Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 2 (24.1.1867)
- Date
- 1867-01-24
- Page
- Seite 15 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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15 bei,. Auch dürfen sie weder auf Esel noch auf Pferden in die Stadt reiten, sondern zu Fuße gehen, was bei dem Umstande, daß sie durch Kloaken ihren Weg machen müssen, eine Erniedrigung bedeutet. Feuilleton. Die Tante. Eine Erzählung von Siegfried Hölder. (Fortsetzung.) 3. Winterklüthen. Frohmann und Schaje Doktor verließen das Amtshaus und begaben sich raschen Schrittes ins WirthshauS, wo sie den Kutscher mit Roß und Wagen zurückgelassen hatten, um so bald als möglich ihre Rückfahrt nach Weilenheim anzutreten— Wir müssen sehen fortzukommen, sprach der Rabbiner zu seinem Begleiter, während des kurzen Weges, der zur „goldenen Sonne" — diesen stolzen Namen trug das unansehnliche Hänschen, das den einheimischen und fremden Gästen nichts als eine kleine Stube als gastliches Obdach both— führte, Sie kennen ja mein Weib! sie hat schon die gestrige Nacht schlaflos zugebracht, die zählt heute gewiß die Minuten, und wenn wir etwas später kommen, glaubt sie bestimmt, der Direktor hat uns hier behalten. Sie haben recht, entgegncte der Doktor, die Rebezin hat gewiß schon ein Duzend Tchinos (Gebete) gesagt, in denen sicher auch die Bitte zu Gott nicht fehlte, daß der Kutscher nicht zu viel trinken und das Pferd nicht stolpern möge - - Wir wollen auch gleich cinspannen lassen— Wohl Ihnen, fuhr er mit gehobener feierlicher Stimme fort, während sich ein schwacher Seufzer seiner männlichen Brust entrang— Ihnen steht ein liebendes Wesen zur Seite, das für Sie fühlt und denkt, und sorgt, ich könnte Wochenlang wcgbleiben, um mich würde sich keine menschliche Seele kümmern, selbst die alte Magdalena nicht, mit deren Geist seit einiger Zeit auch das Gefühl abgcnommcn zu haben scheint — Der Rabbiner war von diesen Worten merklich überrascht, er hätte niemals geglaubt, daß der alte trockene Doktor jemals so sentimental sein könne, auch wußte er nicht ob der Schmerz, dem hier Ausdruck gegeben wurde, der Botschaft aus der Amtskanzlei oder der Vereinsamkeit des Lebens überhaupt galt — Frohmann schwieg, er war ein kluger Mann, ein feiner Beobachter der Menschen in deren Herzen er mit Aufmerksamkeit und Verständniß las, er sprach über niemals ohne Zweck, niemals bloße Worte, ohne damit einen Gedanken zu verbinden; leere Phrasen und Gemeinplätze waren seine Sache nicht — Die beiden Männer gelangten in die dunkle Wirthsstube, die wohl die „goldene Sonne" im Schilde führte, niemals aber mit deren wärmcrn und Hellern Strahlen Bekanntschaft machte — Diese Wirthsstube hatte einen eigenen Kalender, im Sommer war sie kalt, im Winter— Dank dem großen Backofen, der in der Ecke des Zimmers stand — bis zum Verschmachten heiß— in jeder Jahreszeit aber äußerst finster- Das garstige Wetter draußen, welches der Amtsdragoner ge wiß nicht schöner gefunden hätte als das gestrige, trug das tcinigc dazu bei, die sonst kärgliche Lichtbcschcrung des Gemachs noch zu schmälern, und der letzte Rest von Tages Helle, der ihm noch blieb, wurde durch die Anwesenheit so vieler Menschen, wie sie die Wirthsstube zur „goldene« Sonne" noch niemals beisammen sah, um ein Bedeutendes verdnnkelt — Da standen mehrere arme Weiber mit in Lumpen gehüllten Kindern aus den Armen, aus einer Bank saßen mehrere alte Mütterchen stöhnend und klagend, dort standen einige Männer, die rechte oder linke Hand in einer Schlinge tragend, in der Nähe des Ofens standen mehrere bausbackige Mädchen, die Hand vor dem Munde haltend, sie mußten schon etwas von der Civilisation beleckt worden sein, denn sie fühlten einen modernen Schmerz, den sonst das Bauernvolk nickt kannte,— den