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Das Abendland · 1866-12-13 · 24 (13.12.1866) · p. Seite 191

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
24 (13.12.1866)
Date
1866-12-13
Page
Seite 191 (sequence 7)
Language
German
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191 gleich mit mir hingehen und bis 12 Uhr dort bleiben, dann können alle 2 Stunden 2 andere abwechseln bis morgens 6 Uhr. Sobald ihr sehet daß es ernst wird, weckt einer der Wächter schnell bit; Balbatim (Familienväter) und auch mich, wenn ich nicht mehr dort sein sollte— Die jungen Leute hörten mit pietätvoller Achtung auf die Anordnungen des Rabbiners, die Mädchen schlichen sich still fort, die jungen Männer hatten schnell die nöthige Einteilung getroffen, und einige derselben begleiteten den Rabbi in das Haus des Unglücks, vor dem der blutgierige Würgengel Wache stand, damit ihm ja seine Beute nicht entrissen werde— Schaje Doktors Prognose bewährte sich auf die Stunde, die müde Seele des alten Katzcw schwang sich empor auf den ersten Strahlen Aurora's zu der himmlischen Heimath. Frohmann hatte den Sterbenden bei vollem Bewußtsein getroffen, und spendete ihm den Trost, womit die Religion den letzten irdischen Schmerz erleichtert. Beim Anblicke des Rabbi, erheiterte sich das Antlitz des Kranken— Ich weiß schon, sprach er, warum Sie heute zu mir kommen, und bin auch dessen sehr froh — Ich habe zwei Bitten cuMSie Rebbi leben! Das erste ist. daß man gleich nach meinem Tode meinen verheiratheten Töchtern die Nachricht mittheilen soll, Eltern verdienen es, daß Kinder um sie trauern— Das zweite ist, da ich keinen Sohn habe, der mir Kadisch (Seelengebeth) nachsagen kann, so sagen Sie mir Kadisch nach, dort in dem braunen Schrank neben dem Ofen sind in eineMzLeinwandfetzen 10 fl. eingewickelt, die ich schon seit einigen Jahren für^Sie zu diesem Zwecke bestimmt habe, nehmen Sie sich solche gleich, ich sterbe ruhiger, wenn ich weiß, daß Sie das Geld bekommen haben. Seien Sie ruhig, Reb Götzel, sprach der Rabbi, Sie müssen nicht so kleinmüthig sein, Sie werden noch Mea Schonim (100 Jahre) alt werden, übrigens sind wir alle Menschen und stehen jeden Augenblick in Gottes Hand, ich werde gewiß Ihre Wünsche erfüllen. Nehmen Sie das Geld, sprach der Kranke in flehendem Tone. Sie wissen ja, Reb Götzel! daß heute Schabbes ist. Reb Götzel, sagte der Kranke mit gebrochener Stimme, ich habe keinen Chower (der übliche Ehrentitel Reb.) Das waren seine letzten Worte auf seiner irdischen Wallfahrt. Ein dichter Nebel umzog seinen Geist den erst eine bessere Sonne jenseits des Grabes zerstreuen sollte. Ein solcher Ausgang war auch für jene nicht überraschend, die gerade Schaje Doktor's Prognose im Hause Frohmanns nicht gehört hatten, dafür aber wussten, daß der aus dem % Stunden entfernten Dorfe Rosenheim herbeigeholte Chirurgus Motter bereits -Nachmittags erklärt hatte: Es sei keine Gefahr. Chirurgus Motter wurde auf Anrathen Schaje Doktors zu dem alten Götzel geholt, weil da auf menschliche Hilfe nicht zu rechnen war, wo überhaupt Motter erschien, da hatte man mehr den Leichenbitter als den Arzt nöthig, bei sonstigen ernstlichen Krankheiten in Weilenheim wurde meistens der tüchtige Arzt aus der drei Stunden entfernten Stadt geholt, denn Schaje Doktor ließ sich nur bei chronischen Leiden und in den ersten Stadien der Krankheit herbei ärztlichen Rath zu erthcilen, obgleich gar viele in ihn ein unbegrenztes Vertrauen setzten. Der plötzliche Tod des alten Katzew hatte den ganzen Sabbath verstört, es schlug kein jüdisches Herz in Wcilenheim, das nicht von schmerzlicher Theilnahme'ergriffen wurde. Die Solidarität, die man von außen her dem Judenthum seit Jahrhunderten aufbürdete, und die im Mittelalter zu den -schrecklichsten Katastrophen für die Nation führte, hatte ein engeres Anschließen, eine innige Verbrüderung unter den Juden erzeugt, hatte die ganze Gesammtheit zu einer Familie gestaltet. Die ganze Gemeinde war wie ein Körper und^ der Schmerz des einzelnen Gliedes durchzuckte alle Theile. Auch im Hause Frohmanns war die häusliche Freudigkeit einer düstcrn Stimmung gewichen, man sprach den ganzen Tag über, von nichts anderem als von dem alten Götzel selbst der Tante, die am Abend das Interesse der gutmüthigen Rebezin in so hohem Grade erregte, schenkte