Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 8 (18.4.1867)
- Date
- 1867-04-18
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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58 den blanken Bechern sprudelt der köstliche Wein, der trotz seiner unnatürlichen umfassenden Verbindung mit dem den Fischen unentbehrlichen Elemente das ächtjüdische Herz erfreut— Vor jedem Tisch gen offen liegt aufgeschlagen das dünne Büchlein, das die ganze ernste und heitere Liturgie des Sederabcnd umfaßt, und durch seinen Inhalt wie durch seine künstliche Ausstattung das jugendliche Gemüth anlockt— Als die Juden im Mittelalter die große Kunst erlernen mußten ohne Heimath, ohne Grund und Boden, ohne Haus und Hof, ohne Recht und Freiheit, ohne Licht und Lust zu leben und zu existiren; da flohen alle andern Künste scheu und ängstlich aus ihrer Mitte; nur die Mahlerei suchte sich ein enges Winkclchen aus, sie fristete ihr kümmerliches Leben in der Peßachhagada— Da kannst du sie noch finden die edlen Kunstgestalten, die 4 Kinder, die alle 4 Temperamente abspiegeln, der Sederabend in täuschender Treue, Moses mit dem Wundcrstabe, die schwerbepackten Israeliten durch das rothe Meer ziehend, als ob's auf einen Jahrmakt ginge, die ertrunkenen Egyptier, die Darstellung der 10 Plagen, bei denen auch das kleinste naturhistorische Element nicht fehlen durfte, und noch viele andere der biblischen Historie entlehnte Bilder— Was da Alles das Kind zu begaffen und zu bewundern hatte, und es mußte geradezu stumm sein, wenn es nicht fragen sollte— „Was geht heute vor? — Darauf wurde nur gewartet; jetzt übernimmt der Hausvater die Rolle des Erzählers, er erzählt nun die alte bekannte Geschichte in einem dem Fassungsvermögen der Jugend entsprechenden und ihren Geist anregenden Style— Mit 10 Plagen hat er für die unglücklichen Egyptier nicht genug, er beweist seinen Sprößlingen nach den Regeln der Addition und Multiplikation, daß sich diese Plagen auf hunderte belaufen — Für Speise und Trank ist hinreichend gesorgt— und damit die liebe Jugend nicht vor lauter Freude nach Art der Chinesen einschlafe, werden nach dem Mahle lustige Lieder angestimmt — Bald hätten wir eine wichtige Episode vergessen, die der Jugend das meiste Interesse biethet — Das Afikomen stehlen — Der Vater hat ein Stück des Osternbrodes hinter das Kiffen seines Bettes versteckt — Nach orientalischer Sitte wird auch ein Ruhebett aufgerichtet, — Dieses Stück Brod ist ihm von höchster Wichtigkeit, es muß vor Schluß des Mahles aufgezehrt werden. — Nehmet ihm dieses Stück Mazoh, und der ganze Akt bleibt ohne Finale, ohne Schluß, ohne Abrundung. — Dieser Umstand entgeht dem thatcngicrigen Jungen nicht, er sucht sich durch alle mögliche Mittel dieses Stückes zu bemächtigen. — Ist ihm das gelungen, dann weiß er als Sieger seine Bedingungen vorzuschreiben. — Er gibt den Asikomon — so heißt das eorpus delicti — nicht heraus, bis ihm der Vater ein neues Kleid oder einen andern Finderlohn verspricht. — Das alles zusammen biethet den Kindern so viel Zerstreuung und Unterhaltung, daß sie sich schon lange vorher auf den Peßach freuen. — Doch auch die Erwachsenen freuen sich dieses Festes.— Es bringt in die Natur, in das Gemüth, in das gläubige Herz Frühlingslnft und Frühlingsdust. — Es ' ist ein Fest der Erhebung des Geistes, ein Geburtsfest der Menschenwürde, ein Fest der bürgerlichen Freiheit. Zur jüdischen Schulsrage. Im Jahre 1863 hatten die jüdischen Lehrer Mährens in Brünn eine Confercnz über 'die Organisation der hebräisch-deutschen Schulen. Das Elaborat wurde dem Herrn Landesrabbiner mit dein Bedeuten von der hohen k. k. Statthalterei übermittelt, es einigen Rabbinen zur Prüfung vorzulegen— Auf Grund jener Verhandlungen wurde vom hohen k. k. Staatsministcrium eine gemeinschaftliche Confcrenz von Lehrern und Rabbinern angeordnct—Unser geschützter Mitarbeiter Herr vr. Duschak, Rabbiner in Gaya, hat uns sein bezügliches Gutachten zur Veröffentlichung cingesandt— Da uns jedoch das Elaborat der