Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 24 (13.12.1866)
- Date
- 1866-12-13
- Page
- Seite 188 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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188 betete ich das Mincha- und das Abendgebet, legte mein Sündrnbekenntniß ab, und gab mich ganz auf, mich tröstend daß ich vielleicht, wenn ich gehängt würde, unter die Zahl der hell. Märtyrer komme. Solchen Gedanken gab ich mich hin bis gegen eine Stunde vor Nacht, da ward ich zum Regimentsschulzen gerufen. (Fortsetzung folgt.) Eine Wandlung in der Ethik des Zudenthums. von Kreisrabbiuner I. Wiesner. Es ist nicht zu verkennen, daß um "die Zeit Schamais und Hilels die Ethik des Judenthumes eine bedeutende Umgestaltung erfahren hat, sie ist eine weichere eine sanftere geworden, aber in ihrer Demuth in ihrer Entsagung spricht sich eine tiefe Verachtung der zeitlichen Welt und aller ihrer Güter aus. Die Helden der biblischen Zeit die Patriarchen, Propheten u. s. w. man kann ihnen Tapferkeit, hohen Sinn und edlen Stolz nicht absprechen. Moses schlägt in seiner! Entrüstung den boshaften Egyptier nieder, der seinen israeli-! tischen Bruder mißhandelt') David hätte den ihm von Nabal zugefügten Schimpf, ohne die Dazwischenkunft der eben so klugen als anmuthsvollen Abigajil, in dem Blute des verworfenen abgewaschen") Mit welchem edlen Unwillen klagt der Prophet Iirmijah über die ruchlose Tücke seiner Feinde, die ihn den Unschuldigen und Treuherzigen zu verderben trachten! und sein arg verletztes Gcmüth'findet nur Beruhigung in dem Vertrauen, daß der höchste Richter, die gegen ihn verübten Uebclthaten nicht unbestraft lassen werde?) In gleichem Sinne spricht der Psalmist sich an gar vielen Stellen aus?) Sie waren alle weit entfernt die Unbill, die Kränkung in unerschütterlicher Geduld, in ruhiger und stiller Ergebung hinzunehmen, sie suchten vielmehr ihrer Entrüstung, so gut es anging Luft zu machen, und wo möglich dem Feinde nach seinem Verschulden zu vergelten — Als eine scheinbare Ausnahme könnte der Prophet Jesajah II. angesehen werden, welcher sagt: „Meinen Rücken gab ich den Schlagenden Preis, meine Wange den Raufenden, mein Angesicht entzog ich nicht der Schmähung und dem Anspeien."5) Aber diese Ausnahme ist eben nur scheinbar, denn der Prophet duldet dieses Alles nicht aus Gleichgültigkeit oder aus purer Demuth, sondern im festen Vertrauen auf Gott den gerechten Richter, der ihm dem Unschuldigen und Pflichtgetreuen beistehen, und seine Feinde zu Grunde richten wird. Er ergänzt darum seine Rede mit den Worten: „Aber der Herr, der Ewige, steht mir bei, darum ward ich nicht zu Schanden, darum machte ich mein Antlitz wie Kiesel, da ich weiß, daß ich nicht zu Schanden werde. Nahe ist der mir Recht schafft! Wer hadert wider mich? Siehe der Herr, der Ewige stehet mir bei, wer will mich verurtheilen? Siehe Alle zerfallen wie Gewand, die Motte verzehrt sie." Eben so wenig empfehlen die alten philosophischen Systeme eine widerstandlose Ergebung, eine demüthige Ruhe, feindlichen Angriffen und böswilligen Beleidigungen gegenüber. Tapferkeit und edler Stolz sind dem Aristoteles Tugenden, die nicht verleugnet werden dürfen, ihre Bernach- , läffigung führt zur Feigheit und Ehrlosigkeit?) Den griechischen Philosophen ist nur das Schöne, den römischen nur das Ehrenvolle gut, „quod honestum est, id solum bonum est.“7) Nun konnte man aber ein widerstandloses Leiden von Schmach und Unbill weder schön noch ehrenvoll nennen, und mußte daher dasselbe unbedingt als verwerflich gelten. „Es ist ein Schauspiel eines Gottes würdig," sagt Seneca?) ') Exod. 2. 11, — *) 1. Sam. 25. — *) Jirm. 11, 19, 15. 10 20. 7. — 4) Psalm 35 u. 69. — s) Jesaj. 50 6. — s) Arist Eth. Nie : 2. 