Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 4 (21.2.1867)
- Date
- 1867-02-21
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
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28 Richterplcll ansgeführt. Trotz Händeringen, Weinen und Flechen, trotz'em er dessen Knie umfaßte und ihn flehendlichst bat sich «eines jungen Blutes zu erbarmen, daß er ihm, da er dock nichts verbrochen habe, sein Leben schenken möge! Aber rmlonst; nichts vermochte sein starres Herz zu erweicken! keine Thränen, keine Vorstellungen, daß selbst ein Fell davon gerührt worden wäre waren im Stande ihn zu bewlgen! Das Einzige, was er ihm gewährte, war — daß er sein litztes Gebet verrichten dürfe! Der Arme verrichtete kniend sein letztes Gebet und empfahl Gott seine Seele und seine thcucre Gattin. — Schon schwang der Hctmann den mörderischen Stahl über sciu Haupt, um mit einem Streiche ein Garaus mit seinem Leben zu machen; als plötzlich ein guter Genius sich seiner erbarmte, und ihn aus der Todesgefahr rettete. DcS entmenschten Tyrannen bemächtigte sich endlich das Mitleidsgefühl ein solches junges Leben so früh der Welt zu entreißen; er schwang > plötzlich die Klinge um, gab ihm bloß mit dem Griffe der- \ selben einen Streich über den Nacken mit dem donnernden j Worten ihm zurufend: „Flieh junger Hund, und rette dein! Leben!" Jakob der besinnungslos darniederstürzte, nicht glaubend ob er den Kopf auf seinem Rumpfe noch besäße, lag einige Minuten wie todt darnieder. Erst als er wieder zur Besinnung kam und sich ein wenig wiederum erholte, überblickte er in welch gräßliche Lage er gerathen! Nichts als voll von besäten Leichen, Polaken und Juden röchelnde verstümmelte Gestalten, die vom Blute ihrer klaffenden Wunden triefend mit dem Tode noch rangen, boten sich seinem Blicke dar! Er entschloß sich um vor etwaigen sernern Gefahren geborgen zu sein, sich zwischen den Leichen einen Versteck aufzusuchen und so lag er des Tags über wie leblos zwischen denselben, des Nachts hingegen schlich er sich heimlich um sich Kräuter und Wurzeln zu sammeln, damit er sein Leben fristen könne. So verbrachte er volle acht Tage. Endlich nachdem die Feinde diese Gegend verließen, wagte er sich auch aus seinem Verstecke heroorzukommen, und trat unter Gottes i Schutz seine Weiterreise an. Bei der oben beschriebenen Scene waren auch mehrere jüdische Flüchtlinge zugegen, die den Jakob kannten, und ihn unter des Hetmanns Schwertstreich stürzen sahen, was Wunder, daß sie ihn für todt hielten! Aus Furcht daß sie selber das schreckliche Loos nicht treffen, ergriffen sie schleunig die Flucht, und kamen glücklich nach Mähren an. Bei ihrer Ankunft überbrachten sie dem ohnedies von Kummer gebeugten Efraim die Hiobspost von dem! Ungemache seines nun nicht mehr lebenden Schwiegersohnes. Thenere Leserinnen! wer von Euch je so glücklich war einen solchen liebenswürdigen, gemüthlichcn frommen und gelehrten Gatten zu besitzen, der wie unser Jakob mit Herz und Gemüth, mit ganzer Seele, mit allen seinen Lebenspulsen für Euch vibrirte; mit einem Worte, wer von Euch ein solches theueres Kleinod, das euere Zierde, Euer Ruhm, und Euer Stolz war, sein nennen durfte; und wen je von Euch das j herbe Loos traf von einem solchen Gatten durch den unerbittlichen Tod gar durch einen schmählichen Tod entrissen zu werden: diese nur werden es am meisten mit unserer liebenswürdigen jungen schönen Nachama ihren Schmerz > theilcn!! Nachama, die natürlich ganz untröstlich war, beschloß j in ihrem Witwenstande zu verbleiben, um im Stillen den j Verlust ihres jugendlichen Gatten zu beweinen. Obgleich sich; ihr wieder mehrere splendide Heiratsanträge darboten, (denn vermöge der rabbinischen Satzungen durste eine Ehefrau, deren Manu vermißt wurde, durch die Bestätigung zweier Zeugen, daß ihr Mannn wirklich todt sei, wiederum von neuem in die Ehe eintreten), und obgleich ihr Vater selbst sie dazu bewegen wollte, konnte sie sich nicht entschließen diesen Schritt zu thun. Sie verbrachte gegen ein halbes Jahr in diesem traurigen Witwenstande zu. — Eines Tages, als sie so einsam beim Fenster saß und mit matt herabhängendem Haupte über ihre unglückliche Lage, über ihr