Conferenz nicht bekannt ist, und die Bezugnahme des Gutachtens auf dasselbe den Lesern des „Abendland" das Verständniß erschwert, begnügen wir uns ans der trefflichen Arbeit des Herrn l)r. Duschak jene Stellen wiederzugeben, die allgemeines Interesse biethen und zugleich einen Beitrag zur Lösung mancher pädagogischen Fragen auf dem Gebiethe des jüdischen Schulwesens liefern— lieber den religiösen Unterricht an der jüd. Volksschule, äußert sich Hr vr. Duschak wie folgt: Das von der Conferenz festgesetzte Ziel und Maaß des hebräischen Unterrichtes ist, nach meiner Meinung viel zu gering. Zwar bieten die hebräischen Schulen, Ne Anforderungen und Ansprüche, welche an sie, in deHverschiedenen Gemeinden, gemacht werden, eine nicht geringe Verschiedenheit bezüglich des LehrmaßeS und des Quantums des Lehrstoffes dar, allein es ist möglich, wenn man sich .der Ausgabe der jüdischen Schulen bewußt ist, und die Leistungen der bessern Schulen ins Auge faßt, die richtige Mitte zu finden. Das jüdische Kind tritt nicht erst nach dem sechsten, sondern gewöhnlich schon nach dem fünften Lebensalter in die Schule; wenn diese den Schüler, wie es die Herren Conferenzmitglieder ganz richtig angeben, bis nach dem 12. Jahre beschäftiget, so kann und muß ihm, bei aller Rücksicht auf Diätets- und Sanitätsgründe, ohne Uebcrbürdung und Erschwerung, weit mehr als ein Fragment des Pentateuchs, die ersten Propheten und eine Blumenlese aus den Psalmen nach Gutdünken des Lehrers beigcbracht werden. Der jüdische Schüler soll in der hebräischen Schule nicht allem sittlich religiös erzogen und gebildet werden, er soll auch in dieser Schule fürs ganze Leben, wohin er sich auch wendet, und zu welchem bürgerlichen Berufe er auch heran reifen mag, einen solchen Fond von hebräischem Wissen sich zu eigen machen und mit sich nehmen, daß ihm das Verständniß der hebräischen Gebete nicht schwer fällt, und daß er in den biblischen Bekenntnißschriften sich leicht oricntiren kann. Beginnt man mit dem Knaben, wie gewöhnlich im 6. Jahre den Pentateuch, so kann er nach zurückgelegten 10. Jahre nicht nur denselben, sondern auch einen großen Theil der ersten Propheten und einige Psalmen inne haben, die letzten zwei Jahre können dann für das Wiederholen des Gelernten und für das Fortschreiten auf dem Gebiete der Bibel, in nicht unbedeutender Progression, verwendet werden. Wird der Schüler tüchtig in der hebräischen Grammatik unterrichtet, und war der Bibelunterricht an der Hand der Grammatik ein gründlicher, so wird der Schüler, wenn er dann in's Leben hmaustritt, selbst wenn er keine Fortbildung im hebräischen Wissen genießt, nie ein Fremdling in den Urschriften seines religiösen Bekenntnisses sein, er wird die Thora, die ihm in der Synagoge vorgelesen wird, verstehen, er wird die Gebete im Geiste und nicht mit dem Munde zu Gott empor senden, er wird die Lehren der Religion gründlich erfassen wenn er sie am Scheidewege, zwischen Tugend und Laster befragt.— Der jüdische Schüler muß aber auch die Geschichte seiner Nation erfahren und kennen lernen. Mindestens soll er, bei seinem Austritte bis zum Abschlüsse des Talmud gebracht werden, damit er die Schicksale und Bestrebungen, die Ausgabe und die Entwicklung seines Volkes kennen lernt, und aus dieser Quelle Trost und Erhebung, Ausdauer und sittlichen Ernst schöpfe. Die jüdische Geschichte, die Geschichte der Juden, ist das Weltgericht im Kleinen. Das 3. Buch Mosis darf nicht weggelassen, die Opfergesetze dürfen nicht beseitigt werden, diese sind ein wesentlicher Bestandtheil des Ritus; gehören doch auch noch sehr viele legislatorische Abschnitte des Pentateuchs der Geschichte und der Vergangenheit an; nur kann der 3 Theil der Bücher Mosis für die reifste Stufe der Volksschule aufgespart, und der zartern Jugend das 4. Buch nach dem 2. beigcbracht werben, welches den zarten Kindessinn mehr anspricht, und wärmer anzuziehen vermag. Der Vortrag der Mischna sollte nach meiner Ansicht, in den hebräischen Schulen, ebenfalls nicht vermißt