Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 24 (13.12.1866)
- Date
- 1866-12-13
- Page
- Seite 190 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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190 wohncr Portsmouths durch diese Wahl der Welt zeigen, wie sie über religiöse Vorurtheile erhaben seien— Auch Herr Emanuel betonte in seiner amtlichen Rede, daß er im Interesse seiner Glaubensgenossen sich bestreben werde, das Vertrauen seiner ^Mitbürger zn rechtfertigen— Persien. Die schrecklichen Judenverfolgungen in diesem Lande haben die Gesandten mehrerer europäischen Höfe in Teheran veranlaßt, ernstliche Vorstellungen an die Regierung des Schah zu richten, die ihnen auch die Zusage machte, den blutigen Schandthaten Einhalt zu thun — Feuilleton. Die Tante. Eine Erzählung von Siegfried Hölder. 2. Schaje Doktor. (Fortsetzung.) Die Rebezin Röscl war heute nickt sehr glücklich bei dem Kreuzverhöre, das sie als Bedürfniß ihrer Weibernatur mit der Fremden anstelltc. — Die Beantwortung der Frage: ob sie ledigen oder verheirateten Standes sei? wurde durch Frohmanu'S cinfallcndcn Tischgcsang gestört oder mindestens sistirt, und auch der letzten rüthselhaften Aeußcrung Hindel Stein's, daß sie seit ihrer Geburt — „die Tante" genannt wurde, in der sich der gesprächigen Hausfrau eine ganze Vorrathskammcr von Fragen und Antworten erschloß, wurde der Faden jeder weiteren Erörterung durch die Ankunft einer neuen Persönlichkeit plötzlich abgeschnitten. Die Tante — wir wollen ihr jetzt schon diesen Namen lassen,— hatte kaum die am Schlüsse des letzten Kapitels angeführten Worte gesprochen, als die Thüre sich öffnete und der nun schon den Lesern nicht unbekannte Schaje Doktor ins Zimmer trat. — Wir haben diesen bereits nach Art des Chorus in der altgriechischen Tragödie vor seinem Erscheinen angckündigt. Die Theaterbesucher in Hellas waren besser dararr als die gegenwärtigen, die bei vielen Stücken' nach Beendigung der Vorstellung die vorgeführten Charaktere nur nach ihrem Namen ans dem Theaterzettel oder nach ihrem Costume auf der Bühne kennen gelernt haben. Es geht uns im wirklichen Leben zuweilen ebenso wie im Schauspielhause, wir glauben oft schon den Charakter eines Menschen zu kennen, wenn wir seinen Namen und seine Stellung in der Gesellschaft wissen. Frohmann und seine Gattin waren von dem unerwarteten Besuche in so später ungelegenen Stunde sichtlich überrascht. Schaje Doctor machte selten Gralisvisiten, und wenn er zum Rabbiner kam, so bedeutete dieß meistens, daß in der Gemeinde etwas vorgchc, daß irgend eine Seele ihrer Erlösung von den körperlichen Fesseln harre. Ist etwas vorgefallen? rief das von Schrecken ergriffene Ehepaar gleichzeitig während die Kinder sich furchtsam den .Eltern anschmiegten. Auch die Fremde blieb nicht theilnahmlos. — Schon der Anblick des Besuchers, dessen ganzes Aenßere nichts weniger als gewinnend war, und in dessen Gesichlszügen etwas furchterregendes, man könnte fast sagen, etwas Dämonisches lag, erregte in ihr ein banges Gefühl, und die allgemeine Aufregung hatte sich auch ihres cinpfiudsamen Herzens bemächtigt, sie fühlte, ohne sich der Ursache desselben bewußt zu sein einen heftigen Scelcnschmcrz, der sich auf ihrem erblassenden Antlitze so deutlich abspiegcltc, daß alle Blicke, jene des Doktors nicht ausgenommen, sich auf sie richteten. Dieser musterte sie mit einem langen prüfenden Blick und über sein blasses Gesicht zog sich eine düstere Wolke. — Er zog die Stirne aufwärts, als ob er aus der Rumpelkammer seiner Vergangenheit irgend eine verlegte Erinnerung hcrvorsuchen wolle. Doch sammelte er sich wieder schnell, und nahm seine gewöhnliche Ruhe an. — Ihr braucht nicht zu erschrecken, begann er endlich, noch immer den Blick auf die Fremde gerichtet, am wenigsten Sie, die Sic eine Fremde zu sein scheinen. — Der alte Katzew (Fleischhauer), der Götzel, macht sich