Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 6 (21.3.1867)
- Date
- 1867-03-21
- Page
- Seite 48 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Lebens ein. — Ich hatte kaum das 12. Jahr überschritten, als meine treue Pflegemutter nach einer längern Krankheit, in der ich sie Tag und Nacht mit unermüdlichem Eifer wartete, das Zeitliche segnete. — Es ist überflüssig meinen großen Schmerz zu schildern — ich stand nun einsam und verlassen, ohne Freund, ohne Annehmer und Rathgeber in der Welt. — Nach den 7 Trauertagen erhob ich mich endlich aus meiner Betäubung und dachte an meine Zukunft. — Der einzige Ausweg, der mir blieb, war einen Dienst zu suchen, und einen solchen fand ich auch bald in einem Städtchen, das nur einige Stunden von meiner bisherigen Heimath entfernt war. — 7 lange Jahre brachte ich so zu unter der Herrschaft guter und böser Frauen und ich machte in dieser Zeit die ganze Stuffenleiter dienstbotlicher Stellungen als Kindermädchen, Magd, Köchin, Wirthschafterin etc. durch. — Ich hatte auch öfters in dieser Zeit mein Domicil gewechselt. — In meinem 19. Jahre stand ich zu meinem Unglücke bei einer bitterbösen Frau, die niemals zufrieden zu stellen war, und die mich aus einem mir unbekannten Grunde, im Dienste zu hassen schien. — Ich ertrug alles mit Geduld, ich wußte, daß ich jedenfalls noch 4 Monate unter dem Joche schmachten müsse, bevor ich einen neuen Dienst antreten könne. — In dieser Periode des Jammers und der Leiden wurde ich eines Tages seltsam überrascht. — Ich war mit einer Arbeit beschäftigt, als ein schöner junger Mann eintrat, und mich ohne lange Umschweife mit folgenden Worten anredete: Ich komme mein Wort einzulösen, du kennst mich wohl nicht mehr, schöne Tante ich bin dein Cousin Josef, willst du meine Frau werden—? Meine Befangenheit mein Erröthen lassen sich leicht denken, doch wozu die Geschichte lang ausspinnen, 8 Tage, nachdem ich dem Hasse und den Verfolgungen meiner Herrin, bei der ich bis zum bestimmten Termin aushielt, entronnen war, ward ich Josefs Weib. — Mein Mann hatte keinen eigentlichen Beruf, mit all'seinem talmudischen Wissen konnte er es zu keiner Stellung im Leben bringen, sein Geist war zu unstät, um sich an irgend eine bestimmte Thätigkeit zu binden. — Als unerfahrnes Mädchen, das sich mit Niemanden berathen konnte, hatte ich freudig meine Einwilligung zur! Heirath gegeben, ohne auch nur daran zu denken, ob mein! Verlobter im Stande sein werde, sich und sein Weib redlich zu ernähren. — Ich hatte einige hundert Gulden theils aus elterlichem Erbtheil, theils von den Ersparnissen meiner Dienstzeit, und Josef war ein feiner Bachur, das war für mich mehr als.genügend alle Bedenken zu zerstreuen. — Fünf volle Jahre verlebten wir in der Ehe. Es war für mich keine Zeit des Glückes. — Bei Noch und Entbehrungen schmolz nach und nach unser kleines Vermögen. — Josef war häufig vom Hause abwesend, machte auch zuweilen kleine Reisen, und brachte mir auch oft Geld für die nothdürftige Bestreitung unseres kleinen Haushalts. — Doch das war es nicht was mich unglücklich machte, ich hatte wenig Bedürfnisse, und war am Entbehren von Jugend an gewöhnt; auch liebte ich meinen Mann, und hatte keine Ursache an seiner Liebe gegen mich zu zweifeln. — Was aber meinen Gram durch die Zeit unseres Zusammenlebens nährte, war die tranrige Ueberzeugung, die ich bald nach unserer Hochzeit gewann, daß Joses einer Leidenschaft anhing, von der er sich trotz meinen Bitten, Vorwürfen und Thränen nicht trennen konnte. — Er war ein leidenschaftlicher Spieler. — Schon in Preß bürg hatte er seine Zeit zwischen dem Talmud und den Karten getheilt, und wie ich später erfuhr, fiel die größere Hälfte den letztern zu. — Eines Tages kam Josef in heiterer Laune nach Hause, verkündete mir, daß er sogleich eine Reise antreten müsse, um für jemanden ein Geschäft abzuschließen, das