Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 6 (21.3.1867)
- Date
- 1867-03-21
- Page
- Seite 46 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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46 lehcnsinstitut, das jedem Unbescholtenen gegen Bürgschaft eines Hausbesitzers unter den günstigsten Bedingungen*) Grcbit gewährt.— Im verflossenen Jahre wurden zu den im Beginne des Jahres 1866 ausstehenden 34. 670 Thl. 2 Sg. 3 Pf. 391 neue Darlehen im Gei'ammtbetrage von 76. 179 Thl. ausgcgeben. Auf den Gcsammtbetrag 'von 110. 849 Thl. 2 Slbg. 3 Pf. wurden zurückgczahlt 71.560 Th. 25 Slbg, so daß als Darlchcnsaktiva verblieben 39.288 Th. 7 Slbg. 3 Pf.— Zur Hebung des Handwerks bei den Israeliten wurde eine Handwerkerstiftung errichtet, in welcher sich am Schlüsse des Jahres 1866 18 Lehrlinge befanden, und zwar 1 Uhrmacher, 1 Goldarbeiter, 1 Tapezierer, 2 Lithographen, 3 Conditorcn, 1 Klempfner, 1 Töpfer, 1 Buchbinder, 2 Schneider, 1 Maurer, 1 Bildhauer, 1 Hutmacher, 1 Drechsler, 1 Zcugschmied. Von den 10 Franke l s ch e n Fr eist ell en an der Breslauer köuigl. Kunstbau- und Handwerksschule waren 7 besetzt. Von den Stipendiaten sind 4, und zwar 2 wiederholt, 2 zum ersten Male mit der großen, beziehungsweise kleinen silbernen Medaille prümiirt, resp. belobt worden.— An anderweitigen Stipendien wurden vergeben: 2 zum Besuche des kugl. Gewerbe Instituts zu Berlin, eins zum Besuche der kngl. Bau- Akademie und eins zum Besuche der kngl. Akademie der Künste daselbst.— Endlich wurde auch zur Beschaffung billiger Wohnungen, was in großen Städten für den kleinen Mittelstand von besonderer Wichtigkeit ist, eine Häuserstiftung gegründet. 4 große Häuser gehören bereits der Stiftung an, das vierte Haus wurde erst in diesem Jahre vollends ausgebaut, und ist schon in allen seinen Räumen bezogen. Es zählt 26 Wohnungen, zu dem jährlichen Miethsprcise von 18 — 45 Thl. "-A“? das gilt von den edlen Stiftern in vollstem Maße; sie haben sich Denkmäler errichtet, die dauernder, als Erz und Stein, bis in die spätesten Zeiten von ihrer Hochherzigkeit und ausgezeichneten Menschenliebe zeugen werden. — H.. K. Mecklenburg. Die Inden in Mecklenburg haben sich mit einer Petition an das norddeutsche Parlament gewendet, in welcher sie den Antrag stellen den geheiligten Grundsatz der bürgerlichen Gleichstellung in Bezug auf die Mecklenburger jüdischen Glaubens zur Geltung zu bringen. Zum ersten Male werden hier dem Reichstage die Mecklenburger Zustände in drastischer Weise angeführt. „Aus der Tiefe des politischen Elends, in welchem die Mecklenburger jüdischen Glaubens noch immer schmachten, richten wir hoffnungsvoll den Blick zum hohen Reichstag empor". — So beginnt die Eingabe ihre Mittheilungen. Man erfährt nun, daß die Mecklenburger Juden noch immer wie eine Pariakaste behandelt werden, und man glaubt sich in die Zeiten des finstersten Mittelalters zurückversetzt. Es ist kaum glaublich aber wahr, daß der Jude in Mecklenburg von dem Erwerbe eines ländlichen Grundstückes ganz ausgeschlossen ist, und ein städtisches Grundstück nur nach eingeholter Erlaubniß des Ministerium, deren Kosten etwa 16 Thlr betragen und in die greßherzogliche Cassa fließen, erwerben darf. Der Jude ist dort ausgeschlossen von der Gewinnung des Bürgerrechts, ja in den Städten Rostock und Wismar ist ihm bis auf den heutigen Tag überhaupt die Niederlassung verwehrt. Der jüdische Kaufmann darf nach gewonnener Niederlassung nicht ohne landesherrliche Concession Geschäfte betreiben. Zur Advokatur wird der Jude zugelassen, aber nicht zum Notariat, nicht zu einem richterlichen Amte. Der französische Jude darf nach dem mecklenburgischfranzösischen Handelsverträge in Mecklenburg Landgüter und Häuser erwerben, und ohne Concession des Ministeriums Handel treiben; nicht so der Mecklenburger Jude oder der Jude in einem der andern