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Das Abendland · 1866-12-27 · 25 (27.12.1866) · p. Seite 195

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
25 (27.12.1866)
Date
1866-12-27
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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195 gibt ein unendlich Großes und Erhabenes. Das Aufgeben eines jeden Widerstandes ist hier nicht der Feigheit oder -er Ehrlosigkeit zuzuschreibcn, sondern es entspringt vielmehr aus einer tiefen Verachtung des Gegners oder dcS angefochtenen Gegenstandes. Dem Geiste, der in die Unendlichkeit sich versenkt hat, dem erscheint allcS Zeitliche und Vergängliche wie Spreu, nicht wcrth sich in einen Kampf darum einzulassen. — Aber die Handlung, die nach außen hin abgebrochen ist, ist darum nicht ganz aufgehoben, sondern sie setzt vielmehr mit erhöhter Kraft, sich im Innern des Menschen fort. Es fordert einen unausgesetzten harten Kampf der Vernunft mit der Sinnlichkeit um auf dieser Höhe sich zu erhalten, und jeder neue Sieg, den das Hohe über das Gemeine, das Göttliche über das thierische erringt, muß unfern Geist mit Bewunderung erfüllen, unser Gemüth erfreuen und ergötzen. Diese Art des Erhabenen wußten die Alten wenig zu Würdigen, denn so wie sie sich ihre Gottheiten als sinnlich wahrnehmbare Wesen dachten, vermochten sie auch ein Göttliches nicht zu entdecken, das den Sinnen sich entzieht. Eine Kraft, die auf den engen Wirkungskreis innerhalb des eignen Herzens sich beschrankt, galt ihnen für nichts. Den Römern, welche mit eisernem Tritte, Völker und Rationen schonungslos zertraten und zermalmten, ihnen gebührt der Ruhm, das Große und Edle, das im ergebungsvollcn Leiden liegt, zu Tage gefördert zu haben. Die Saat des Elends, welche die Römer mit vollen Händen ganz verschwenderisch ausgestrcut haben, hat unter manchen heillosen Unkraute, auch die anmuthige Blume der edlen Resignation zur Entfaltung gebracht. Die auf die Menschheit gehäuften Leiden zeigten, daß auch das Elend seine Philosophie habe, und, daß der Mensch, selbst unter der brutalsten Behandlung, wenn es ihm nur ernstlich darum zu thun ist, seine Würde als Ebenbild Gottes noch immer zu bewahren im 'Stande sei. — Mit dem tragischen Falle der letzten Hasmonäcr, war es mit der Aktion des jüdischen Volkes, wenigstens seinem bessern und bcsonncncrn Theile nach, nach außen hin, zu Ende. Die Riesenschlange Rom hatte sich fest um den Leib Iudcas gelegt, seine Legionen zerstampften den heiligen Boden, und jedes freiere Äufathmcn des Volkes, jedes konvulsivische Zucken seines Leibes vom Reize der Unabhängigkeit und Selbstständigkeit erzeugt, verdoppelte nur den Druck seines Würgers und presste Ströme frischen Blutes aus seinen Adern. — — Die Pharisäer nahmen an solchen Erhebungen keinen Thcil, sie mißbilligten die tollkühnen Bestrebungen der Zeloten, indem sie der Ucbcrzeugnng sich nicht verschließen konnten, daß ein Erfolg nicht zu erwarten und nach dieser Seite hin Alles für lange Zeit abgeschlossen sei. Die beste Kraft des Volkes wurde demnach nach seinem Innern gedrängt, der Ausbau des jüdischen Rcligivnsgesetzcs beschäftigte die Geister, und die Gemüthcr zeigten ihre Stärke im Dulden und Ertragen und im Ausharrcn beim Gesetze und bei den Sitten der Väter. Hatte das Judenthum früher bei mancher Gelegenheit seinen Heldenmuth im Kampfe gegen den Feind auf dem Schlachtfclde bewiesen, so konnte jetzt der tiefer blickende einen weit größcrn Heldenmuth in der Resignation des jüdischen Volkes erkennen, mit der es alle erdenkliche Schmach alle erdenklichen Folterqualen hinnahm, ohne sich in seiner Uebcrzeugung irre machen zu lassen, ohne auch nur einen Fuß breit von seinem Pfade zu weichen. Dulden und schweigen, das war jetzt für eine lange Reihe von Jahrhunderten hindurch die Losung des Judenthumes und jedes einzelnen Juden, dulden und schweigen im Vertrauen auf Gott und in der Erwartung einer bessern Zukunft, das wurde jedem jüdischen Säugling von seiner Mutter in die Seele gehaucht, dulden und schweigen im Festhalten am Worte Gottes, das war die Leiter auf der, der mattgehetzte jüdische Pilger