Losung der Juden in Mähren. Andererseits ist sich der Jude ganz wohl bewußt, daß sein Heil bloß von verfassungsmäßigen Zuständen im Reiche abhängig sii, nicht aber von Zurückgreisen ans verrottete „vermoderte" Landcsordnungcn, die eigentlich Landesunordnungcn waren, wo nur Judenverfolgungen und Gewaltaete an der Tagesordnung waren. Höchst sonderbar mußte cs uns klingen, daß der Rabbiner unserer Landeshauptstadt ohne Rücksicht ob der „Außerordentliche" oder der „Ordentliche" zusammen treten soll, ob die Nationalen oder die Liberalen die Vertretung des Landes haben, immer dieselbe stehende Formel im Gebete hatte." Segne die - wackcrn Vertreter der Länder und Königreiche, die für die Wohlfahrt des Reiches zu sorgen berufen sind!" So indifferent darf nach unserer Meinung selbst der Mann des Friedens nicht sein; so indifferent darf er sich Gott selbst nicht denken. Da hat mir jener einfache Mann weit besser zngesagt. Er ist gerade kein fleißiger Synagogenbesuchcr; aber er hatte um die Zeit der Wahlen für den „Außerordentlichen" Jahrzeit: es war die Zeit der und der Alaun hört zu seinem Erstaunen den Vorbctcr die ninHv beginnen. „Was ist denn heute?" fragt er seinen Nachbar, „daß man tiinHv sagt?" Sein Nachbar antwortet: Wissen! Sie denn nicht? Wegen der Wahlen daß sie glücklich ansi fallen— sind diese Gebete angeordnet „vom LandcSrabbincr" „Schön! Schön!" erwiderte der Fragesteller. „So beten wir! aufrichtig für den Sieg der Verfassungstreuen! „Vielleicht geht der gute Mann noch heute mit der Meinung herum, er habe für den glücklichen Ausfall der Wahlen nin^D gesagt. Doch lachen wir nicht über ihn! Wissen wir denn einen bessern Grund, warum wir in den kältesten 8 Winterdonncrstagen diese niirbD sagen, ober besser über die Kälte während derselben klagen? Gewiß hat der gute Alaun für die Verfassung mit mehr Wärme diese gebetet, alssein gespaßigcr Nachbar, der doch nicht wußte, wofür er betete. Wäre cs noch nicht an der Zeit, diese mit den 2"L1X und nr,rr fahren zu lassen? In Boskowitz ist vor Kurzem der dirigirende Lehrer Hr. Grünspan gestorben und die Gemeinde hat, wie ich höre, über 400 fl für dessen Familie gesammelt; in Proßnitz hingegen ist ein Theil der Gemeinde mit dem dirigirendcn Lehrer, Hrn Freund nicht zufrieden und um desselben los zu werden, hat der Vorstand mit 9 gegen 7 Stimmen beschlossen, die kaum crcirte Hauptschule anfzulöscn. Das Kind soll also mit dem Bade ausgcgossen werden! Werden die Proßnitzer, die BildnngSstolzen, in Zukunft den Boskowitzern ins Auge blicken können? die „Dummen" Boskowitzcr bewiesen sich edler, als die edlen „gebildeten Proßnitzer!!" M SreMau April. — Nicht leicht dürfte man in einer andern Stadt die 3 Richtungen welche das Judcnthum in der Neuzeit genommen hat, so ausgeprägt finden, wie in Breslau, hier gibt cs thatsüchlich drei, nicht bloß äußerlich, sondern auch innerlich, vollkommen getrennte Gemeinden. Wollte man sich über das Wesen dieser drei Richtungen gründlich belehren, so brauchte man bloß am lctztverflosscnen ^nn die verschiedenen Predigten anzuhören, welche die religiösen Oberhäupter der einzelnen Parthcicn gehalten haben. Während der Vertreter der Neologie, Dr. Joel, das neuere Jndenthum und seine freiheitlichen Bestrebungen verthcidigte, nannte das Haupt der Orthodoxie, Landrabbiner Tiktin in seiner fast 2 stündigen Rede den neuen Tempel ein todtgeborcnes Kind, da ihm der altreligiöse Geist abgingc und belehrte nebenbei seine frommen Zuhörerinnen, wie sie die Oefen zum österlichen Gebrauche einzurichtcn hätten. Dircctor Frankel, Repräsentant des vermittelnden, sogenannten historischen Judenthums, zeigte durch seinen äußerst geistvollen, talmndischcn Vortrag, daß Wissenschaft und Leben sich nicht ausschließen dürfen, und nur jene religiöse Richtung alleinberechtigt sei, die ans dem Boden der Lehre und der Geschichte basire — Weil wir bei den Predigten halten, sei hier noch eines intrcssanten Vortrages erwähnt, den am 2. Ostcrfeiertage der als Reisebegleiter Montefiorcs und Polyglottist bekannte Dr. Lewi ans London in der Tiktin'schcn Synagoge gehalten hat. Er erfüllte die an ihn gestellte Bitte, Etwas über Jerusalem und das heilige Land zu sprechen, indem er anknüpfcnd an die Worte: nxan 7\W7, die an den Sederabcnden mit so verschiedenen Gefühlen gesagt oder — nicht gesagt werden, auseinandersctzte, was die alte Gottesstadt Jerusalem war, was sie ist und was sie in der Zukunft sein könnte und sollte. — Der 2. Theil der Rede war natürlich der bei weitem gelungenste, weil hier der Redner ans eigener Anschauung sprach. — Er zeigte, daß man sich ohne jeden andern Wegweiser, als mit der Bibel in der Hand, im heil. Lande zurcchtfindcn könne, und führte seinen aufmerksamen Zuhörern in begeisterter Schilderung. all die heil. Stätten vor, die durch religiöse und geschichtliche Erinnerung so ausgezeichnet sind. Er sprach zum L-chlusse die Hoffnung aus, daß Kanaan dcreinstcns wieder der Ccntralpunkt des gcsammten Jndcnthmns werde, und forderte die größern Gemeinden auf, Grundstücke im heil. Lande anzukanscn, um durch deren Bebauung sowohl der großen Noth der dortigen Bewohner abzuhclfen, als auch das jetzt verödete Land wieder zu einem abn Mi px zu machen. Das jüdisch theologische Seminar, das während des Osterfestes auch feierte, begann sein Sommcrsemestcr bereits am 30. April. Die Aufnahmsprüfungen fanden zwar schon an den Halbfeicrtageu statt, doch werden auch noch nach Ostern neue Schüler ausgenommen. — Wie verlautet wird die Lchrcrabtheilung des Seminars mit Beginn des Semesters wegen Mangel an Schülern geschlossen werden. Einen neuen Beweis ehrenden Vertrauens erhielt das Semmar durch die jüngst mit Aclamation erfolgte Wahl des Dr. A. Kohnt als Oberrabbiner von Stuhlweißenburg. Der junge Rabbiner wurde erst am 27. Januar dieses Jahres ans der hiesigen Anstalt entlassen. H. K.