Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 4 (21.2.1867)
- Date
- 1867-02-21
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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29 Sohn Namens, Benjamin bekannt, dessen Zebi in seinen Responsen Nro. 1 erwähnt- Lerichtigungen und Ergänzungen. i. „Das ist der Fluch der bösen That, daß sie fortzeugend Böses muß gebären." Hat sich ein falsches Factum geschichtlich einmal festgesetzt, so ist es auch mit den schlagendsten Beweisen nicht mehr zu entfernen. Wie der Hyder wachsen ihm stets neue Köpfe nach, wenn ihm deren auch noch so viele schon abgehauen wurden. So wird beispielsweise in der jüdischen Literaturgeschichte, noch immer hie und da der ge* feierte Raschi fälschlich Iarchi genannt, trotz der dagegen von Zunz und anderen vorgebrachtcn wahrhaft niederschmetternden Argumente, bloß weil es einem Bibliografen einst begegnet ist, die Abreviatur R. Sch. I., Rabbi Schelomo Iarchi statt Jizchaki zu lesen. Aehnliches ist in der Geschichte Böhmens mit den Angaben des Chronisten Hageks bezüglich der Juden der Fall. Dieselben wurden seit Dobner von den bewährtesten Geschichtsforschern Böhmens, als das was sie sind, als Fabeln als Lügen erkannt. Dennoch hat es Hagek nach wie vor an leichtgläubigen Nachbetern und Nachtretern niemals gefehlt; es war auch so bequem über die seit ältester Zeit in Böhmen wohnenden, wie man auch über ihn denken mochte, immerhin interessanten Volksstamm, von dem die meisten historischen Quellen nur spärliche Kunde geben, hier mancherlei und zwar recht pikante Nachrichten zu finden. So pflanzten sich die Mährchen Hageks durch unzählige Schriften und Schriftchen, Chroniken, Geschichtsauszügen, Reisebeschreibungcn und Aufsätzen aller Art bis in die neueste Zeit parasytenartig fort. In Nr. 2 dieses geschätzten Blattes ließ sich auch Hr. H. Kohn verleiten, ungeachtet er die notorische Lügenhaftigkeit Hageks in vollem Umfange anerkennt, dennoch eine der von ihm erzählten, die Juden in Böhmen betreffende Begebenheit als glaubwürdig darzustellen. Cs ist dieß gerade die älteste, daher auch unznverläßigste Nachricht, die Christen hätten mit Hülfe der Juden in ^Prag, im Jahre 995 über die Heiden einen entscheidenden Sieg erfochten, und zum Dank dafür den Juden eine Synagoge auf der Kleinseite zu erbauen gestattet. Keiner der bekannten böhmischen Chronisten erwähnt dieses gewiß höchstwichtigen Ereignisses auch nur mit einer Sylbe. Cosmas, geboren im Jahre 1045 hätte dergleichen, was sich erst 50 Jahre vorher zugetragen, sicherlich nicht unbeachtet gelassen. Auch die Biographen des h. Adalbert, der eben um diese Seit Böhmen verließ, hätten nicht ermangelt, etwas von einer solchen für die Christenheit sehr bedeutungsvollen Begebenheit mitzutheilen. Nur dem mit der Wahrheit cs nie genau nehmenden, sechsthalbhundert Jahre später lebenden Hagek war es Vorbehalten, aus geheimen keinem Sterblichen sonst bekannten Quellen, das bis dahin Verborgene zu entdecken und der Welt zu offenbaren. In Wirklichkeit aber ist die ganze Erzählung vom Anfänge bis zn Ende, ein bloßes Gebilde der Phantasie. ES gab um jene Zeit in Böhmen keinen Kampf zwischen Christen und Heiden, es hatten Erstere keinen Sieg, weder ohne noch mit Hülfe der Juden errungen, und cs haben Letztere auch keine Synagoge aus der Kleinseite gebanet. Zu Ende des 10. Jahrhunderts war Böhmen schon gänzlich zum Christenthum bekehrt, nur daß sich uoch manche heidnische Sitten erhalten hatten. Beweis dafür ist, daß der h. Adalbert seinen böhmischen Bischofssitz damals verließ, um sich der Werke der Heidenbekehrung in Preußen zu widmen, es daher in seinem Vaterlande nicht mehr nöthig hielt, Ungläubigen das Evangelium zu predigen. Auch daß Hagek etwas erfinden sollte, was zu Gunsten der Juden lautet, ist nicht so auffallend. Wir finden es überhaupt ganz