Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 25 (27.12.1866)
- Date
- 1866-12-27
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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199 Hindel Stein war der gute Genius des Frohmann'schen Hauses, und sie selbst fühlte sich in ihrem Berufe höchst glücklich und zufrieden. In frühern Jahren eine ausgezeichnete Schönheit, schien sie sich bei ihrem behaglichen Stillleben mit jedem Tage zu verjüngeru und die Reize der Jugend immer mehr wieder zu gewinnen. Es war nicht mehr die verkümmerte verachtete Schnorrerin, es war eine junge Dame, die durch Schönheit Liebreiz, Umgang und Betragen eine bessere Erziehung und daher eine bessere Abkunft verrieth. Diese äußern Reize wurden noch durch eine kleidsame Tracht sehr erhöht. Die Rebezin hatte sie bald nach ihrer Ankunft mit hübscher Wäsche und Kleidung versehen und wie entfernt auch die Tante von Eitelkeit war, so verstand sie es doch mit einem den Frauen angebornen Geschmacke sich vortheilhaft zu kleiden— Es ist daher nichts Widernatürliches, daß die schmuke Tante die Aufmerksamkeit der Weilenheimer Männerwelt auf sich lenkte, und wenn mancher Junggeselle im gesetzten Alter sich vielleicht im Stillen dachte: An der Seite einer solchen Lebensgefährtin ließe sich der Dornenpfad der Ehe weniger ängstlich betreten, so war ein solcher Gedanke weder unmenschlich noch unverzeihlich. In einer männlichen Seele, die schon längst über die Jahre der Romantik hinaus war, erwachte dieser Gedanke mit einer Lebhaftigkeit und einer Gewalt, wie sie sonst nur in der „ersten Liebe goldene Zeit" Vorkommen, und erweckte da drastische Gefühle, die der Psycholog leicht als Symptome eines kranken Herzens erkennen konnte — Diese männliche Seele war keine andere als die unserer Erzählung nicht mehr fremde Schaje Doktor's— Dieser unehliche Sohn Aeskulaps, der nach den Landesgesetzen seinen mythologischen Vater nicht öffentlich nennen durfte, war weder schön noch liebenswürdig noch gesellig, kurz er besaß nichts von dem, was ein Frauenherz fesseln oder auch nur versöhnen könnte, allein alle diese negativen Eigenschaften hinderten ihn nicht, sich sterblich zu verlieben und die ganze Skala der Empfindungen, welche Amors Pfeile begleiten, durchzumachen— Es ist schon öfters vorgekommen, daß alte Leute Kinderkrankheiten erlegen sind, warum sollte ein altes Herz nicht vor Liebe brechen können? Der erste Blick der Tante aü jenem Freitagabende, als er dem Rabbiner anzeigte, daß sich der alte Götzel reisefertig mache, hatte es ihm angethan— Unmittelbar darauf fühlte er in der Herzgegend einen krampfhaften Schmerz, den er auch mit nach Hause trug— Er hätte ihn vielleicht ebenso wie das kleine Blätterchen auf der Nase des reichen Bräuermeistcrs durch ein Brechmittel beseitigen können, allein er schien mit der Heilung seines Nebels keine besondere Eile zu habeü, und erwartete sie auch kaum von der eigenen Kunst— Seit jenem rerhängnißvollen Blicke war mit deni äußern und innern Menschen des Doktors eine totale Unwandlung vorgegangen, die zuerst der alten Magdalena, seiner Wirthschafteriu, nach und nach der ganzen Khille bemerklich wurde — Schaje Doktor trug das ganze Jahr hindurch, Sommer wie Winter, einen vom Halse bis zum Fußknöchel geschlossenen Rock, der nicht nur über die Farbe der Beinkleider und der Weste, sondern auch über deren Existenz in Unsicherheit ließ. Er hatte eigentlich zwei Röcke, die sich nur durch die Farbe unterschieden, der eine für die Wochentage war schwarzgrau, der andere für den Sabbath und die Festtage Kirschbraun — Der Rock war ein wesentlicher Bestandtheil seines Jchs — Ohne einen der beiden Röcke konnte man sich Schaje Doktor gar nicht denken, es hatte chn niemand anders gesehen— Die beiden Röcke blieben sich wie ihr Besitzer stets gleich, sie waren immer dieselbe,:, sie waren unverwüstlich, sie schienen niemals eine europäische Nadel gekannt zu haben, es mußten Religuien sein aus jener uralten wunderreichen Zeit, als