Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 7 (4.4.1867)
- Date
- 1867-04-04
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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52 servirten ©Offerten hat sich Alles, was die israelitische weibliche Welt in Paris an Schönheit und Eleganz besitzt, ein Rendex-Vous gegeben, und der Zuschauer wird von Bewunderung hingerissen und beinahe geblendet von der seltenen Pracht — Herr Großrabbiner Isidor, begleitet von den Mitgliedern des Centralconsistoriums tritt präcis 3 Uhr unter dem Spiele der Orgel in das Gotteshaus— Er wird von dem Consistorium zu Paris, das von den Unterrabbinen begleitet ist, empfangen. Nun ergriff der Präsident des Centralconsistoriums von Frankreich, Herr Cerfbeer, das Wort — In einer kurzen, sinnreichen und passenden Ansprache, zeichnete er die Pflichten des Israeliten, er wies nach, daß man bei aller Achtung vor dem Dogma, in den praktischen rituellen Uebungen heutigen Tages den Forderungen des Zeitgeistes Rechnung tragen müsse, er erinnerte daran, daß alle Religionen Schwestern seien und daß der einzige Unterschied zwischen ihnen bloß in der Art und Weise bestehe, wie sie den gemeinschaftlichen Gott verehren zu müssen glauben und daß die Bruderliebe der Grundsatz aller sei— Zum Schluffe dankte er dem Kaiser für den Schutz, den er den Israeliten Frankreichs sowie den Glaubensbrüdern, die in fernen Ländern noch zu leiden haben, angedeihen lasse— Hierauf erhob sich Herr Isidor— Er bemerkte, wie er lange gezögert habe, die Verantwortlichkeit seines hohen Amtes auf sich zu laden, er sprach nun darüber, wie er seine Pflichten auffassen und wie er sie zu erfüllen gedenke. Zugleich hob er hervor, wie jeder Jsra^lite seinen Glauben und seine Liebe zur Religion bethätigen müsse— Mit Begeisterung entwarf er sodann ein Bild seines Glaubens, der den Scheiterhaufen trotzte, und sich siegreich durch die Kette der Jahrhunderte über die Erde verbreitete und dem er die Hoffnung auf eine ruhmvolle Zukunft verkündete; endlich zurückkommend auf das Schlußthema des Herrn Cerfbeer sprach er den Segen aus über den Kaiser, über die Anwesenden und über das ganze Volk Israel— Dieses Gebet war sehr erhebend, alle Anwesenden erhoben sich, und nach jedem Absatz, fiel der Knabenchor, begleitet von der Orgel, mit seinem melodischen „Amen" ein. Endlich wurde durch Damen, welche die verschiedensten und entzückendsten Typen jüdischer Schönheit darbothen, das Almosensammeln veranstaltet— Aus dem Gedächtnisse nenne ich unter den Sammlerinnen die Fräulein Rheince, Khaus, Sichel Henri, Schecoll, Weil, die Frauen Weil, Deitz, Henri eo. Wenn die Sammlerinnen so niedlich sind, ist das Almosengeben nicht einmal verdienstlich. Der gestickte Sammtvorhang, welcher den profanen Blicken die Gesetzrollen entzieht, wurde aufgezogen und der Großrabbiner, das Gesetzbuch in der Hand haltend, verrichtete ein Gebet— Alles verließ die Feierlichkeit voll Befriedigung und Erbauung, die auch ich theilte— Unter den Gästen bemerkte ich die Herren: Seinepräfekten Haußmann, Senator von Daußy, den Rabbiner aus Versailles, Anspach, Cremieux, Frank, den protestantischen Oberpastor, den Vertreter des Cultusministeriums, endlich die Zöglinge der rabbinischen Schule und die Präsidenten des Wohlthätigkeitskomite— Die „Opinion nationale“ war durch Herrn Carvalho, das „Petit Journal" durch Herrn Stenne vertreten — Kettner sang bei der Orgel. In kurzer Zeit wird eine neue Feierlichkeit die Gläubigen in den Tempel rufen, die Installation des Großrabbinen von Paris. Durch die Beförderung des Herrn Isidor wurde der Pariser Rabbinatssitz erledigt, und man beschäftigt^ sich bereits ernstlich mit der Wiederbesetzung— Wie die Sache bis jetzt steht, werden sich die Stimmen theilen zwischen den Herren Rabbinen Tornel, Lazard und Vertheimer (von Genf) Die Feierlichkeit im Tempel war ein Doppelfest, denn es wurde an diesem Tage der israelitische Carneval