Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- IV (1867)
- Issue
- 1 (10.1.1867)
- Date
- 1867-01-10
- Page
- Seite 2 (sequence 8)
- Language
- German
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2 Wir werden vorerst unsere Aufmerksamkeit der ehemaligen, Nicolauskirche, auf der Altstadt Prags zunächst dem Altstädter Rathhause und am Eingänge zur Judenstadt gelegen zu. Das Jahr 1348 während der Regierung Kaiser Karls IV. erscheint als die älteste Jahreszahl, welche mit Bezug auf diese Kirche historisch nachgewiesen werden kann. Der böhmische Geschichtsschreiber Hagek von Libocan erwähnt ihrer pag. 319; A v te ulicy zidovske käzal Karel IV. v roku 1348 postaviti tri velike Kolege geden -na roliu zadkem kostela svateho MikuläSe. Wir finden also hier ausdrücklich eine ulico zidovskä Judengasse erwähnt! Der Platz selbst der heute Niklasplatz heißt, hieß damals wahrscheinlich nach seiner ehemaligen Bestimmung, der Hühnermarkt forum pullorum. Zuerst war die Kirche eine allgemeine katholische Pfarrkirche; während der hussitischen Bewegung räumte 1416 König Wenzel IV. den Anhängern des Kelches diese Pfarrkirche zur Communion unter beiden Gestalten ein (Dobrowsky: Beiträge zur Geschichte des Kelches in Böhmen) nachdem das Prämonstratenserstift Strahow früher das Patronatsrecht über dieselbe ausgeübt hatte. Die Kirche blieb fast zwei Jahrhunderte in den Händen der Utraquisten, und diese hielten mit ihrer jüdischen Nachbarschaft guten Frieden. „Husitici 8acerdotes vicinos Judaeos tamquam Socios kereticos ac religionis catholicae natos adversarios magnopere adjuverunt in licentia credendi Religionem suam nefandam“. Die hussitischen Priester unterstützten die Juden, ihre Nachbarn, gleichsam als Genossen ihrer Ketzerei, und als geborene Gegner der katholischen Religion, indem sic ihnen volle Glaubensfreiheit ihrer verruchten Religion ließen (Historia Societatis Jesu Provinciae Bohemiae II. 452). Als im Jahre 1620 auf dem weißen Berge die große Schlacht geschlagen wurde, wodurch die empörte protestantische Aristokratie vernichtet und die erschütterte katholische Monarchie wieder befestigt wurde, ließ es Ferdinand II. an Bsdrückungen der Protestanten und Akatholiken überhaupt und der Juden insbesondere nicht fehlen. Man sorgte für den rückständigen Fond zur Unterhaltung der wiedereinziehenden katholischen Geistlichkeit. In dieser Angelegenheit wurde eine kaiserliche Commission eingesetzt, an deren Spitze Kaspar Arsenius von Radbusa, Domdechant, Joachim Slawata von Chlum, Hauptmann der königlichen Altstadt Prag, und Johannes Guberta, k. k. Hofkriegsrath standen. Diese begann am 3. Juni 1628 mit einer Messe die Untersuchung bezüglich der Rückstelligkeit zu pflegen, erschöpfte nicht ohne Weitwendigkeit den schwierigen Gegenstand und kündigte durch den Ausspruch der Gerichtshöfe folgendes Resultat an: der Magistrat der königlichen Hauptstadt Prag haftet der Patronatsgeistlichkeit für ein Capital von viertausend Schock und stellt hierüber unter dem kleinen Siegel einen Schuldbrief aus. Zwanzig Bürgerhäuser na zähone (in der langen Gasse) welche die Söhne Israels käuflich an sich brachten,, rentiren der Kirche jährlich zwanzig Schock, achtzehn Bürgerhäuser jüngeren Ursprungs, welche die Juden später ankauften, rentirt jedes vier Gulden jährlich, nebst einem weißen Groschen vierteljährlich als Glöcknergeld. Aus diesen Stiftungsforderungen entstanden Processe mit den Israeliten, die jedoch stets zu deren Nachtheile endeten, denn an der Rückstellung aller Rechte und des Kirchenvermögens seien, so lauteten die Entscheidungsgründe, auch hohe Pflichten geknüpft, die den Himmel berühren und schon die Vorfahren der Juden hatten sic zu erfüllen auf sich genommen. Gelio Milost Rzimsky Cisaf & & Käczi Slovütne Radde a Richtari stareho mestaPrazskeho o tom porouöeti aby to wSse cozkoli k tomu Kosteluod starodawna näleäj od zidü scela a zauplna a s nalezitymi poöty a regstry odveno bylo Praga Quento Januarii 1628. Die Cyriaken theilten sich in diesen Einkünften mit den Pfarrern der St. Nikolauskirche, die später dem Benediktinerorden zufiel (1635). Dieser machte im Jahre 1647 den Herrn Zdislaus