die Israeliten 40 Jahre lang durch die arabische Wüste lvanderten, ohne auch nur einen einzigen Schneider mit sich zu führen— Jetzt wurde es anders, mit dem Tode des Katzem begann ein neues Leben für den Doktor, eine neue Aera für die Ausschmückung seiner alten Scclcnherberge— Die beiden treuen Röcke wurden verabschiedet, und der neue Schneider, der seit Kurzem aus Prag, wo er in Arbeit stand, zurückkehrte, und sich in seiner Heimath etablirte, hatte seine Hände voll zu thun, um den so plötzlich putzsüchtig gewordenen Doktor mit Hilfe seiner Kunst recht jugendlich und liebenswürdig zu macken. Er selbst that sein Möglichstes sich in des Lebens Frühling zurück zu pflanzen, sein ganzes Benehmen, seine Sprache, sein ganzes Wesen verriethen dieses Streben— mit besonderem Eifer suchte er jede Veranlassung, um mit Schicklichkeit das Haus Frohmann's betreten zu können, und die Aufmerksamkeit, die er bei solcher Gelegenheit der Tante schenkte, ließen es leicht errathen wem eigentlich diese Besuche galten— Zu jener Zeit, noch dazu iw einem kleinen Orte konnte das menschliche Herz nicht Versteckens spielen, es was durchsichtig wie Glas, es gab damals keine zarten Geheimnisse — Bald wußte die ganze Khille vom Vorsteher bis zum Schulklopfcr herab: Schaje Doktor ist bis über die Ohren verliebt und seine Flamme ist die Tante im Hause des Rabbiners. Die Gäullerin Rivke, die nebst ihren geschlachteten Gänsen alle Neuigkeiten des Dorfes von Haus zu Haus trug, und deren reiche Phantasie aus der Blüthe des Apfelbaumes die Größe, Farbe und den Geschmack der Frucht erkannte, sagte an einem Freitage, als sie eben mit ihren Waaren die Runde durch die Gasse machte, zu allen Hausfrauen : Wissen Sie was Neues?— Schaje Doktor heirathet die Tante beim Rabbiner, Lag Beomer (ein Halbfesttag zwischen dem Paffa- und Wochenfest) ist die Chaßene (Hochzeit) — (Fortsetzung folgt.) Suchschau. 36. Sichat Jizchak: Das israelitische Gebetbuch für alle Wochen- Feier und Festtage des Jahres nebst den Sprüchen der Väter ins Deutsche übertragen und erläutert von vr. Saul Jsak Kämpf, Prediger und Rabbiner der Tempelgemeinde, k. k. Universitätsprofessor in Prag oc. 2c.— Prag 1866. Verlag von Gottlieb Schmelkes. — Die- Zahl der Gebetbuchübersetzungcn ist Legion — Seit Jsak Eichel, der zuerst mit einer Uebertragung des Gebetbuchs in's Hochdeutsche hervortrat, sind unzählige derartige Uebcrsetzungcn erschienen, die mit mehr oder weniger Geschick ihre Aufgabe lösten, so daß in unserer Zeit ein solches literarisches Unternehmen mehr dahin zu zielen scheint, dem Buchhändler das Verlagsrecht auf ein Gebetbuch überhaupt zu sichern, als einem allgemein gefühlten Bedürfnisse zu entspre^ chen — Es scheint jedoch nur so, in Wahrheit ist eine gute Uebersetznng des jüdischen Gebetbuchs keine leichte Arbeit — Abgesehen von den allgemeinen Schwierigkeiten, welche die Ueberttagung ans dem Hebräischen in eine lebende Sprache biethet, verlangt die Uebersetznng des Gebetbuchs, die Gemeingut des Volkes werden soll, die, weit entfernt, die religiösen Gefühle der Betenden zu schwächen, im Gegcntheile die Mission hat diesen Gefühlen nach den jeweiligen Zeitbedürfnissen und der jeweiligen Zcitanschauung neue Nahrung zu geben, besondere Sorgfalt und— wir fügen hinzu — besondere Begabung — Der Uebersctzer muß die nicht zu unterschätzende Kunst verstehen, zu gleicher Zeit treu und frei zu übersetzen — . Nach diesen voransgeschickten Bemerkungen können wir nnt Vergnügen erklären, daß die vorliegende Uebersetzung des rühmlichst bekannten Prof. Kämpf nicht nur eine höchst gcj lungene, sondern eine meisterhafte sei — Der Uebcrsetzer hat > die obenbezeichneten Klippen mit einer Gewaudheit umschifft, ( die ihm den Dank des deutsch betenden Publikums sichern ^aß Er hat den Geist des uralten Sidur in eine schöne, der Andacht entsprechende Gewandung gehüllt, ohne ihn dadurch nn Geringsten unkenn lich zu machen- - Einzelne Stellen zeigen von der geistvollen Textauffassung des Uebersetzers