gefeiert, der nicht länger als einen Tag dauert— Das religiöse Fest traf gerade mit der Installation zusammen. Locale und auswärtige Neuigkeiten. Prag Bei deram vorletzten Sontag stattgefundenen Sitzung der ist. Cultusgemeinderepräsentanz gab es wegen Begutachtung der seitens der h. Statthalterci zu erfolgenden Bestättigung des Herrn vr. Hoff, als Rabbiner und Prediger der Pinkassynagoge lebhafte Debatten — Diese galten keineswegs der Person des Predigers, sondern waren principieller Art Es standen sich zwei Ansichten gegenüber, während die eine eine allzustarke Vermehrung der Prediger namentlich^ wenn sie das Recht zur Trauungsfnnktion haben sollen, nicht als wünschenswerth erachtete, sprach die andere für vollständige Autonomie der Synagogengemeinden— Letzte Ansicht hatte die Majorität 'für sich— * Die Prager Zeitung vom 28 v. M. berichtet: Herr vr. Kaempf, Professor der orientalischen Sprachen an der Prager Universität, feierte gestern in seinem Collegium das Andenken an den kürzlich in Paris verstorbenen berühmten Orientalisten Munk durch eine Gedächtnißrede" — Wie wir hören, berührte Herr Prof. Kaempf in seiner Rede einige im Talmud genannte blinde Gelehrte, deren Wirksamkeit er beleuchtete— Auch gedachte er mit Anerkennung des vom Redakteur des Abendland gebrachten Nekrolog's Munk's. * Dem Herrn Med. vr. Kersch wurde wegen seiner verdienstlichen Leistungen während der letzten Kriegsepoche die Anerkennung der hohen Regierung ausgesprochen— * Bon dem hier studirenden Rabbiuatskandidaten und Doktoranden der Philosofie Herrn I. Kohu liegt uns unter dem Titel diw eine am Sabbath L'L22'v '2 5627 in dem ist. Tempel zu Miskolc gehaltene und im Drucke erschienene Predigt vor — Der Verfasser hat als Thema „das Gebet" genommen, welches er als die tüchtigste Waffe des Judenthums betrachtet, mit der ihre Träger alle Anfechtungen von außen wie von innen zu besiegen im Stande sind. Wegen ihrer Tauglichkeit im Kampfe, gewährt sie auch die beste Bürgschaft für den Frieden — Dieser letzte Punkt gibt nun dem Redner Veranlassung, sich über Spaltungen in der dortigen Gemeinde, die wir zu beurtheilen nicht in der Lage sind, eindringend und versöhnend auszusprechen— Die Rede fand in der Gemeinde Miskolc großen Beifall, und wurde sie vom Gemeindevorstand an auswärtige Vorstände und Honoratioren versendet— Wie wir erfahren haben, hat sich namentlich der Pester Vorstand in einem Dankschreiben an die Herren Absender mit sehr lobender Anerkennung über die Predigt ausgesprochen— Der ihr zu Theil gewordene Beifall ist auch ein verdienter, denn die Diktion darin ist eine schöne und lebhafte, die Exegese eine gesunde und geistvolle; beide verrathen nicht gewöhnliche Rednergaben, die durch spätere praktische Wirksamkeit sich immer mehr vervollkomnen werden— Für das Thema, das wir etwas einheitlicher gewünscht hätten, ist auch der Text glücklich gewählt — Im Ganzen können wir die Predigt als eine äußerst gelungene und Beachtung verdienende empfehlen. R. * Am 28. und 29. v. M. fand die öffentliche Prüfung an der Hauptschule des Herrn I. Frei statt. Sie gereichte allen Anwesenden zur vollsten Befriedigung. Die musterhafte Ordnung,die schlagfertigen Antworten der Schüler, das kundgegebenc Verständniß, das einem mechanischen Einlernen fern ist, legen von dem Eifer und der Gewissenhaftigkeit des Leiters und der Lehrer der Anstalt das schönste Zeugniß ab. Besonders müssen wir den zweckmäßigen und methodischen Unterricht in der Religion und imHebräischen lobend hervorheben. Berlin. „Die Presse" berichtet von einem preußischen Mortarafall. — Eine jüdische Wittwe hat ein zweijähriges Kind, einen Knaben, dessen Vaterschaft ein christlicher Schuster anerkannte, und auch die Einführung des Kindes in die jüdische Religion gestattete. — Unlängst wurde der. Mutter von der Polizei das Kind gewaltsam entrissen, in die Elisabeth-Kirche gebracht und getauft, hierauf wieder der Muter zurückgebracht.