Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 24 (13.12.1866)
- Date
- 1866-12-13
- Page
- Seite 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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187 Zur Geschichte -er Juden in SSHmen. Von H. Kohn. Ein tiefes, undurchdringliches Dunkel verhüllt noch immer zum großen Thcilc die Geschichte der Inden Böhmens, und vergebens bemühen sich-die Gelehrten, in diese Finstcrniß Licht zu bringen. Wo cs die Vergangenheit eines Volkes gilt, da genügen keine Hypothesen; eS handelt sich um Thatsachen, und diese können nur aus authentischen Quellen geschöpft werden. An diesen mangelt es uns nun fast ganz und gar. Es gibt ganze Zeitalter, ja ganze Jahrhunderte in der böhmisch jüdischen Geschichte, von denen uns auch j nicht die geringste historische Nachricht bekannt ist. — Um so mehr ist es daher Pflicht eines Jeden, der für Wissenschaft ein Interesse hat, solche geschichtliche Nachrichten, Documente oder Urkunden, die sich entweder in den verschiedensten Werken zerstreut, oder im Besitze von Privatpersonen befinden und daher dem größten Theilc der wissenschaftlichen Welt noch unbekannt sind, zu sammeln und der Oefseutlichkeit zu übergeben. Nur so wird es dann möglich sein, das Dunkel, das noch über viele Perioden unserer Vergangenheit schwebt, zu erhellen und ein wahres Bild von den Zuständen und Schicksalen unserer Vorfahren in Böhmen zu erhalten. — Diese vorausgcschickten Bemerkungen veranlassten mich zur Veröffentlichung der folgenden, sehr interessanten „Familienmegillah" aus dem Jahre 1622, deren hauptsächlichster Inhalt nach „Hermann's Geschichte der Israeliten in Böhmen Seite 56 auch vom Chronisten W. Cerwenka notitia Collegii confictorum 8. I. Pragae apud 8. Bartholomaeum 8. Prag 1674 P. 60—63" bestättigt wird.— Sie befindet sich in Manuskript im Besitze einer hochachtbaren Familie (M.) in Prag, welche noch alljährlich zur Erinnerung an jene Begebenheit ein sogenanntes Purimfest feiert. — Ein Glied derselben, mein Freund A. K. hatte die Güte, mir jenes Dokument hebräisch abzuschreiben, und ich lasse nun die wörtliche, deutsche Uebersetzung folgen.— „Aus dem Schlosse des Fürsten Lichtenstein wurden Damastvorhünge gestohlen, während dieser grade in Wien war. Dies Ereigniß ließ sein Hausverwalter in allen Synagogen ausrufen, und so geschah es auch bei uns. Am Donnerstag am 17. Tage des Monats Tcbcth des Jahres 5383 ries ich den Diebstahl aus, und entfernte mich eben aus der Synagoge. Da kam zu mir R. Joseph, Sohn des R. Jekutiel Thein, Eidam des Fleischers Schmerl, brachte mir die Vorhänge, und sagte, daß er sie von 2 Soldaten gekauft hätte. Ich meldete dies den Vorstehern und diese beriethcn sogleich, was nun zu thun sei. Man kam überein, daß der Gemeindevorsteher, R. Jacob Teomim*) sie nehme, und dem fürstlichen Hausverwalter übergebe. Dies geschah auch am Sonntage, den 20 Tebeth. R. Jacob stellte sie zurück, man nahm sie ihm gnädig ab und entließ ihn freundlich mit gütigen Worten. Gleich nach seinem Weggehen begab sich jener Mann (der Hausverwalter) zum Grafen Rudolph") Waldstcin," der damals au der Stelle des Fürsten (Lichtenstein) Stadtcommandant war.— Dieser war sehr schnell bei Prozessen und verurtheilte im Nu zum Tode, viele Soldaten ließ er während seines Regimentes aufhängen.— Dieser ertheiltc nun sogleich den Juden den Befehl, Mi die Vorsteher ohne Verzug zu ihm kommen sollten. Als R. Jacob zu ihm kam, befahl er ihm, Zornig, den Mann, der die gestohlenen Sachen gekauft habe, zu ihm zu bringen. Die Vorsteher beriethen nun wieder, was zu thun sei, ^schlossen, R. Jacob solle dem Grafen sagen, daß sie stlbst den Mann nicht kennen, indem dieser das gestohlene ®A','m Gemeindediener hinterlegt habe, welcher vereidigt > ser, Niemandem das ihm anvertraute Geheimniß zu ver- * ratf)ett. — Es sollte nähmlich jeder, der etwas Gestohlenes 2 %r starb Ende 1627. Siehe Gal Ed S. 31. Grabstein 42. ) Soll wahrscheinlich heißen Albrecht. kauft, dasselbe wiedergeben könne, ohne