man weniger Aufmerksamkeit. Die Fremde fand jedoch selbst an diesem Tage Gelegenheit ihr gutes Herz, ihren Zartsinn und ihr anständiges Betragen von der besten Seite bemerkbar zu machen. Wo sie nur irgend der Hausfrau eine Arbeit, eine Mühe ersparen konnte, zeigte fie sich zuthälig und dienstfertig, besonders widmete sie ihre liebevolle Theilnahme den armen kleinen Kindern des Rabbi, die unberührt von der Ursache der Mißstimmung ihrer Eltern, dennoch deren Folgen verspürten. Sie sahen sich nicht heute mit jener Aufmerksamkeit behandelt, die sonst Kinder für sich ausschließlich in Anspruch nehmen, sie fühlten sich vernachlässigt. Ihnen nun suchte die Fremde nach Kräften Ersatz zu biethen, sic beschäftigte sich mit ihnen den ganzen Tag über, spielte mit ihnen, erzählte ihnen allerhand Geschichten, die das kindliche Gemüth in Spannung erhalten, ging mit ihnen spazieren, und suchte sie auf jede mögliche Weise zu zerstreuen und zu ergötzen — und dieß alles geschah mit einer Zartheit, mit einem Geschick, mit einer Erfahrung, wie sie nur unfern modernen Gouvernanten mit ihrer Bildung und mit ihrem pädagogischen Cursus zu wünschen wären. Kinder haben es weit schneller heraus als Erwachsene, wer es mit ihnen gut meint, und sind auch weit dankbarer als diese für das Gute, das man ihnen erweist. Die Kleinen des Rabbi fassten schnell eine solche Zuneigung zu der Fremden — die sie nun nicht schon anders als Tante nannten — als ob sie seit Jahren mit ihr bekannt wären. Es war gegen Abend. Der Sabbath sollte bald Abschied nehmen, um nach 7 Tagen hoffentlich unter günstigern Auspicien wieder zurück zu kehren. Frohmann und seine Gattin waren allein zu Hause. Die Fremde war mit den Kindern spazieren gegangen. Einige Fäden aus dem heutigen Gesprächsstoff, den der harmlose Götzel niemals im Leben so reichlich wie im Sterben lieferte, waren bereits abgesponnen, da begann die Rebezin: Lassen wir den Götzel ruhen, reden wir von etwas anderem; ich habe einen Gedanken, der vielleicht — du darfst nicht broges (böse) sein, Simon! ebenso gut ist, wie dein gestriger im Talmud. Die Orechte (Gastin) gefällt mir, das ist keine gewöhnliche Schnorrerin (Bettlerin), für die Kinder ist sie wie geschaffen, wir brauchen eine treue Person im Hause, ich arbeite gerne, allein es gibt Zeiten, wo ein Weib nicht arbeiten kann, und — fügte sie erröthend hinzu — bei mir kommen solche Zeiten fleißig. Die Frau möchte gewiß bei uns bleiben, wenn ich ihr das Anerbiethen mache. Es ist nur der einzige Umstand, daß ich uicht weiß, wer ihre Gänse und ihre Hühner sind (ich kenne ihre Familienvcrhältnisse nicht). Was gehen dich ihre Gänse und Hühner an, versetzte Frohmann fast in Eifer, glaube mir mein Kind! die Welt ist niemals so viel betrogen worden, als seitdem man cs schwarz auf weiß bestättigt haben muß, daß mau ein Gewissen im Leibe hat, seitdem man den Schriftzügeu. die irgend ein Unberufener auf das Papier hingekritzclt hat, mehr Zutrauen schenkt als den Schriftzügen, die der liebe Gott auf das Antlitz des Menschen einzeichnete, seitdem Kops und Herz einen gestempelten Erwerbschcin haben müssen, um anerkannt zu ^werden. Ich bin mit deinem Vorschläge ganz einverstanden, ich will dir nicht schmeicheln, du bist wirklich ein kluges braves Weib, wie man es in halb Böhmcrland uicht findet. Die Tante — wie wir sie nun schon alle nennen — ist ein edles Wesen, sie passt für unser Haus, und verdient eine ^solche Herrin wie du bist, doch stelle ich eine Bedingung, ans die du im Vorhinein cingehen musst, du musst mir versprechen niemals diese Person nach ihrer Abkunst und Vergangenheit nach ihren Leb.'nsverhältnissen und Schicksalen zu fragen, oder sie auf irgend einen Unweg zu einer Erklärung zu drängen, wenn sie sich nicht aus ganz freiem Willen, ohne eine Beeinflußung von unserer Seite veranlasst sieht, ihre bisherigen Lebensereignisse mitzutheileu. — Die Rebezin schwieg. Es war^ in der That eine starke Zumuthung an die weibliche Wißbegierde, die noch durch das Verboth einen neuen Sporn erhielt, allein Rösel Frohmann war em seltenes Weib, ihr Mann hatte ihr nicht geschmeichelt, schnell regte sich die bessere Natur in ihr, sie erhob sich!von ihrem Platze, eilte auf ihren Gatten zu, und, indem sic ihn umarmte, sprach

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