ungerechtfertigt, ihn als Judenfeind darzustcllen. Jedesfalls war er cs nicht mehr als seine andern christlichen Zeitgenossen. Wenn er von Brunnenvergiftungen und Kirchenentweihungen der Juden spricht, so waren dieß die landläufigen Anschauungen seines Jahrhunderts. Er hat mehr von Uebelthaten berichtet, die gegen die Juden verübt wurden, größtentheils ohne dieselben auch nur durch Angabe eines Grundes zu entschuldigen, wie die angeblichen Austreibungen anno 1076 und 1181 und die Plünderungen 1187 und 1336. Seiner Geschichte gar zum Vorwurf machen, daß sie die spätern Judenverfolgungen verschuldet, ist etwas naiv. Er hatte seine Erdichtungen nicht ans Judenhaß, überhaupt, nicht mit tendenziösen Hintergedanken nieder geschrieben. Waren doch nicht die Juden allein das Objekt seiner Fabeln; was hat er nicht alles über die ersten böhmischen Herzoge zusammen gelogen, und nach echter Lügenweise, mit Angabe aller Details; er weiß von dem was sich vor Jahrhunderten ereignet haben soll, alles ganz genau, mit Namen Ort und Zeit ja sogar den Tag anzugeben. So waren es anno 1059 Aberlein Sohn Solmayers und Cheym Sohn des blinden Mouschel, die man bei der Brandstiftung von Kirchen ertappte. Anno 1067wäre den Juden der Aufenthalt theils am Aujezd, theils auf der Altstadt angewiesen worden, und zwar am 14. Juli. 1235 schickte König Wenzel nach den Judenältestcn, von denen einer Kain Sohn Josephs hieß. In ganz gleicher Weise verführt er mit allen seinen apokryphen Berichten, nicht zu einem bestimmten konsequent vor Augen habenden Zweck, sondern um hie und da, wo ihm die Geschichte Lücken zu bieten schien, mit seiner Einbildungskraft nachzuhelfen, und den mangelnden reellen Thatsachen, ideelle zu substituiren. Alles was Hr. Kohn für seine Ansicht beizubringen vermag, besteht darin, daß Cassels Versuch das Verfahren Hageks in dieser Sache zu motiviren, (Artikel Juden in Ersch und GruberS Encyklopädie) nicht gelungen sei. Aber damit ist die Wahrscheinlichkeit des erzählten Faktums nicht um das Geringste erhöht. Wie wir bereits gezeigt, ist eine solche nähere Motivirung gänzlich überflüssig. Aber Herr K. führt noch andere Truppen zur Unterstützung seiner Behauptung ins Treffen. Hat doch nämlich, auch der jüdische Prager Annalist David Gans in seinem NN rtEtf dieses Kampfes, nach der Chronik Bariks (sie!) erwähnt, also dieses Datum nicht dem Hagek entlehnt, und berichtet doch Dubravius ganz Gleiches. Wir wundern uns, daß Hr. K. dieses Argumentes nur so nebenbei, und ohne gehöriges Gewicht darauf zu legen, sich bedient. Wären wirklich noch andere gleichartige Berichte, ohne daß dieselben sich auf Hagek zurückführen ließen, vorhanden, so wäre für die Glaubwürdigkeit des fraglichen Faktums mehr gethan, als durch alle Widerlegungen Cassels. Das ist jedoch nicht der Fall. Boregk (nicht Barik) der Gewährsmann deS in nssr in böhmischer Geschichte, hat freilich nicht unmittelbar aus Hagek geschöpft. Schrieb doch dieser seine Annalen in böhmischer Sprache, von welcher der arme Boregk, obwohl ein Breslauer, und daher Unterthan der böhmischen Krone, nicht ein Sterbenswörtchen verstanden zu haben scheint. Aber seine Hauptquelle war Dubravius, der seinerseits seinem Zeitgenossen Hagek treulich nachschrieb. Dem David Gans ist Nichts zn verdenken, er stand auf der Höhe seiner Zeit. Er benützte Boregks kur; vorher, nämlich im Jahre 1587 erschienene „Böhmische Chronicka," als das neueste böhmische Geschichtswerk seiner Epoche. Wir haben also die Fabel hier nur aus tertiärer Quelle. Entsagen wir daher dem zweifelhaften Verdienst, den heidnischen Czcchcn eine Niederlage bereitet zu haben, cs könnten nns am Ende die Nationalen noch dafür verantwortlich machen wollen, daß wir der berccbtigsten historischpolitischen Individualität Czechiens schon vor ungefähr 900 Jahren feindselig entgegengetreten wären. _Simon Hock.