deutschen Staaten. Die Dinge sind so haarsträubend und der¬ *) 2 pr Ct. Zinsen und ratenweise Rückzahlung des Kapitals wöchentlich so viel Silbergroschen — als Thaler des Darlehens. maßen im Widerspruche mit unserer Civilisation, daß man wohl hoffen darf, der Reichstag werde Akt von den Beschwerden nehmen und Abhilfe derselben zu verschaffen suchen. Locale und auswärtige Neuigkeiten. Prag. Dieser Tage starb ein hoffnungsvoller Schüler der höhern Talmud - Torahklasse am Typhus. Eiu zahlreiches Geleite folgte dem Leicheuzuge. Aus dem israel. Gottesacker hielt Herr Prof. Or. Kämpf die Leichenrede. Ungarn. Dem „P. Hirlap" zufolge hat die Regierung 3 ungarische Rabbiner mit der Ausführung der bereits vor mehreren Jahren projektirteu Rabbinerseminare und deren Beaufsichtigung beauftragt. Triest. Herr Elia, Ritter von Morpurgo Direktor des östr. Lloyd wurde in den österreichischen Freiherrcnstand erhoben. Leipzig. Im hiesigen „Germanistenklub ist der Plan zur Herausgabe einer jüdisch-deutschen Bibliothek aufgetaucht, der bis iu's 14. Jahrhundert zurückreichen soll. Die Hauptträger des Gedankens sind vr. Hildcbrandt, der fleißige Mitarbeiter am Grimm'schen Wörtcrbuche und Leiter dieses Vereins von Lehrern und Studircnden dieser Sprachforschung und der als Translator thätige vr. Lotze, welcher im Besitze einer reichen Sammlung des einschlägigen Materials ist. Die Herausgeber glauben durch ein solches Werk Nachweisen zu können, wie eng in sprachlicher Beziehung noch das heutige „Judendentsch" sich dem Mittelhochdeutsch anschließt und wie vielfach deutsche Sage und Dichtung in die jüdische Volksphantasie übergegangen sind die sie dann nach eigener Art und Eigenschaft umgewandelt hat. Heidelberg. In dem naheliegenden Orte Leimen fand die Feier des 50jährigen Dienstjubiläums des dortigen israel. Lehrers Mayer statt. Der Jubilar wurde von den Honoratioren des Ortes und den sämmtlichcn Mitgliedern der Jsralitengcmeindc in die Synagoge begleite, wo Rabbiner Fürst von hier und dessen Sohn, Rabbiner in Baireuth warme Ansprachen an ihn hielten. Er erhielt nahmhafte Geschenke von der israelitischen und politischen Gemeinde Leimen, von den Jsraelitengemeinden Rohrbach und Sondhausen; von dem isr: Oberrath erhielt er ein Ehrengeschenk von 10 Dukaten. Am Nachmittage wurde in einem dortigen Gasthause ein einfaches Festmal arangirt, an dem sich unter vielen andern fremden Gästen auch der Bürgermeister von St. Ilgen betheiligte. (Israel. Lehrer.) — Venedig. Der gelehrte Prof: Lelio della Torre in Padua hat an die Israeliten in den Provinzen Venezia und Mantua einen warmen Aufruf erlassen, worin er zum zahlreichen Beitritt zur ^.llianee israelite universelle in Paris auffordcrt. Padna. Luzzato's Uebersetzung des Propheten Jesaias ist nun vollendet, und vollständig erschienen. Mailand. Am 10. Feber fand das Leichenbegängnis des Advokaten Bascvi statt. Die überaus zahlreiche Begleitung aus allen Ständen und Confessionen gab einen deutlichen Beweis von der hohen Achtung, deren sich dieser unser Glaubensgenosse während seines ganzen Lebens erfreute; er erreichte ein Alter von mehr als 80 Jahren. Tnrin. Herr August Falco, Zögling der Normalschule zu Modena, von jüdischer Abkunft wurde zum Unterlientenant im 29. Infanterieregiment ernannt. Diese Beförderung wurde um 6 Monate verzögert, weil der wackere Jüngling noch nicht das gesetzliche Alter von 18 Jahren erreicht hatte. Corsa. Für die durch das Erdbeben im nahen Cephalonien beschädigten Einwohner hat unser Herr Rabbiner unter den hiesigen Israeliten eine Sammlung veranstaltet. — Paris. Unlängst starb in Joinville der dortige Rabbiner Frank im Alter von 108 Jahren. Bis kurz vor seinem Tode machte er noch täglich längere Spaziergänge zu Fuß. Er bediente sich niemals eines Augenglases, und auch sein Gehör blieb ihm bis zum letzten Tage seines Lebens ungeschwächt.