Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 25 (27.12.1866)
- Date
- 1866-12-27
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Fürth. Bei seiner Rundreise durch die fränkischen Kreise besuchte Sr. Majestät der König auch unsere Stadt. Allerhöchst derselbe begab sich sogleich ins Rathhaus, und unmittelbar karcuif' in Begleitung des Herrn Bürgermeisters zu Fuß in die Synagoge. Hier verweilte der König fast eine halbe Stunde, ließ sick vom Rabbiner "alles erklären und unterhielt sich mit demselben auf's Huldvollste. In einer geistvollen Ansprache, erinnerte der Rabbiner vr. Löwy an die Wohlthaten, die der verstorbene König den Juden verwies, und bat den Monarchen ehrfurchtsvoll in den Fußtapfen seines Vaters zu wandeln." Der König erwiederte lebhaft: Ja ich will und werde es thun. Ich ermächtige, ich bitte Sie, Herr Rabbiner, sagen Sie das Ihrer Gemeinde, sagen Sie cs ihr in meinem Namen! Der Rabbiner machte auf den König einen sehr günstigen Eindruck. Er äußerte sich zu seiner Umgebung; Welche angenehme und liebenswürdige Persönlichkeit ist dieser Greis." (Israelit) Magdeburg. An die Stelle unseres frühern nach Wien berufenen Rabbiners, vr. Güdemann, wurde der bisherige Rabbiner in Thorn Herr vr. Rahmer, ebenfalls ein Zögling des brcslauer theologischen Seminars, gewühlt. Italien. Wie im vorjährigen Dezemberheftd des Läueatore iLraelitu, gibt auch im dießjährigen Herr Rabbiner Servi statistische Daten über die Juden in Italien — Nach diesen Mitteilungen haben sich die Populationsvcrbältnissc der Halbinsel, so weit sie die dortigen Juden betreffen — im Jahre 1866 wenig geändert. Die Gesammtzahl, die im vorigen Jahre mit 43546 angegeben wurde, hat dießmal um 16 weniger, dagegen ist die im vorigen Jahre angeführte Zahl der Gemeinden mit 66 um eine vermehrt. Die Seelenzahl in den einzelnen Gemeinden ist sich auch so ziemlich gleich geblieben, nur haben folgende Gemeinden einen Zuwachs erhalten: Florenz um 300, Livorno um 300, Parma um 20, Rom um 60 Seelen— Eine neue Zugabe hat das dießjährige statistische Resume durch Angabe des Lebensalters der italienischen Rabbinen, die jedoch noch ziemlich lückenhaft ist. Der Nestor dieser Rabbinen ist Herr Vivanti in Ankona im Alter von 76 Jahren, der jüngste ist der Verfasser selbst, Rabbiner Servi in Monticelli im Alter von 25 Jahren— Schweiz. Der große Rath von St: Gallen hat durch einstimmigen Beschluß den im Canton ansäßigen Israeliten die freie Ausübung ihres Gottesdienstes nach Anleitung des vorgelcgten Statuts bewilligt uud den Regierungsrath ermächtigt vorkommenden Falles die nöthigen Anordnungen beim Bau einer Synagoge oder der Anlegung von Begräbnißplätzen zu treffen. London. Die junge Gemahlin des Baron Ferdinand v. Rothschild, Tochter des Baron Lionel von Rothschild ist im ersten Wochenbette vom Tode hingcrafft worden. Wie alle Mitglieder dieses reichen Hauses, war auch sie wegen ihrer Wohlthätigkeit allgemein verehrt, und wird ihr frühzeitiger Tod allgemein bedauert. * Herr Adlermann Philipps, früherer Lordmayor hat vom Premierminister Lord Derby ein Schreiben erhalten, in welchem ihm dieser anzcigt, daß die Königin ihn, den Aldermaun, in den Ritterstand erhoben habe. Ich kann Ihnen die Versicherung hinzufügeu, heißt es in dem Schreiben, daß Sie diese Ehre weniger dem Zufall, daß Sie den König der Belgier in dem Mausion-Hause zu bewirthen Gelegenheit hatten, zu verdanken haben, sondern der bewunderungswürdigen Weise, in welcher Sie die Pflichten Ihres hohen Amtes versahen, besonders aber Ihren werthvollen Leistungen während der Cholera in London und der Hungersnoth in Indien." — Ihre Majestät die Königin hat unsere Glaubensgenoffeu von Jayme L Hart zum Generalkonsul in London für die Republik Nicaragua und Seunor James L. Hart zum Vicckonsul in London für die vereinigten Staaten von Columbia ernannt. (4. 