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Das Abendland · 1867-03-21 · 6 (21.3.1867) · p. Seite 47

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Journal
Das Abendland
Volume
IV (1867)
Issue
6 (21.3.1867)
Date
1867-03-21
Page
Seite 47 (sequence 7)
Language
German
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47 * Hier erscheint ein Organ für die polnischen Israeliten unter dem Titel „La Concorde“ in hebräischer und deu^. scher Sprache. Herausgeber desselben ist Herr Rabbinowicz. * Bon vielen Seiten wird der Wunsch ausgedrückt dem verstorbenen Munl ein Denkmal zu errichten und seine noch nicht edirten Schriften durch den Druck zu veröffentlichen. St Michiel. (Frankreich) Der israel: Tempel wurde nach dem üblichen Ritus und den bei solcher Gelegenheit vorkommenden Feierlichkeiten eingeweiht. Was aber hier besonders hervorgehoben zu werden verdient ist, daß die Musik des 12. Dragonerregiments von dem Aerrn Obristen, der Gemeinde für diese Feier zur Verfügung gestellt wurde.^ London. Seit kurzem erscheint hier ein neues jüdisches Blatt unter dem Titel „Hebrew National“ ein Organ für isr: Literatur, Geschichte und Politik. In seinen ersten Nummern bekämpft es energisch den Ausdruck „Jude" inwiefern man damit einen ehrenrührigen Begriff verbindet. * Das Parlamentsmitglied, Herr N. M. v. Rothschild präsidirte kürzlich bei dem Festmale des jüdischen Waisenhauses, welches 1831 zum Zwecke der Versorgung, Erziehung und des Untemchts jüdischer Waisenkinder gegründet wurde. Dieses Wohlthätigkeitsinstitut birgt gegenwärtig 48 Zöglinge, — 23 Knaben und 25 Mädchen. 29 dieser Zöglinge sind doppelt verwaist, die übrigen des Vaters oder der Mutter beraubt. In der Erwiederung auf einen dem „Clerus" ausgebrachten Toast, bemerkt Herr Oberrabbiner vr. Adler. Die Existenz dieses Instituts selbst liefert einen deutlichen Beweis, wie oft aus dem Uebel Gutes entstehen könne. Die Anstalt entstand nachdem die Cholera fürchterliche Verheerungen im Laude angerichtet habe, und der Wohlthätigkeitssinn sorgte für die Kinder derer, die der schrecklichen Seuche als Opfer sielen. Der Präsident verbreitete sich über die Wohlthat des Instituts uud dessen gerechte Ansprüche auf Unterstützung von Seiten der jüdischen Gemeinde, und schlug einen Toast „auf das Gedeihen der Anstalt" vor. Eine beim Festmahle eingelcitete Sammlung ergab schnell ein Resultat von 1600 Pfund. Ein Toast auf „das Haus der Gemeinen" wurde von dem Parlamentsmitglicde Aldermann Lawrence erwiedert. Algier. Monsignor Lavigeric, Bischof von Nancy, der zum Erzbischof von Algier befördert wurde, schickte dem Präfekten dieser Stadt als erste Zeichnung zur Eröffnung einer Subscriptionsliste für die durch das letzte Erdbeben verunglückten Familien. „Ich wünsche, schreibt der treffliche Prälat in dem seiner Spende begleitenden Briefe, daß diese Summe an die Unglücklichen ohne Unterschied der Abstammung und der Religion vcrthcilt werde. Wenn auch nicht alle mich werden als ihren Vater anerkennen müssen, so nehme ich doch schon jetzt für mich das Vorrecht in Anspruch, sie alle gleichmäßig wie meine Kinder lieben zu dürfen. Neu-Jork Frau Rosanne Ostermann aus Galveston im Staate Texas, welche am 3. Feber 1866 bei der Vernnglückung eines Dampfers am Mississippi in der Nähe von Viksburg ihr Leben verlor, hat in ihrem schon im Jahre 1862 abgefassten Testamente viele jüdische Corporationen und Vereine in verschiedenen Städten der Union mit bedeutenden Legaten bedacht. Außer 2 Häusern im Galveston im Werthe von 100000 Dollars die sie zu einem Asyle für Wittwen und Waisen bestimmte, beläuft sich die Summe der vorzugsweise zu jüdisch-religiösen Zwecken bestimmten Stiftungen aus ungefähr 50000 Dollars. (Nach dem Hebrew Leader) Feuilleton. Die Tante. Eine Erzählung von Siegfried Hölder. (Schluß.) 