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Das Abendland · 1867-02-07 · 3 (7.2.1867) · p. Seite 23

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Journal
Das Abendland
Volume
IV (1867)
Issue
3 (7.2.1867)
Date
1867-02-07
Page
Seite 23 (sequence 7)
Language
German
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23 Das Ereigniß wird von den französischen Journalen, den jüdischen nicht ausgenommen, verschiedenartig beurtheilt. Einige derselben sehen in einem Glaubenswechscl, der der Liebe seinen Ursprung dankt, gerade nicht das Zeichen einer fortgeschrittenen Zeit. Das Judenthum ist aus solchen Zuwachs eben so wenig stolz, als es über manchen Abfall von seiner Glaubensgemeinschaft, der in weltlichen Rücksichten seinen Grund hat, trostlos ist. * Am pariser Gesanghimmel ist ein neuer glänzender Stern ausgegangen. Fräul: Johanna di Vries, eine Holländerin jüdischen Glaubens, entzückt durch die Lieblichkeit und Kraft ihrer Stimme. Sie ließ sich zuerst im Salon des berühmten Advokaten Cremieux vor einer sehr distingnirten Gesellschaft hören, wo sie ungemeinen Beifall ärnbtcte, (Ar. Is) Madrid. Man ist jetzt eifrig bemüht von der spanischen Regierung die Bewilligung zur Anlegung eines jüdischen Gottesackers zu erlangen. Ein jüdisches Mädchen, das unlängst in Madrid starb, musste nach Paris zur Beerdigung transportirt werden. Feuilleton. Die Tante. Eine Erzählung von Siegfried Hölder. (Fortsetzung.) 4. Aückschau. Der Leser wird sich erinnern, daß Rösel Frohmann schon am ersten Abende als die Fremde unter ihrem gastlichen Obdache weilte an sie die Frage richtete, ob sie ledig oder verheirathet sei: eine Frage, die durch das Sabbathlied des Rabbiners— ob zufällig oder absichtlich, gleichviel— abgeschnittcn wurde, um nicht wieder über die Lippen der neugierigen Frau zu kommen — Die Rebezin hatte es ihrem Manne bei der Ausnahme der Tante förmlich gelobet, jeden Versuch den Schleier zu lüften, der die frühem Lebensereignisse der Tante verhüllte aufzugeben, und sie hielt treulich Wort — Indem Frohmann diese Bedingung an den bleibenden Aufenthalt der Unbekannten in seinem Hause knüpfte, kam es ihm durchaus nicht in den Sinn, daß hinter diesem Schleier etwas Gcheimnißvolles liegen könne, das sich den Augen der Welt zu entziehen habe— Zu einem solchen Argwöhne war auch durchaus kein Grund— Eine junge wandernde Bettlerin war zu jener Zeit nichts so Ungewöhnliches und Auffallendes. Das düstere Elend des Lebens war niemals parthciisch für das eine oder andere Geschlecht, auf dem Gebiethe der Leiden war das Weib zu allen Zeiten emanci-, pirt, es erhielt seinen gehörigen Antheil an dem Schmerz der Menschheit— Was vollends unsere arme Tante betrifft, bedurfte es keines besoudern Scharfblicks, um gleich zu erkennen, daß sie kein Kind der Strasse, keine Herumstreicherin, sondern ein Opfer ihrer traurigen Schicksale sei. Frohmanns kategorischer Wunsch, daß die Fremde über ihre Vergancjenheit nicht ausgeforscht werde, entsprang einzig und allein seinem Zartgefühle, er trug kein sonderliches Verlangen eine Biographie des Unglücks zu hören, er wollte nicht Wunden aufreißen, die vielleicht die Zeit schon längst vernarbt hatte. Möglicher Weise wollte er nebstbei der Neugierde seiner Frau, diesem einzigen Fleckchen in dem glänzenden Charakter der Rebezin, eine wohlthätige Abstinenz auferlegen— Sei dem wie ihm wolle, Rösel Frohmann bestand trefflich die Probe, und, wie wir bemerken müssen— ohne große Opfer, denn als die Tante einige Wochen im Hause Frohmanns weilte, hatte sie sich so in die Familie hineingelebt, als ob sie nie von ihr getrennt gewesen wäre; niemand dachte an ihre Vergangenheit, niemand fragte darnach, man achtete sie als eine würdige Person, die jetzt nicht einmal mehr unglücklich zu sein schien— Schaje Doktor's ernstliche Anträge hatten Tante zu Erklärungen gcuöthigt, die nun auch den Knoten Unserer Erzählung zur Lösung bringen. In dem Grstünduiß yr Tante, daß sie einen