Ladislaus Grafen Berka von Dube und Lippa zum Abt, und dessen Amtsthätigkeit ist es, die für die Geschichte der Juden Prags von besonderem Interesse ist. In dem Vitae Abbatum I c. lesen wir von katholischer Feder über ihn: „er habe die Würde eines Abtes nicht gesucht, um in dem irdischen Kreise zu glänzen, sondern um den Gipfel der irdischen Vollendung im geistlichen Leben zu erringen und ans allen Kräften für das Reich Gottes auf Erden und für die heilige Sache der Menschheit zu wirken" — Hören wir mm, wie er dies zu bewerkstelligen gesucht hat. In Gemäßheit seiner Gesinnungen suchte er die Söhnen Israels, bei denen schon so viele Mittel vergebens erschöpft worden waren, vom bürgerlichen und moralischen Tode zu erretten. Sie waren, nach seinen Anschauungen so sehr in eine moralische Dumpfheit gleichsam gefesselt, daß sie ihr großes Unglück, Juden zu sein, sogar ein Glück nannten. Diese so arge Lage, faßte der Abt Zdislaus Ladislaus Graf Berka von Dube und Lippa um so einseitiger in seinem befangenen Standpunkte auf, als er selbst ein tüchtiger Kenner der hebräischen Sprache und der biblischen Schriften und ein gewandter Dialektiker war, und sich von den Juden als Nachbarn ganz umringet sah. Er suchte nun die Söhne Israels, die nach seiner Ansicht abgehauene Aefte vom Baume der Theokratie waren, in sein Reich der Gnade einznführen, und glaubte hierbei auch die Eröffnung der Pforte zur bürgerlichen Freiheit ihnen als verlockende Aussicht biethcn zu müssen. In dieser Absicht unternahm er persönlich das M ssionsgeschäft und predigte ihnen an bestimmten Tagen in der St. Nicolauskirche das Evangelium. Mox ab ipso sui regiminis ad aggregandos ovili Christi Prageuse Hebraeos, quorum linguam ac sacros libros appertissime callebat, operam Suam Sedulissimam impendit, habetis namque certis diebus in Ecclesia Sancti Nicolai ad eos concionibus. Weil jedoch nur wenige sich einfanden, so wurden sie später von der k. k. Statthalterschaft dazu verhalten und von den Gerichtsdienern in die Kirche überwacht. Es mußten immer 40 Personen jüdischen Glaubens, worunter vier Aeltcste, zur Predigt kommen. Allein sie erschienen mit verstopften Ohren, wozu sie sich des Wachses und der Baumwolle bedienten. Und so ging, klagt der glaubenseifrige Schreiber der Vitae Abbatum I. c. die beste Absicht scheiternd an dem umnünnlichen Betragen der Zuhörer um so mehr unter, als bald hierauf die königl. Hauptstadt Prag unverhofft von Schweden feindlich überfallen wurde, und der Abt selbst den 19. Dccember 1648 starb. Judaei ex mandato regiae locum tenentiae quadraginta ad minus personae, inter quos semper quatuor seniores, a christiano judice per lictorem ad ecclesiam compulsi, concionibus interesse cogebantur, Optimus hic conatos, quamvis ex parke perfidorum frustraneus fuerit quia ut postea proditum, omnes Hebraei ad conciones deducti auribus cera et gossipio obstructis comparere soliti, sine omni fructa ad suos redibant vicos! — Hier hätte wohl das bittere, vorwurfsvolle Mahnwort des front' men Dichters ixvL" cnS als gottbegeistertcr Freuderuf ertönen müssen. Ja wohl, Ohren hatten sie, diese frommen glaubenssestcn Vorfahren der heutigen Prager Juden, aber sie wollten dennoch die Syrenenklänge der Verführung zum Abfalle von ihrer angestammten väterlichen Religion nicht hören! Gesegnet sei ihr Andenken! nr-iS DiVD", (<2>. Podiebrad Alterthümcr der Präger Josesstadt Pag. 41 wo ähnliche Facta angeführt werden.) Nach Berka kamen Matthäus Ferdinand Sobek ehemaliger erster Bischof von Königrätz und Johann Prokop Männer, und am 30 Mai 1683 Maurus Rauczka zur Würde eines Abtes bei St. Nicolaus. Diesem Letzteren war die Nachbarschaft der Juden ein Dorn in den Augen. Um sich von diesen zu befreien setzte er nach dem in der, Altstadt Prag (1689) ruchlos verübten Mordbrande Ludwigs XIV, wobei auch viele angrenzende Judenhäuser cingeäschert worden waren, alle Kräfte in Bewegung, um entweder den o.ngrenzenden Theil der Brandstätte für das Kloster zu gewinnen, oder wenigstens den Bau neuer Häuser auf demselben zu verhindern. In dieser Absicht übernahm der Avt gleich nach der Fencrsbrnnst eine Reise nach Wien, und überreichte dem