Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 8 (18.4.1867)
- Date
- 1867-04-18
- Page
- Seite 62 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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f 62 — tjiinftifl ist, dem dmikclmünischcn Pietismus und seinen übereifrigen Repräsentanten das Handwerk zu legen, könnten wir es bald erleben, daß Wien die Metropole des Reiches, aufhören wird, der Mittelpunkt für die Interessen der österreichischen Israeliten zu sein. — Das Eiscnstädtcr Pronunciamento gerichtet auf eine Petition um staatlichen Schutz des Sabbath, findet hier wenig Anklang. — Das macht der Anachronismus. — Von Dr. Jellinck sind 5 Predigten, betitelt: „Das Gesetz Gottes außer der Thora" und außer dem eine über die „Cholera" im Druck erschienen, welch' letztere zum ersten Male die Naturwissenschaft von der isr. Kanzel aus beleuchtet. Leipzig. Ueber die von dem Leipziger „Gcrmauistcnklub" beabsichtigte Herausgabe einer „jüdisch-deutschen Bibliothek" die in der Gelehrtenwelt so großes Aufsehen gemacht hat, bringt der demnächst erscheinende 2. Band von Gosche's „Jahrbuch für Literaturgeschichte" nähere Nachrichten. Auch wird in demselben eine Probe dieser für die Wissenschaft ganz neu entdeckten Literatur gegeben werden. — Professor E. A. Roßmäßler, der berühmte Naturforscher, der noch berühmtere Judenfreund und liberale Volksmann ist am 9. April im 60. Lebensjahre mittellosgcstorben. Seine jüdischen Freunde und Verehrer veranstalten eine Collckte, um die Hinterbliebenen zu unterstützen. — In unserer Zeit, wo lexikalische Encyklopädicu dem nach Bildung strebenden Publikum das Wissen bequem machen, und die strcugwissenschaftlichen Doktrinen in leichter Scheidemünze kursiren lassen, verdient ein ähnliches Unternehmen auf jüdischem Gebiethe die Beachtung der Lesewelt. Es ist dieß die vom Landesrabbiner zu Mekleuburg-Strelitz Herrn Dr. I. Hamburger ausgearbeitete „Real-Encyklopädie für Bibel und Talmud, oder biblisch-talmudisches Wörterbuch" wovon bereits 2 Hefte erschienen sind. Diese Arbeit hat den praktischen Nutzen, das Interesse für die jüdische Wissenschaft zu wecken, und jungen Rabbinen die Mühseligkeit des Quellenstudiums zu erleichtern. Müssen wir auch gestehen, daß das Fehlen wichtiger historischer und geographischer Artikel das Buch als mangelhaft erscheinen lassen, so wollen wir doch das Dargebothene, worin der Vers: viel Fleiß und Ausdauer an den Tag legt, lobend hervorheben. Ist schon die Zusammenstellung der zerstreut liegenden Sätze und Notizen, namentlich was den talmudischen Theil betrifft, an sich verdienstlich, so wird der Werth dieses Buches noch durch die homiletische Behandlung, durch die sinnreiche Deurung und Auslegung der Bibel- und Talmudstellen noch erhöht. In dem auf dem Umschläge des 2. Heftes abgedruckten Briefe des seligeu Munk an den Verf: wird der Gelehrsamkeit des Herrn Dr. Hamburger viel Lob gezollt, noch mehr aber dem großen Mulhe, eine solche Riesenarbeit, wofür mehrere Mitarbeiter nicht zu viel wären, ganz allein zu unternehmen. — Wir unserseits glauben, daß das Werk nicht nur Predigern gute Dienste leisten wird, sondern auch jedem Literatursreunde viel Stoff und Anregung zu biethen im Stande ist, und wünschen ihm die ausgedehnteste Verbreitung.*) — B. *) Wir kennen das obenbesprochene Buch nicht, wohl aberden Versuch eines ähnlichen Unternehmens in lexikalischer Form von demselben Verf: unter dem Titel „Geist der Agada" welch r vor Jahren erschien, den Buchstaben A brachte, und nicht weiter fortgesetzt wurde. Ob die neue Arbeit stch von der frühern bloß durch den Titel oder auch durch den Inhalt unterscheide, können wir natürlich nicht beurtheilen. Doch erlauben wir uns, unserem geschätzten Herrn Correspondenten gegenüber, die Bemerkung, daß gerade dasjenige was er zum Lobe des Buches hervorhebt,ihm nach unserer Anschauung den wisscnschafilichcn Werth nimmt. Nicht homiletische Behandlung und sinnreiche Deutung und Auslegung sind es, die ein