die Himmelspfortc erklimmte. Mochte der eben so engherzige als hochmüthige römische Philosoph immerhin sagen: „Wie theuer das Volk der Juden den un- 1 sterblichen Göttern sei, beweist, daß es besiegt, daß es versetzt, daß es unterjocht ist,") es war das jederzeit die Philosophie des Glückes. Die Juden ließen sich darum nicht irre machen, sie betrachteten ihr eignes Unglück wohl als eine Strafe Gottes, aber nicht als eine Schmach, sie wussten was sie wussten, sie wussten daß ihre Gotteslehre mehr Wahrheit enthalte als die hochtrabende Weisheit ihrer Unterdrücker, sie wussten, daß ihre Moral viel reiner und edler sei als die Moral derjenigen, die auf ihre Macht gestützt sie verhöhnen durften. Alles das musste der Jude aber im Innersten feiner Brust verschließen, er durfte nichts davon laut werden lassen, um die Verfolgungswuth nicht noch mehr zu reizen, er musste dulden und schweigen.-- Von dieser Resignation wurde nun die Ethik des Judenthumes ganz durchtränkt, man war nun einmal gewohnt Kränkung und Beleidigung, Schimpf und Hohn geduldig hinzunehmen und kam endlich dahin sich mit seinen Gefühlen auf einen ganz eng geschlossenen Kreis zurückzuziehen und Alles was außerhalb desselben lag, ohne Widerstand dem Feinde zu überlassen. Im Hinbück aus das erhabene Ziel, das ihm vorschwebte, hielt es der Jude seiner unwürdig sich um die Kleinlichkeiten des weltlichen Lebens in irgend einen Kampf einzulassen und setzte das größte Verdienst darein in allen widrigen Vorkommnissen die unerschütterlichste Ruhe die vollkommenste Ergebung in den Willen Gottes zu bewahren. Daher begegnen wir nun moralischen Sentenzen, die ganz in diesem Tone gehalten sind, wie: „Diejenigen, welche sich beschämen lassen und nicht beschämen, die ihre Schmähung anhören und nicht antworten, welche die Gebote Gottes aus Liebe zu ihm erfüllen und ihrer Leiden sich freuen, von ihnen sagt die Schrift: Die Freunde Gottes sie werden glänzen wie die Morgensonne in ihrer Strahlenpracht."2) Ein späterer Amora sagt: „Es soll der Mensch immer lieber zu den Verfolgten als zu den Verfolgern gehören, unter allen Vögeln wird keiner mehr verfolgt als die Taube und nur diese allein ist geeignet aus den Altar Gottes gebracht zu werden.") Ferner: „Wer sich erniedrigt den erhöhet Gott, wer sich erhebt, der wird erniedrigt.") „Sei äußerst demüthig, denn die Hoffnung des Menschen — in so weit sie das Zeitliche betrifft — ist Moder." „Sei gebeugten Gemüths gegen Jedermann,"'') u. dgl. m. Auf die Spitze wird diese Moral getrieben in den Evangelien, denn dort heißt es: „Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Nebel (im [ci] aviiG‘zrlvcu ko nor^xo), sondern so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar. Und so Jemand mit dir rechten will und deii ncn Rock nehmen, dem laß auch den Mantel. Und so dich Jemand nöthigt eine Meile, so gehe mit ihm zwei.") Man fand endlich im bittersten Leiden eine Art Wonnegenuß, waren diese Nebel doch von Gott verhängt und als Pfänder seiner Liebe (mns* StP ptD’) betrachtet?) Noth und Bedrückung, Schmerz und Kummer schmückten das Haupt des Leidenden mit einer Märtyrerkrone, sie umgaben ihn mit einem Heiligenschein, der ihm die Verehrung seiner Schicksalsgenossen eintrug, und den reichsten jenseitigen Lohn in Aussicht stellte. Hingegen wurde derjenige, der nicht Schmerz, Leid und Elend im ausreichenden Maaßc aufweisen konnte, wer die blutigen Wundmale nicht aufzuzeigen vermochte, welche das unerbittliche Geschick ihm eingebrannt, der wurde als ein Unwürdiger nicht werth der Gnade Gottes und seiner himmlischen Güter, angesehen. Rabbi Jsmael sagt: "Wem vierzig Tage lang kein Leid widerfahren, der geht seines jenseitigen Lohnes verlustig."») „Wer nicht mit unter dem Fluche, den Israel betroffen leidet," behauptet ein rehrer späterer Zeit, „der gehört auch nicht in den gemein- ') Cicero pro Flacco 28. a) Gittin 36; b. Jom» 23; b. s. Fürst H. W. 2. B. S. 146 s.v, Ä».—• ') Baba kama 93; a. 4) Erubin 13, b, — ') Aboth. 4; 4. 12. ■— «) Matth. 5; 39. Lac. 6; 29. — 9 B<?ächoth 4; b. — ») Erechin 16; b. — 25*

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