fürchten zu müssen, daß er verrathen werde. Denn hätte Jemand dieses zu befürchten, so würde Keiner mehr Etwas zurückgeben. Mit diesem Bescheide ging nun R. Jacob zum Grafen. Dieser aber erzürnte darob und schwur, daß er (R. Jacob) selbst ausgehängt werde, wenn sich nicht bis Morgen Dienstag vor Mittag der Mann bei ihm gestellt haben werde. — Zugleich befahl er dem -iramp (Untersnchungscommissär) zu deutsch Regimentsschulze, daß er schnell durch Zimmerleute einen Galgen neben dem Hause des Henkers auf dem sogenannten Schinderberge errichten lasse und zwar, solle er bis morgen Mittag ganz fertig sein. Denn die Juden sind nicht werth, auf dem für Soldaten bestimmten Galgen zu hängen.— Traurig und bestürzt eilte R. Jacob nach Hause, und berief die Vornehmsten und die Vorsteher der Gemeinde zu einer Berathung. Man überlegte lange, und. kam endlich zu dem Entschlüsse, den Mann selbst nicht auszuliefcrn, jedoch sollte ich zu ihm (dem Grafen) gebracht werden; vielleicht gelingt es, ihn zu beschwichtigen. Am Morgen des Dienstag ließen die Vorsteher den schon genannten Joseph, den Käufer der gestohlenen Vorhänge in's Gemcindegefängniß, Ketzel (eareer) genannt, setzen, um ihn bei der Hand zu haben, falls ich nichts ausrichten würde und man auf seiner Auslieferung bestände. — R. Jacob nahm mich nun mit. sich und wir gingen zusammen zum Grafen.— So wie dieser mich sah, sprach er zu ihm (R. Jacob): „Geh, Du bist frei; jedoch der Strick, der von deinem Halse genommen wurde, werde auf diesen Mann gelegt. Also das ist der Mensch, der das gestohlene Gut gekauft hat?"— Ich erwiderte : „Nicht doch, ich kann ja nicht wissen, wer der Mann sei; ich bin nur der vereidete Gemeindedicner." Da fuhr er mich zornig an und sprach : So wisse, daß Du morgen Vormittag aus den Galgen gehängt wirst, der bereits für Dich aufgcrichtct wird." Ich sprach: „Ich bitte, mein Herr! warum, aus welchem Grunde entbrennt der Zorn meines Herrn? Kam doch ein gleicher Fall schon zu Kaiser Rudolphs Zeiten vor; dem wurde auch ein silberner Becher gestohlen, welchen man bei mir hinterlegte. Ich brachte ihn dem kaiserlichen Richter, und dieser zwang mich durchaus nicht, ihm den Mann zu nennen, der den Bcchcr gekauft hatte! Da wurde der Graf noch zorniger, und so wie ich dies bemerkte, sagte ich: „Möge cs doch dem Herrn nicht verdrießen, ich will schon den Namen dem R. Jacob nennen, zugleich uannte ich denselben in seiner Gegenwart. Da befahl er diesem (R. Jacob) den Mann binnen einer Stunde zur Stelle zu schassen, sonst werde er (R. Jacob) gehängt. So wie R. Jacob dieses hörte, lief er schnell davon, um diesem Befehle nachzukommen, und den Mann herbeizubriugen. — Auch ich wollte mich nun davon machen, da schrie er mich fürchterlich an: „Hab' ich nicht Befehl gegeben Dich zu hängen? und er ließ den Gefangenwärter, Profoß genannt, rufen, und fragte ihn, ob der Galgen schon fertig sei. — Dieser bejahte es und nun befahl er ihm, mich in's Gcfängniß, Stockhaus genannt, zu führen, mir Hände und Füsse mit eisernen Ketten zu schließen, und mich am Morgen zu hängen. So wie ich dies hörte, fiel ich auf die Knie, und bat weinend, mich frei zu lassen, da ich doch gar nichts verschuldet hätte. „Habe ich den Käufer der Vorhänge nicht genannt? Sie werden ihn schon hierher bringen, warum entbrennt also der Zorn des Herrn, warum soll unschuldig Blut vergossen werden?" — Da fuhr er mich an, und schwur bei seinem Gotte! „Du sollst nicht vom Tode befreit sein, sondern Du und jener Mann werden morgen Mittag gehängt!" und je mehr ich flehte, um so mehr fluchte er, bis mich der Profoß nahm, und in Begleitung vieler Soldaten in's Gefängniß abführte, wo er mir auch an Hände und Füsse Fesseln anlegte. Da saß ich nun allein, kein Glaubensgenosse kam zu mir. Doch waren noch sehr Viele ist demselben Kerker cingesperrt. Als ich so bis gegen Abend da gesessen war, kam auch der Käufer (der Vorhänge) mit dem Profoßen, welcher nun mir die Eisen abnahm, und sie jenem Manne anlegte. Dann ging er wieder weg. Jetzt 24*