Neallexikon verlangt, die gründliches Wissen fördern, son- Locale und auswärtige Neuigkeiten. Prag. Die von Herrn Dr. Jellinek im Bcth-Hamidrasch zu Wien gehaltene Gedächtnißrede Munk's ist im Drucke erschienen. Sie ist nach Inhalt und Form vortrefflich. In wenigen gelungenen Zügen zeichnete der Redner die wissenschaftliche Bedeutung Munk's, und wusste dem ernsten Thema mit gewohnter Beredsamkeit auch die gemüthliche Seite abzugewinnen. * Unter den von dem böhmischen Landtage als Abgeordnete zu dem Reichstage gewählten Landtagsmitgliedern be-! findet sich auch unser Glaubensgenosse Herr Banquier Lippj mann aus Prag. Herr Dr. Tedcsko, Präses der Cultusge- > meinderepräsentanz, wurde zum Landesausschußstcllvertreter > gewählt. — * Das unlängst erschienene Buch des Herrn Weiß in : Wien über die Sprache der Mischna verdient seines wissen- | schaftlichen und reichhaltigen Inhalts wegen die volle Auf- I merksamkeit der Fachgelehrten. Es ist nur Schade, daß die j Abfassung in hebräischer Sprache es nicht nur christlichen sondern auch manchen jüdischen Orientalisten schwerer zugänglich macht. Auch leidet dadurch trotz der stylistischen Gewandheit des Verf:, die sich nur in einzelnen technischen Ausdrücken — wie das oft wiederkehrende Tü'J als Gegensatz wofür doch das biblische und usuelle -]an passender wäre — verleugnet, theilweise die Präcision der Darstellung. Daß die Linguistik mitunter im Dienste der halachischen Dißkussion verwendet wird, bezeichnet wenn auch nicht für jene doch für diese einen Fortschritt. Von den Vorarbeiten, deren Anzahl allerdings nur eine geringe ist, hat der Vers: nur einige benützt. Die einschlägigen Leistungen in den jüdischen Zeitschriften, deren manche Beachtung verdienen, wurden gänzlich ignorirt. — Nichts desto weniger ist die Arbeit des Herrn Weiß eine vorzügliche, der die Anerkennung nicht ausbleiben kann. R. Kalladai. Am 5. d. M. starb der budweiser und taborer Kreisrabbiner, Herr Jakob Maler, der hier seinen Sitz hatte, im hohen Alter. Der Verstorbene war ein vorzüglicher Talmndgelehrter aus der altern Schule, und erfreucte sich wegen seines leutseligen Benehmens in beiden genannten Kreisen der allgemeinen Beliebtheit. — Davon zeugte auch das am 7. d. M. stattgefundene Leichenbegängniß, zu welchem aus nahen und fernen Gemeinden die Leute herbeiströmten, um dem hochgeehrten Seelenhirten die letzte Ehre zu erweisen. Die Lokalrabbinen aus Tabor, Bndweis und Tutschap, die Herren Klemperer, Wunder und Schiller hielten inhaltsvolle, alle Anwesenden zu Thränen rührende Leichenreden; auch die Herren Lehrer sprachen auf den Gottesacker einige tiefgefühlte dcrn wisienschaftliche Behandlung, kritische Deutung und Auslegung. Der Geist, der sich in die Bibel- und Tälmudstellen hineinlicst, ist leider viel zu viel in der jüdischen Literatur repräsentirt; dieser Geist trägt zum größten Theile die Schuld, daß es die Wissenschaft des Judentbums zu keinem Pragmatismus bringen kann. Wir hören die schönsten Variationen, die das Ohr ergötzen, aber das Thema bleibt uns unbekannt. Wir lassen diesen Geist in homiletischen Schriften ungestört sein Spiel mitunter seinen Spuck treiben, aber in wisienschaftlichen Arbeiten sollte er uns mit seinen Lustsprüngen verschonen, da brauchen wir einen andern Geist, nähmlich den Geist, der aus den alten Schriften mit objektiver Gewissenhaftigkeit und kritischer Schärfe herausliest, der uns Sinn und Bedeutung derselben zum Bewusstsein bringt, nur dieser Geist arbeitet im Dienste der Wahrheit im Dienste der Wissenschaft. Wir wiederholen, daß wir das erwähnte Buch gar nicht kennen, daß aber das Urtheil unseres Herrn Correspondenten geeignet ist unser Mißtrauen wach zu rufen und unsere Bemerkung zu rechtfertigen. Es soll uns freuen wenn die Real-Encyklopädie des Herrn Landesrabbiner vr. Hamburger den unerläßlichen Forderungen wahrer Wissenschaftlichkeit entspricht, und unser Vorwurf nur jene Schriftsteller trifft, die ihn wirklich verdienen. Die Redaktion.