Ehemann habe liegt durchaus Nichts x>as unsere Sympathie für ihre Person vermindern konnte, \u Gegenteil, es wendet sich ihr noch mehr unsere Theikyhme zu, wenn wir sie derjenigen stütze beraubt sehen, auf Ae sie nach Gesetz und Recht bauen dar^ — Allein eine Ehefigu kann mau sich n ir recht unter schütz und Obdach ihLzs Mannes in der Sphäre ihres Berufes und ihrer Wirksain^ keil denken, dem Boden ihrer Häuslichkeit entrissen, gleiche sie einer Pflanze in ein fremdes Elima versetzt, einem Weinstock in der Eisregion— Hat sic den Mann, halber Mann sie verlassen? Dieser Zweifel wirft auf die schönste Gestalt einen Schatten, den die innigste Zuneigung nicht so leicht zerstreuen kann— Bei aller Liebe und Achtung, deren sich die Tante in ihrer neuen Hcimath zu erfreuen hatte, konnte die Rebezin sich bei der neuen Entdeckung nicht eines gewissen Mißbehagens entschlagen— In ihrer Seele stieg zum ersten Mate der Gedanke auf, ob sie nicht vielleicht doch Unrecht gethan habe, einer wildfremden Person deren früheres Leben ihr ganz unbekannt war, ihr Hauswesen und die Erziehung ihrer Kinder anzuvertrauen — Sie fühlte in ihrer Brust / eine Beklommenheit, deren sie für den Augenblick nicht Meister werden konnte— Sie antwortete mit keinem Worte auf die Erklärung der Tante; aber mau tonnte leicht ihre Befangenheit und Verlegenheit bemerken— Der Taute war die innere Bewegung ihrer Gebietherin nicht entgangen, und nach einer längern Pause, nachdem sich auch der Sturm ihrer Gefühle gelegt hatte, begann sie wie folgt: Ich kann mir leicht denken, daß Ihnen, edle Frau! mein bisheriges Stillschweigen über meinen Lebenslauf rüthselhaft erscheinen muß, und die Verlegenheit und Unsicherheit womit ich Ihre einfachsten Fragen beantwortete, dürsten manchen Zweifel über mein Vorleben wach gerufen haben. Allein es war nicht der Mangel an einer Heimath und einem Namen, der mich verlegen machte, sondern das gerade Gegentheil, der Uebcrfluß daran, ich kann mehr als eine Heimath und einen Namen mein eigen nennen. Mein ganzes Leben war ein viclbewegtes und sturmvolles— Das Unglück wartete schon auf meine Geburt, um mir als treuer Begleiter durchs Leben zu folgen— Die Rückschau in die Finsterniß meiner Vergangenheit ist allerdings geeignet mir die Gegenwart zu verbittern und zu verleiden, deßhalb sucht ihr mein Gefühl wo möglich auszuweichcn, doch mein Gewissen hat sie nicht zu scheuen — Ich kann ohne Borwurf gegen mich, ohne Gewissensbisse aus mein Leben .zurückblicken — Es ist frei von jeder Schuld, von jedem Makel— Meine Biographie ist etwas abeutheuerlich sowohl in dem Theil, der weit über mein Erinnerungsvermögen zurückreicht, und den ich selbst aus verläßlichen Mittheilungen erfahren habe, als auch in demjenigen Theile den die unmittelbaren Eindrücke mit unverlöschlichen Zügen in mein Gedüchtniß geschrieben — Unter solchen Verhältnissen werden sic es begreiflich finden, daß ich mit der Erzählung meiner Lebensereignisse nicht auf- und zudringlich sein kann — Geduld, Interesse und Zuttauen von Seiten des Hörers sind Bedingungen, die eine Fremde, Unbekannte, Unglückliche nicht so leicht für sich in Anspruch nehmen darf— Das Wohlwollen, mit dem Sie mich, edle Frau! seit meinem Aufenthalte in Ihrem Hause beglücken, läßt mich hoffen, daß Sie mir Ihre Theilnahme zuwenden— Es wäre meinem Herzen eine Erleichterung, wenn ich Ihren Blicken das Bild meines Lebens aufrollen, Ihnen meine Biographie mittheilen dürfte, wenn Sie mir hierzu ein geneigtes Ohr schenken wollten— Die Rebezin, die den Worten der Tante mit der gespanntesten Aufmerksamkeit lauschte, war besonders von dem Schlüsse derselben befriedigt — Abgesehen von der wahren herzinnigen Theilnahme, die sie der Tante schenkte, regte sich in ihrem Innern die so lange zurückgehaltene und gezügelte Leidenschaft der Neugierde, die nun ebenfalls Befriedigung finden sollte— Erzählen Sie, liebe Tante! sprach ne mit

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