4. Mckschau. ' ” Wenige Wochen, nachdem wir von unserer Reise nach Sogozar zurückgekehrt waren, wurde Joseph Bar Mizwm Meine Tante hatte zu diesem Feste der religiösen Großjährigkeit ihres Sohnes große Vorbereitungen gemacht. — Er erhielt nicht bloß wie die meisten jüdischen Kinder zum Confirmationsfeste einen neuen Anzug, sondern wurde überhaupt mit Kleidungsstücken für jede Jahreszeit und mit Wüsche reichlich ausgestattet; denn er sollte einige Tage nach diesem Feste die Heimath verlassen, um an der Hochschule zu Prcßburg sein Talmudstudium fortzusetzen. — Sein trefflicher Kopf und sein talmudisches Wissen machten ihn im ganzen Orte zum Gegenstände der Bewunderung und mitunter auch des Neides. — Sein Geist ragte weit über sein Alter hinaus, und auch sein Körper war für einen Knaben von 13 Jahren auffallend entwickelt, er war stark, großgewachsen und in seinen Gesichtszügen lag etwas Festes, Männliches, man hätte ihn für einen Jüngling von 16—17 Jahren halten können. — Mit dem Herannahen der religiösen Reife hatte auch sein Charakter eine entschiedene Wandlung erfahren. Den lustigen Jugendstreichen hatte er gänzlich Abschied gegeben, und in seinem ganzen Wesen zeigte sich eine gewisse ernste Ueberreife des Geistes, die mit der frühem unbändigen Wildheit seltsam kontrastirte. — An seinem Ehrentage hielt er nach dem Sabbathmorgen -Gottesdienste in unserer Wohnung, die von Zuhörern, unter denen sich auch der Rabbiner befand, vollgepropft war, seine Derascha (Vortrag) mit einer Meisterschaft, die alle Anwesenden in Erstaunen, meine gute Tante in Entzücken versetzte. Endlich rückte auch der Tag seiner Abreise heran, er reiste in Begleitung einiger Bekannten die sich in Geschäftsangelegenheiten nach Presbnrg begaben. Meine gute Tante weinte beim Abschiede heftig, es that ihr weh, den Liebling ihres Herzens von sich zu lassen, ich weinte und schluchzte noch mehr als sie, ohne eigentlich zu wissen, warum; Josef selbst war in heiterster Stimmung, wie es bei der Jugend gewöhnlich ist, wenn sich ihr eine Abwechslung, eine neue Weltvoll täuschender Hoffnungen und Aussichten biethet. — „Weine nicht, Mutter! sprach er, ich werde in einigen Jahren als feiner Bachur (tüchtiger Theologe) zurückkehren, und du kleine Plärerin, fuhr er zu mir gewendet fort, sei still, wenn du dich gut aufführst und hübsch folgst, so wirst du meine Kalle (Braut.) — Obgleich ich den Sinn der an mich gerichteten Worte kaum verstand, kamen sie dennoch Zeit meines Lebens nie aus meinem Gedächtnisse. Meine Tante wendete mir nun ihre ganze ungctheilte Sorgfalt zu, und mein Gehorsam, mein Fleiß, meine Treue waren der Lohn ihrer Liebe und Zärtlichkeit. — Nach einigen Jahren schon war ich ihr im Hauswesen und in ihrem kleinen Geschäfte behilflich; bald wurde ich so zu sagen, ihre rechte Hand. — Leider fand ich bald die Gelegenheit meine Hingebung zu erproben. — Die gute Frau, die früher immer gesund und rüstig war, fing an zu kränkeln, oft war sie zur Arbeit ganz unfähig, häufig mußte sie mehrere Tage im Bette zubringen, da ging nun Alles im Hause durch meine Hand, und ich erlangte frühzeitig eine Selbstständigkeit, die mir später zu gut kam, und die mein Glück hatte sein können, wenn ich überhaupt zum Glücke geboren wäre. Josef entsprach in Preßbnrg den Erwartungen, die man von seinem Talente hegte, er ward einer der tüchtigsten Talmudjünger, doch der Talmud ist, wie ich einmal in einem jüdischdeutschen Buche gelesen habe, ein Meer ohne Grund, man wird mit diesem Studium niemals fertig. Josef war bereits mehrere Jahre auf der Hochschule und immer hörte man das gleiche Lob von ihm. — „Er wird ein feiner Bachur." — Meine Tante war jedoch von diesem Lobe vollständig befriedigt und beseeligt, sie schickte ihm fleißig Geld, so viel sie sich nur absparen konnte, versorgte ihn auch mit Wäsche, Lebensmittel und allem Röthigen, denn Josef war bei aller seiner Geschicklichkeit nicht im Stande einen Kreuzer zu verdienen. — Seine Mutter besuchte ihn auch einige Male, doch, was mir stets auffallend blieb, er kam niemals auf Besuch nach Hause. Das Talmudstudieren muß ein so leidenschaftliches, ausschließendes sein, daß es alle Gefühle des Familienlebens abstumpft. Nur allzuschnell trat der traurigste Wendepunkt meines

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