fertig, und wird es wahrscheinlich gegen früh zu ausmachen, ich wollte bloß dem Rabbi (Rabbiner) sagen, daß man ihn die Nacht nicht allein lassen darf, es ist niemand bei ihm als die taube Chaile, sein Weib, und die hört doch gewiß nichts, wenn sie schläft. — Die Sprache des Jargon ist keine Sprache der Reflexion noch eine Sprache der Kunst, sie ist wie alle unausgebildete Sprachen bilderreich, aber sie ist allgemein verständlich und so unzweideutig, daß sie die Herrn Staatsmänner kaum in ihrem diplomatischen Verkehr verwenden könnten. Es dürften daher die Worte Schaje Doctor's für die Leser kaum einen Comentar nöthig haben, und werden sie eben so gut verstehen, wie die Tischgesellschaft im Hause Frohmanns. —- Der alte Götzel, der sich noch heute morgens in der Fleischbank mit allen Frauen der Gemeinde herumzankte, weil eine jede nicht nur einen schönen sondern den schönsten Theil des ausgeschrotteten Ochsen haben, und dabei zu allererst bedient sein wollte, — liegt jetzt im Todeskampfe, und seine scheidende Seele wird es gewiß den Damen in Weilenheim verzeihen, daß er bei aller Unschuld die Ehrentitel: Flegel, Grobian, und andere ähnliche Süßigkeiten der Conversation mit denen sie ihm bcdachren, in die Tasche stecken mußte. — Es war auch nicht so böse gemeint sie blieben dennoch seine treuen Kunden, denn er hatte bei allen Unebenheiten in seinem geschäftlichen Umgänge das schönste Fleisch in der Khille und gab, was nicht gleichgiltig ist, das beste Gewicht. Ich will nur erst benschen (das Tischgebet verrichten), erwiederte Frohmann des Doktors Worte, dann gehe ich gleich hin, ich werde ihn nicht ohne Schema Jisroel (Höre Israel ein Gebet bei Sterbenden) sterben lassen. Es ist schade um ihn, er war ein ehrlicher Iüd. — Was ist ihm geschehen? Reb Schaje? fragte die Rebbezin gutmüthig. — Es ist ihm geschehen, versetzte der Doktor, was allen Menschen früher oder später geschieht. — Damit war die Unterredung geschlossen und der wortkarge Schaje empfahl sich. Es trat eine Stille ein, die niemand unterbrach, selbst die Kinder nicht, bis Frohmann mit lauter Stimme sein Tischgebet verrichtete und die andern Anwesenden desgleichen thaten. Nach Beendigung desselben zog Frohmann seinen Rock an und sprach: Rösel mein Kind! ich nehme den Hausschlüssel mit, ich weiß nicht wie lange ich ausbleibcn werde; geht nur alle ruhig schlafen und richte auch der Fremden ein gutes Lager. Die Gattin drückte ihm zärtlich die Hand, die Kinder sagten ihm eine „gute Nacht" auch die Fremde nahte sich ihm schüchtern, küßte ihm die Hand, auf die eine heiße Thräne fiel. Frohmann eilte fort. Wenige Schritte vor seinem Hause sah er eine große Gruppe von jungen Männern und erwachsenen Mädchen in Scherz und Frohsinn vereint, sie schäkerten, jubelten, sangen und waren in der heitersten Stimmung. Es war dieß von jeher so üblich in Weilenheim und gewiß auch in anderen jüdischen Gemeinden, daß sich das junge Volk in den schönen Sommernächten der Sabbathruhc unter Gottes freiem Himmel versammelte, und der geselligen Unterhaltung nach Herzenslust hingab. — Es war dieß ein idilisches Vergnügen, das der lebenslustigen Jugend für Bälle, Reunionen und andere Freudenfeste, die noch in r-••ifenljcim der Einführung harrten, Ersatz biethen mußte— Ter Rabbiner näherte sich der lustigen Gesellschaft, die von seiner Ankunft nicht wenig überrascht wurde, Alles wurde mäuschenstill, kein Laut wurde gehört und jeder war gespannt zu hören, was den frommen Rabbiner veranlaßt haben mochte, der ungebundenen Unterhaltung der jungen Leute nachzuspüren. Es thut mir leid, begann der Rabbi euck in eurer Lustbarkeit zu stören, allein heute ist euer Jubeln und Lärmen nicht am Platze es ist ein Goßes (in den letzten Zügen Liegender) in der Khille, der alte Götzel liegt im Sterben, auch brauche ich die jungen Männer zu einer Mizwch (Erfüllung eines religiösen Geboths.)— Zwei von euch mögen