seliges Einst und über ihr trauriges Jetzt nachdachte, wobei mancher tiefe Seufzer aus ■ ihrer tief zerklüfteten Seele hervorgeholt wurde, und endlich wie inrmer ein Strom von Thränen diese Reflexionen besiegelte, und nachdem sie wieder neuerdings Math faßte, und ihr Geschick der Vorsehung empfahl mit dem tröstenden Gedanken sich beruhigend, daß der, welcher Vater der Witwen und Waisen ist. auch ihr Vater sein, auch ihrer sich annehmen und ihr Herz wiederum erfreuen könne: warf sie wie von ungefähr ihre Blicke ans die Hausflur hinaus. Himmel, wen erblickte sie da! Jsts möglich, daß cs ihr heißgeliebter Gegenstand, für den sie ihr Alles ja ihr Leben hergebcu würde, sein soll? — Sollte ein guter Engel sein theueres Hanpt beschützt haben? oder ists vielleicht nur ein trügerischer Traum, der ihre Fantasie hämisch beschleicht und Trugbilder ihr vorspiegelt? — Während sie sich in dieser verzweifelten Situation befand, zwischen Hoffnung und Furcht, Freuden und Leiden schwebend, flog eine junge rüstige Gestalt mit verklärten, hehren Gesichte in ihre Arme, wer war es anders als ihr heiß geliebter Jakob Aschkenasi, für den sie so viel gelitten, so viel Thränen vergoßen! — Meine Feder ist zu schwach, die Gefühle und Herzensregungen alle zu schildern, was die beiden Wesen in diesem Momente gefühlt haben mochten! Lange lagen sie fest umklammert in ihren Armen; in ihren Blicken lag eine Welt von Gefühlen und Empfindungen, die mehr sprachen als eine jede beredte Zunge vermag, und die Ueberfülle der Freude versagte ihnen die Sprache, erstickte ihnen die Stimme. Endlich machte sich Jakob Luft, und rief, indem er Freudenthränen vergoß gleich seinem Namensgefährten, dem Erzvater Jakob: „Endlich will ich gern sterben, nachdem ich dein Angesicht wieder gesehen habe!" Daß sie von neuem gleichsam ein zweites Hochzeitsfest und alljährlich zur Erinnerung an diese wunderbare Errettung ein Familienfest gefeiert, versteht sich von selbst. In Mähren nähmlich in Meseritsch, verlebten sie einige Jahre im Hause des Efr. Kohn glücklich und zufrieden. Es dauerte nicht lange, ersetzte ihnen Gott für die vielen bestandenen Leiden mit einem herrlichen Knaben mit dem nachhcrigen Zebi Aschkenasi. Im Jahre 1666 als Efr. Kohn den Rabbinerposteu von Ofen erhielt, verließ er auch Mähren, und begab sich sammt Familie mit dessen Schwiegervater dahin, wo er daselbst gegen 20 Jahre bis zur Einnahme desselben durch die österreichischen Truppen im Jahre 1686 verlebte. Hier gab er sich ausschließlich mit der Erziehung und dem Unterrichte seines geistreichen Sohnes ab, und es scheint daß Zebi sein umfangreiches Wissen im talmndischen Gebiete nur seinem Vater zu verdanken habe, da er ihn oft als seinen pnmö 3“i bezeichnet. Als durch die Einnahine Ofcn's viele Juden und mit ihnen auch Jakob zu Gefangenen gemacht wurden, wurde er mit denselben nach Berlin Irans - portirt, allwo sie von den dasigen Juden losgekauft wurden. Hier verlebte er einige Jahre. Von da begab er sich nach Altona, wo schon früher sein Sohn Zebi sein Domizil genommen, und mit der Tochter des Salomon Mircles verheiratet war. Nachdem Jakob eine kurze Zeit sich bei seinem Sohne anshielt, faßte er den Entschluß sein Leben in der heiligen Stadt zu beschließen. Es war früher nämlich der sehnlichste Wunsch der Rabbinen, nachdem sie hier viel Ungemach ausgellanden, den Rest ihrer Tage in Jerusalem zu verleben. Durch Polen den Weg cinschlagend gelangte er auch etwa um 1691 daselbst au. Etwa ein Jahr nach seiner Ankunft starb ihm in seinem 70. Jahre seine Jugendgefährtin, die treue und gottergebene Nachama, deren Verlust er bitterlich beweinte; und er mußte nach laut eines dortigen Rabbiner-Status — daß kein Rabbi und wenn er noch so alt wäre, unbeweibt sein dürfe — in eine dritte Ehe eingehen. Das Loos siel auf die ehrwürdige Matrone Tochter des Naftali Kohn Obcrrabbiner in Ff. a. M. Endlich 3 Jahre nach seiner 3. Ehe ging er auch, nachdem er hinieden viel gelitten in eine bessere Welt über in seinem 73. Jahre etwa um 1695. Er hatte nie ein öffentliches Amt bekleidet, noch ein Geistesprodukt hinterlassen. Von seinen Nachkommen ist uns außer dem oben benannten Z. Aschkenasi noch ein