Zahnschmerz— Neben der Thüre saß ein Mann, der sich immerfort an beiden Füßen rieb, eine und der andere hatte das eine oder andere Auge verbunden; kurz alle Kraukheitselemeute des kleinen Ortes schienen sich in der Wirthsstube das Rendezvous gegeben zu haben— Es war im engsten Raume eine förmliche Kunstausstellung der menschlichen Gebrechlichkeit—Was will die Menge? Was bedeutet der Zusamenlauf? Schaje Doktor hatte es sogleich beim Eintritte ins Wirthhaus errathen — Sehen Sie, Herr Rabbiner, sprach er zu seinem Begleiter gewendet, alle diese Leute kommen zu mir, das sind lauter Patienten — Es thut mir nur leid um die Rebezin, daß unsere Abfahrt dadurch etwas verzögert wird, ich werde eS jedoch so schnell als möglich machen, eintragen wird mir die Sache sonst nichts — Wir haben das bloß dem Kutscher zu verdanken, der kann sich vom hiesigen Bier schwer trennen, so hat er alle Kranken des Ortes, die sich noch bewegen können, zusammengetromurelt, um nur recht lange beim Glase sitzen zu können — Der Doktor machte sich gleich an seiner Arbeit, er fragte einen nach dem andern über sein Leiden und hatte auch für jedes ein Mittel, manchen der Hilfe suchenden reichte er sogleich aus seiner Tasche eiu Pulverchcn oder Fläschchen— Schaje Doktor ging nie ohne Taschenapotheke aus— andern ertheilte er einen Rath, und dieß alles ging mit einer Schnelligkeit vor sich; wie sie nur bei einem „Wunderdoktor" vorkömmt— Es war überhaupt nicht Schaje Doktor's Art, sich viel mit seinen Patienten zu unterhalten — Dennoch vergingen bei diesem Geschäfte anderthalb Stunden, die dem ungeduldigen Rabbi wie Monate vorkamen. Auch der Doktor war froh fertig geworden zu sein, er dachte an die Rebezin und war nicht ohne Mitgefühl für ihre unbezweifeltc angstvolle Besorgniß; das Honorar für seine .ambulante Praxis konnte ihn für die verlorne Zeit nicht entschädigen— Die meisten Patienten fragten wohl— „Was bin ich schuldig? oder in mehr Vorsicht verrathender Weise— „Bin ich etwas schuldig"? allein das lakonische— „Nichts" welches die ganze Antwort des Doktors ansmachte, hatte sie vollständig befriedigt— Nur eines der rothwangigen Mädchen ani heißen Backofen brachte ohne viel zu fragen, der Erhaltung seiner Zähne das Opfer eines silbernen Zwanzigers — das war auch die ganze Geldärndte des gefuchten Heilküuftlers für den heutigen Tag— Man wird deßhalb den Bernfseifer Schaje Doktor's nicht verdächtigen, wenn er sich nicht minder wie der Rabbiner nach der Heimath sehnte; nur der Kutscher schien wenig von dem Weilcnheimcr Heiinweh zu verspüren— das Bier hatte für ihn inehr Anziehungskraft als alle Reize einer Wintcrlandschaft. Die Reisenden verließen das Wirlhsaaus. und im schnellen Trabe ging'S nach Weilenheinr— Als sie nun mehrere Minuten lang durch das heftige Schneewehen daisin fuhren, ohne ein Wort zu sprechen, begann >der Rabbi; Reb Schaje! Sie haben mir vorhin, als wir aus der Kanzlei gingen, eine Bemerkung gemacht, die mir tief in die Seele drangt ich habe nichts ern-iedert, weil ich sie nicht recht zu fassen wußte, allein zweifeln Sie nicht daran, daß ick mit Ihnen fühle, daß mir Ihre Lage zum Herzen geht — Ich habe;">n öfter« darüber nackgcdacht, und habe wirklich gefunden, daß Sie in Ihrer Einsamkeit sich nicht glück ich fühlen kön' ncn— Es ist wirklich io, erwiedcrte der Angereoete nach einer lnrzcn Pause, ich fühle mich einsam verlassen und unglücklich, um es Ihnen kurz zu sägen. ich habe die Absicht mich wieder zu vereblicheu, und um cs Ihnen noch kürzer zu sagen, meine ÄKrhl wäre bereits getrosten. ich liebe, wie nur ein junger Bkann von 24 Jahren lieben kann— rch liebe die treue Dienerin Ihres Hauses, ich liebe die Tante Eine glühende Röthc überzog bei diesen Worten das Antlitz des Doktor's — Frohmannn schwieg ein Weilchen