6ll.) Kalkutta. Bei einer Bevölkerung von 6—700000 Seelen zählt Calcutta gegen 6OO Juden, die aus Bagdad stammen uud sich hier seit einem Jahrhunderte niedergelassen haben. Sie zeichnen sich durch eine eigene Tracht aus. Vor dem Eintritt in die Synagoge legen sie ihre Fußbekleidung ab. Sie haben 2 Synagogen. Die Gesetzroüen sind in hölzernen reichlich mit Gold und Silber verzierten und mit Bibelversen beschriebenen Kästchen ausbewahrt. (A. I)_ Feuilleton. Die Tante. Eine Erzählung von Siegfried Hölder. (Fortsetzung.) 3. Winterölüthen Die Tante hatte sich bald unter dem gastlichen Dache Frohmanns heimisch gefühlt, schon am andern Tage nach ihrem Engagement schickte sie sich flink uud rüstig zu allen Dienstleistungen an, welche eine häusliche Wirthschast in Anspruch nimmt— Sie wurde im Hause nicht wie ein Dienstbote betrachtet und behandelt, und sie selbst hielt sich bei aller unermüdlichen Arbeitsamkeit nicht als solchen. Mit dem Instinkt inniger Anhänglichkeit fühlte sie jede Gelegenheit sich nützlich zu machen, heraus, und jedem direkten Auftrag zu irgend einer häuslichen Arbeit kam sie durch ihre Sorgsamkeit und Aemsigkeit zuvor — Ihr nützliches Walten wurde auch bald im Hause Frohmanns verspürt, sie brachte in demselben eine völlige Umwandlung hervor. Wir haben Rösel Frohmann als eine tüchtige Hausfrau, als eine treffliche Wirthin kennen gelernt, allein sie hatte es selbst gestanden, daß es ihr beim besten Willen, bei allem Eifer nicht immer möglich sei, den Bedürfnissen zu genügen; überdieß hatte Frohmann eine kleine enge Wohnung, und seine eigenen Kinder trugen ebenso sorgfältig dazu bei wie die ganze hoffnungsvolle jüdische Jugend Weilenheims, die anstatt zu den Füßen ihres Lehrers zu sitzen, den langen eichenen Tisch in allen Stellungen der Turnkunst umlagerte, um die Unordnung des Hauses in Permanenz zu erhalten. Woher sollte die arme geplagte Frau Hände genug nehmen, um Alles wieder gut zu machen, was jugendlicher Muthwille und jugendliche Langweile, diese Kinderepidemie, die der geistigen Entwickelung des jugendlichen Menschen so hemmend in den Weg tritt, in voller Naivität und Unschuld verdarben? Sie that mehr als man von einer Frau erwarten konnte, aber es war eine wahre Sisiphusarbeit, die mit jedem neuen Tage begann, und in die auch nur der Sabbath eine Unterbrechung brachte. — Jetzt war es freilich anders, jetzt hatte die Rebezin eine Gehilfin, und was für eine Gehilfin— Die Tante verstand es nicht blos Ordnung zu machen, sondern auch Ordnung zu halten •— In dem Program ihrer hausökonomischen Theorie spielte das Prohibitivsystem eine bedeutende Rolle. Sie hatte ihre schwarzen sanften Augen allüber all und an allen Ecken des Zimmers, und ihr ernster Blick war der beweglichen Jugend ein hinreichendes Avis, um mancherlei Störungen der häuslichen Ordnung im Keime zu ersticken, und diesen Blick fürchtcteudie jungen Kinder mehr als die lauge Birkenruthe, die Simon Frohmann bei aller Gutmüthigkeit nicht entbehren konnte — Die Tante besaß ein ausgesprochen pädagogisches Talent, sie übte auf die Zöglinge ihres Herrn durch ihren Rath und ihre Zurechtweisung einen höchst wohlthätigen Einfluß — Die Kinder kamen reinlich gekleidet in die Schule und hielten sich da so artig und anständig, daß auch den Eltern diese Wandlung in dem Betragen ihrer Kinder nicht unbemerkt blieb — So erwarb sich die Tante bald die Achtung und Zuneigung der ganzen jüdischen Bevölkerung Weilenheims, und die Rebezin hatte öfters die Satisfaktion von einer oder der andern Frau die Worte zn hören: Sie haben an der Tante einen Schatz gesunden —