7. — 7) Cicero Paradoxon 1. De finib 5. 21. s. Riltrr Geschichte d. 'Philosophie 4. B. S. 157.— ®) De provident. 2. 6. — ein tapferer Mann, der mit einem bösen Geschicke im Kampfe liegt, oder der vielmehr das Schicksal zum Kampfe herausfordert. Ich wüßte nicht was Jupiter, wenn er seine Aufmerksamkeit einmal dieser Erde zuwendet, dort Schöneres wahrnehmen könnte, als einen Cato, der nachdem seine Partei, die der Gutgesinnten, wiederholt geschlagen und kampfunfähig gemacht worden, nichts desto weniger zwischen den Trümmern, des zu Grunde gerichteten Staates aufrecht und ungebrochen da steht. Mag Alles von einem einzigen Manne überwältigt und bezwungen werden, mögen seine Legionen das Land, seine Flotte das Meer noch so streng bewachen, mögen die Söldner Cäsars alle Ausgänge besetzt halten, Cato wird den Weg immer frei finden, aus dem er sich der Gewalt entzieht. Mit eigner Hand schafft er der Freiheit eine breite Strasse, sein gutes Schwert, das er im gräulichen Bürgerkriege rein und makellos erhalten, leistet ihm jetzt gute und edle Dienste, cs wahrt ihm selbst die Freiheit, die er dem Vaterlande nicht zu wahren vermochte. „Cato, der den Dolch in seine Brust stößt, um die Freiheit des Vaterlandes nicht zu überleben, gewährt dem römischen Philosophen einen erhabenen Anblick; aber er würde sich mit Entsetzen abwenden von einem Cato, der mit Fesseln beladen vor dem Triumphwagen des Siegers einhergeht, der von Henkershand gegeißelt oder ans Kreuz geschlagen wird. Warum wußte er auch nicht zur rechten Zeit zu sterben, um ein ehrenvolles Leben nicht schmählich zu enden? Ein Leiden ohne jede Gegenwehr, ein Ueber sich ergehen lassen des Schlimmsten und Schimpflichsten, ohne mit eigener Hand in das Rad des Schicksals cinzngreisen, kann weder Beifall noch Bewunderung erwerben. Nur die Handlung, die Entwicklung der Kraft, ist schön zu nennen, so wie die Aktion aufhört, ist auch die Person für uns todt, und das Todte hat für den Lebenden kein Interesse mehr. (Schluß folgt.) Correspouden;en. Prag. Vergangenen Samstag hielt der ehrwürdige Herr Oberrabbiner Rappoport in der Altncu-Synagoge wie alljährlich am Sabbath-Chanuka einen homiletischen Vortrag, der für die kritische Bibelexcgese viel Interesse bot, und in welchem der Redner wiederum Proben seines seltenen Scharfsinns ablegte— Möge der Allgütige den ehrwürdigen Greis noch lange Jahre seiner Gemeinde und der jüdischen Wissenschaft erhalten. Das Comite für Talmudtorah hat an die Stelle des verstorbenen Ernst Wehli, den hochverehrten Herrn Prof, vr. Wessely als neuen Obmann erhalten. Unter einer so ausgezeichneten Leitung läßt sich das beste Gedeihen, und die zweckmäßigste Entwicklung dem Institut prognosticiren. Wie wir hörten wird schon in kürzester Zeit eine Reorganisotion der Talmudtorah vorgenommen, wodurch der Talmudunterricht eine Erweiterung erhalten soll, um die Hörer für die Vortrüge des Herrn Teweles gehörig vorzubereiten. Den bezüglichen Unterricht hat Herr vr. Stein, Prediger der Meiselsynagogc übernommen. Auch soll ein Lehrer für den Unterricht in der lateinischen und griechischen Sprache cngagirt werden. Diese Bestrebungen zeigen, wie sehr das Comite von dem Wunsche beseelt ist, die vorhandenen Lücken auszufüllen, und bleibt nur zu wünschen, daß der Gemein- und Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen dem tobt. Comite die materiellen Mittel liefern möchte, die für Vervollkomnung der Anstalt unentbehrlich sind. Wir zweifle» gar nicht, daß mit der Zeit sich aus diesen. alle Anerkennung verdienenden Anfängen ein allseitig befriedigendes Seminar entpuppen werde. Wien 4. Dezember. Die Feier zu Ehren Kurandas, die von den Wiener Journalisten gestern veranstaltet wurde, ist für die österrei-