auch ihm einen nahmhaften Gewinn abwerfen werde. — Er hatte eine bedeutende Summe bei sich, und ließ auch mir einen mehr als ausreichenden Betrag für den Hausbrauch zurück. — Er wollte in 8—14 Tagen zurückkehren. — Ich habe ihn seitdem nie wieder gesehen und auch keine Spur von ihm erlangt. — Die allgemeine Vermuthung ging dahin, daß er in der neuen Welt seine europäische Vergangenheit zu vergessen suchte. Nun war ich unglücklicher als je, mein einziger Trost bestand darin, daß unsere Ehe kinderlos blieb. — Ich suchte mich durch meiner Hände Arbeit so gut es anging, zu ernähren. — Ich trat auch wieder für eine Zeit in Dienst, doch das Schicksal war mir immer feindlich. — Die Rücksichten einer verheiratheten Frau traten mir oft hindernd in den Weg, und ich. konnte nirgends Ruhe finden. — Das Mißgeschick verfolgte mich auf allen meinen Schritten. — Endlich verließ ich mein Vaterland, um anderwärts ein Glück zu sucken, das ich in der Heimath nicht finden konnte. Erst in Ihrem Hause, edle Frau, fand ich die Ruhe, die meiner Seele so noth thät. — Meine Geschichte ist zu Ende. Die Rebezin Rösel hatte mit Spannung der Erzählung der Tante gelauscht, und zum öftern füllten sich ihre Augen mit den Thränen des Mitleids und der Theilnahme. — Die Tante hatte, ohne daß sie es ahnte, noch einen zweiten Zuhörer. — Simon Frohmann, der im Nebenzimmer zu schlafen schien, hatte in Wirklichkeit kein Auge geschlossen, und kein einziges Wort aus der Erzählung der Tante ging ihm verloren. — Für seinen scharfen durchdringenden Geist war sic mehr als eine einfache Biografie sie war die Entwicklung eines Familiendramas— Wie ein Blitzsttahl fuhr es durch seinen Geist, und er war überzeugt von dem was er nur errathen konnte, und was gewiß auch manche Leser errathen haben, daß die Tante die Schwägerin von Schaje Doktor, die spätgeborne Schwester seines verstorbenen Weibes, die junge Tante seines Sohnes Samuel sei. Die weitern Aufklärungen, die der Rabbiner andern Tages veranlaßt, führten zur Gewißheit — Schaje Doktor konnte nun natürlich die Tante nicht heirathen — Er both ihr sein Haus, sein Vermögen an, doch Hindel Stein schlug allcs aus— „Ich bin glücklich und zufrieden, sprach sie, ich brauche nichts—* Sie blieb bis an ihr Lebensende im Hause Frohmanns, sie half treulich und liebevoll die Kinder deS Rabbiners, deren Zahl sich ziemlich vermehrte, erziehen, und theilte Leid und Freud des Hauses, das sie einst so gastlich aufnahm— Bei den häufigen Familienfesten zu denen der reiche Ehesegen des Hauses Anlaß both, war Hindel Stein die glücklichste Theilnehmerin. Am Hochzeitsfeste der ältesten! Tochter Frohmanns ließ sie sichs nicht nehmen ein Tänzchen! zu machen, und die Rebezin wollte sogar behaupten, die! Tante habe gegen ihre Gewohnheit bei diesem Feste etwas | tiefer ins Glas geguckt— | Auch ihre Stunde schlug— Nach einer kurzen Krankheit j hauchte sie ihr edles Leben aus. Ihrem Alter nach hätte sie noch lange leben können — Das ganze Haus FrohmannS beweinte die treue Freundin— Der Rabbiner hielt ihr eine Leichenrede, die alle Anwesenden am Begräbnißplatze zu ThrSnen rührte, er sagte ihr ein ganzes Jahr, wie ein Sohn seiner Mutter das Kadischgebet nach, er hielt auch bis zu seinem Tode ihre Jahrzeit — Die von ihm verfaßte Inschrift, auf dem großen Leichensteine, den er ihr setzen ließ, rühmte ihre Treue, Tugend und Frömmigkeit. Schaje Doktor erreichte ein hohes Alter, doch auch er mußte endlich der menschlichen Vergänglichkeit seinen Tribut zollen— Sein bedeutendes Vermögen widmete er, auf Frohmans Anrathen zu einer Schulstiftung in Weilenheim. Ein Legat, das er dem Rabbiner machen wollte, wurde von diesem nicht angenommen— „Mir hat Gott, sprach er, bis jetzt geholfen und wird mir weiter helfen, wozu soll ich das nehmen, was in 100 Jahren armen Kindern noch fehlen würde. Druck von Senders -e Brandri» in Prag.